Bei meiner Leib- und Magen-Community, Ravelry, gibt es mehrere Karma-Yarn-Swap-Initiativen. Das ist löblich. Das Prinip ist denkbar einfach: Man hat ein Garn, sei es in größeren Mengen, sei es wenig, das man nicht gebrauchen kann. Da im Universum das Prinzip “Wat dem einen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall” gilt, kann man dieses Garn anbieten. Wer es haben möchte, meldet sich, bekommt es zugeschickt und stellt dafür etwas anderes zur Verfügung, dass dann von irgendeinem Dritten gewünscht wird, der seinerseits eine Mail schreibt und etwas einstellt … na, Ihr wisst schon. Ich finde dieses Prinzip schön, denn man gibt etwas weg, was man nicht mehr haben möchte, aber jemand anderem Freude macht, OHNE dass man eine unmittelbare Gegenleistung erwartet (man will den Kram ja ohnehin nicht mehr haben). Stattdessen vertraut man darauf, dass das Universum einem irgendwann etwas anbietet, was man selbst braucht. Toll, was?
Nun bin ich im europäischen Karma-Swap-Forum, und da funktioniert die Sache ausgezeichnet. Die Garne sind schön und hochwertig, die Regeln wie oben beschrieben, also denkbar einfach. Alles bestens. Ebenso bei unseren freundlichen amerikanischen Gastgebern bei Ravelry, auch dort läuft die Sache wie geschmiert.
Dann gibt es das Karma-Swap-Forum der Deutschen, und das geht gar nicht. Also, überhaupt nicht. Wirklich nicht. Es erinnert mich wieder daran, warum mein durch und durch deutscher Vater (Jahrgang 1922 und beiliebe kein multikulturell bewegter Alt-68er) im Urlaub prinzipiell ins Ausland (vorzugsweise Italien) fuhr und dort so ziemlich jedem Deutschen aus dem Weg ging (bei ganz peinlichen Exemplaren wurden auch schon mal fluchtartig Cafés verlassen, da es einfach … unschön war (wir wollen die Mäntel des Schweigens und der Barmherzigkeit darüber breiten). Auch hier gab es natürlich Ausnahmen, die jedoch leider nicht die Regel waren.
Wo war ich? Ach ja, der deutsche Karma-Swap. Das einfache Prinzip A gibt – B nimmt und gibt – C nimmt und gibt wurde gewissermaßen pervertiert, genauer gesagt: kleinlich bürokratisiert. Vor dem Tausch steht die Überlegung, und die sieht so aus: Was ist, wenn A gibt und B nimmt und weniger gibt, als A gegeben hat? Für diesen schockierenden Sonderfall muss eine Regelung aufgestellt werden, und zwar nach dem Schema: 200 g Garn A haben den Wert von 300 g Garn B, aber nur von 25 g C. Operiert wird bei diesem Ergehen in grauer Theorie mit Qualitäten wie Merino, Mohair und Angora. Und was sieht man, wenn man die konkreten Angebote sichtet: Kunstfasermischungen. Also ehrlich, geht es noch? Könnt Ihr Euch Eure Gedankenspielchen mit Edelgarnen nicht aufheben, bis ein solches wenigstens am Horizont erscheint? Dies alles ist denkbar unattraktiv, da ich wenig Lust habe, mich gedanklich zu foltern, ob meine Garnqualität A in Menge X dem Angebot entspricht oder ob das Forum geschlossen über mich kommt, weil es der Meinung ist, es hätten mindestens 3,5 g mehr sein müssen. Und mir fällt zwangsläufig ein, warum selbst der deutsche Teil meiner Familie Deutsche allgemein nicht ausstehen konnte (Ausnahmen bestätigen die Regel: Es gibt wunderbare Deutsche, herzliche Grüße an die vielen netten Menschen und meinen wirklich bezaubernden Lebensgefährten, aber manche: mimimi!). Und dann wundert man sich, warum die Karma-Swap-Idee bei den Amerikanern gut läuft, bei den Europäern auch, aber beim nationalen Forum so gar nicht.
Ich werde bei den Europäern karmaswappen: Schönes Garn, freundliche Menschen, die einen nicht bürokratisch erschrecken, keine Belästigung mit idiotischen Vorschriften, Portokosten, die sich in überschaubaren Grenzen halten. Der skandalöse Fall, dass Garn B tatsächlich weniger wert ist als Garn A wird nicht behandelt, denn falls jemand wirklich 1 kg reines Angora abgreift und 50 g Topflappengarn einstellt, bedeutet das eben schlechtes Karma, und das muss jeder mit sich selbst abmachen. Mal ganz abgesehen davon, dass jemandem, dem 50 Gramm Topflappengarn in einer bestimmten Farbe fehlen, die er händeringend sucht, das Kilo Angora vermutlich am Arsch vorbeigeht.
Ach ja, Karma bedeutet nicht: Ich gebe A und bekomme B, was mindestens den Wert von A hat, aber den von C keinesfalls unterschreiten darf, sondern: Ich gebe A und vertraue darauf, dass irgendwann ein B kommt, das mich glücklich macht. Und wenn nicht: auch egal. Dann schenkt mir vielleicht ein Fremder einen wunderschönen Blumenstrauß oder erzählt mir, wie wunderbar ich bin und rettet mir den Tag. Und das ist doch auch was Schönes.
Das Prinzip funktioniert, wenn man darauf vertraut, und das in allen Bereichen: Ich habe schon manches Mal einem bedauernswerten Zeitgenossen, der kein Geld oder sein Portemonnaie vergessen hatte, eine Busfahrkarte bezahlt, denn 1,60 oder 2,50 machen mich weder reicher noch schöner noch glücklicher. Und was passiert, wenn ich verzweifelt vor einem Automaten stehe, den Geldbeutel mit größeren Scheinen aber ohne Kleingeld gefüllt? Es kommt ein mir völlig unbekannter Mensch angelaufen, der die Münze für mich einwirft. Immer. Echt. Es funktioniert. Man muss nur darauf vertrauen. Und selbst, wenn mal niemand kommen sollte, der mir die Münze einwirft,: Ich komme irgendwie nach Hause, und einen Monat später werde ich darüber lachen. Karma ist auch das Vertrauen auf den netten Menschen, nicht das Warten auf die Banküberweisung in Höhe von 1,60. Also, macht Euch locker, Leute.
Alle, die Schwierigkeiten mit der Definition des Karmabegriffes haben, sei dieser Artikel zur eingehenden Lektüre empfohlen.
Und nun: zerfetzt mich, beleidigt mich, verbannt mich aus Blogroll und/oder Feedreader, aber ich stehe hier und kann nicht anders.
Just a few words why the German karma swap at Ravelry’s doesn’t work.