December 15, 2010 - ח' טבת תשע"א
Vor Monaten bereits hatte ich zugesagt, mit Margarete Dolff zusammenarbeiten, die für das LWL-Textilmuseum Bocholt an einer Ausstellung mit dem Titel Verstrickungen mitwirkte und mich um Unterstützung bat.
Da ich über Museumserfahrung verfüge, war ich begeistert, auf diesem Gebiet mal wieder tätig zu werden, und ich sagte zu. Erzählt habe ich jedoch erst mal nix, denn das ist oft ja etwas schwierig mit einigen Teilen der hiesigen Strickszene. Es ist auch nur eine ganz kleine Ausstellung, da nur sehr wenig Platz zur Verfügung steht in diesem wunderbaren Museum, das ein echtes Juwel für jeden ist, der sich für Textiles und seine Entstehungsgeschichte mitsamt der dazugehörigen Arbeiterkultur interessiert. Also, Zähne halten, damit nichts durchsickert (ich sage nur “Radiobeitrag”) und Diskretion wahren bis zur Eröffnung.
Das Museum selbst ist eine alte Weberei, die zu einem Ensemble erweitert wurde, das Einblick in Technik und Lebenswelt der Arbeiter vermittelt. So wurden die Bestände ergänzt und historische Arbeiterhäuser zum Teil auf das Gelände verpflanzt. Die Weberei ist heute wieder tätig; nicht im großen Stil, sondern für Demonstrationszwecke und für den Museumsshop; gewebt wird mit Garnspenden der Textilindustrie, und die Produkte sind wirklich sehenswert und sehr praktisch und alltagstauglich (also nicht die üblichen Staubfänger, mit denen man nichts anzufangen weiß, wenn man wieder zu Hause ist).
Aber zurück zur Ausstellung; mein eigener Beitrag ist eher bescheiden; ich habe zwei Texte verfasst (über Elizabeth Zimmermann und ihren intellektuellen Ansatz und über Fischerpullover), einige Exponate beigesteuert und den Eröffnungsvortrag gehalten (Thema: Das strickende Universum – Einblicke in eine Parallelwelt).
Zunächst gibt es einen kurzen Einblick in das Stricken im Deutschland der Nachkriegszeit. Es ist überhaupt nicht einfach, hierfür Exponate aufzutreiben. Textiles hält sich ja generell schlecht, und bei der zunehmenden Wegwerfmentalität der letzten Jahrzehnte ist vieles, was im 20. Jahrhundert entstand, entsorgt worden, als es dem Geschmack nicht mehr entsprach oder beschädigt war. Gar nicht aufzutreiben waren Dinge, die in der Nachkriegszeit aus der Not heraus entstanden sind, also Socken aus Zuckersäcken und ähnlich hautfreundlichem Material, denn die flogen in ganz hohem Bogen als erste, sobald Kleidung wieder käuflich zu erwerben war.
Ausgestellt sind z. B. ein echtes Familienstück; eine sehr geliebte, handgestrickte Taufdecke, typische Kinderkleidung der frühen Fünfziger im Trachtenstil (vermutlich das passende Outfit zur Heimatfilmwelle), dann – sehr interessant – die an einem Handstrickapparat hergestellten Proben nebst dem Abschlusswerk der Strickerin – alles in verblüffender Feinheit, wie man es von heutigen an der Strickmaschine hergestellten Dingen überhaupt nicht kennt und schließlich eine Reverenz an die letzte große Strickwelle der Achtziger, als alles kastig, klobig, übergroß und sehr bunt war.
Der Höhepunkt dieses Ausstellungsabschnitts ist allerdings dieser Strickmantel aus den Siebzigern in typischer Hippie-Flower-Power-Optik – gestrickt aus reinem Acrylgarn und somit völlig unbelastet von jeglichem ökologischen Bewusstsein. Es ist ein faszinierendes Teil, das heute kaum jemand wagen würde zu tragen (außerhalb der Karnevalsaison) und das haptisch auch eher unangenehm ist.
Die Stricktradition der arbeitenden Bevölkerung wird anhand der berühmten Fischerpullover dargestellt – praktische, alltagstaugliche und hoch strapazierfähige Teile, die identitätsstiftend wirkten und in einer feineren Variante auch zu Sonn-, Fest- und Feiertagen getragen wurden.
Nicht fehlen darf natürlich auch der Deutschen liebstes Projekt: die Socke. Die hier gezeigten Exponate sind technisch und ästhetisch ausgefeilt und bis ins Detail durchdacht – Socken auf höchstem Niveau eben. Alle Designs stammen von MAZ.
Das zeitgenössische Strickdesign, u. a. Ravelrys populäre Projekte, haben eine eigene Vitrine, die gleichzeitig die heutige Liebe zum gestrickten Accessoire thematisiert. Man sieht Designs von Stephen West, Kieran Foley (einem der Meister des Lace), von Shibui und von Maz (der faszinierende Zebra-Schal rechts, den ich unbedingt auch stricken muss).
Ein weiterer moderner Trend ist das Stricken von Dingen, die man eigentlich nicht braucht, die nicht zum Bekleiden, zur Abrundung des Outfits oder als Tischdecke bzw. Gardine für das eigene Heim gedacht sind: gestrickte Pilze und Pflaumen von capstatt – braucht man nicht, sehen aber bezaubernd und witzig aus (und erwiesen sich leider als unfotografierbar, aber es gibt ja die Website).
Ebenfalls eine Nische nimmt das Stricken von Kleidern für alte Miniaturpuppen ein; sie werden aus Nähgarn oder feinstem Baumwoll-Häkelgarn mit langen Stecknadeln gestrickt – eine unendlich feine und diffizile Arbeit, die große Akribie und Sorgfalt verlangt.
Das Herzstück der kleinen Ausstellung ist die sogenannte Hall of Fame. Hier werden einige richtungsweisende Designer mit Arbeiten und der entsprechenden Literatur präsentiert, die die zeitgenössische Strickkultur nachhaltig beeinflussten und wichtige Trends begründeten oder perfektionierten.
Links: Barbara Walker. Sie verfolgt einen feministischen Ansatz und veröffentlichte einige Musterbücher, die bis heute kopiert werden und trotzdem unerreicht blieben. Außerdem – und das ist hier dargestellt – veröffentlichte sie ein Rezept, um Oberteile vom Halsausschnitt beginnend in einem Stück zu stricken.
Rechts: Alice Starmore. Die schottische Designerin interpretiert Aran- , Fair-Isle- und Strukturmusterstrickerei auf individuelle Weise und schuf viele berühmte Designs.
Elizabeth Zimmermann: Die Ingenieurin des Strickens befreite eine riesige und ewig dankbare Strickgemeinde vom lästigen Zusammennähen und von der sklavischen Befolgung von Anleitungen. Ihre “Rezepte” bestechen durch hervorragende Passform, universelle Anwendbarkeit, der Freiheit bei der Material- und Musterwahl und ihren logischen und glasklaren Aufbau.
Vorne, rechts: Kaffe Fassett. Der Meister der Farben und Muster brachte einen malerischen Aspekt in die Farbstrickerei. Seine Muster sind auf unterschiedlichste Weise und in verschiedenen Techniken umsetzbar.
Hinten, links: Cat Bordhi. Ihre verspielte Umsetzung mathematischer Grundlagen begeistert nicht nur Stricker, sondern auch Naturwissenschaftler und Programmierer.
Abgerundet wird die Ausstellung durch Hörbeispiele, Mitmachsektionen, einer Diashow zum Thema Yarn Bombing und einem originalen Garnschrank, der von der Firma Zitron mit unterschiedlichen Handstrickgarnen bestückt wurde.
Mag die Ausstellung noch so klein sein, war es für mich doch überwältigend, dass einige meiner Gestricke tatsächlich in einem Museum ausgestellt werden, als Beispiele für die Umsetzung der Entwürfe moderner Designer. So richtig begriffen habe ich das erst am Samstag, als ich die Gelegenheit hatte, die Ausstellung vor der offiziellen Eröffnung zu sehen.
Der Sonntag schließlich war sehr lustig, denn da fand die Adventmatinee des Förderkreises statt. Der Raum war bis auf den letzten Platz besetzt, und irgendwie hatte ich im Vorfeld übersehen, dass da keine einfachen Museumsbesucher anwesend sind, sondern eben die Honoratioren Bocholts (ich war davon ausgegangen, dass es sich um eine einfache Ausstellungseröffnung handelt). Es muss schon arg gewesen sein, denn ich war in einem für mich typischen Outfit gekommen (schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt, schwarze Kapuzenjacke und Bikerboots), was sicherlich nicht ganz das war, was erwartet wurde, aber einen interessanten Kontrast zu Anzügen und eleganten Kostümen darstellte. Vorgestellt wurde ich auch noch als “politische Aktivistin”, was so nicht ganz vorgesehen aber sachlich nicht falsch war; aber da muss man eben durch.
(Und ehrlich, hätte ich es gewusst, hätte ich auch nichts anderes angezogen)
Im Outlaw-Outfit hielt ich dann auch den Vortrag; 15 Minuten über die Vielfalt des heutigen Strickens vor einem kulturell interessierten, aber gänzlich strick-unaffinen Publikum (wie gut, dass es nicht mein erster Vortrag war und ich wusste, dass man die Leute nicht durch endloses Herunterleiern allzu technischer Details langweilen sollte). Ich hatte Glück, es ging gut; das Publikum fühlte sich unterhalten und sogar amüsiert, und ich habe viel positive Resonanz erfahren, interessanterweise auch und vor allem von den männlichen Zuhörern. Ich wurde gebeten, nach dem Mittagessen spontan einen zweiten Vortrag zu halten; auch das beruhte auf einem Missverständnis, denn ich hatte die DVD mit den Fotos meines Shetland- Urlaubs eingereicht, damit sie während der Ausstellung (also: irgendwann mal) in Endlos-Schleife gezeigt werden; das heißt, vorbereitet hatte ich das nicht und durcheinander waren die Bilder auch geraten, also ging es völlig konzeptfrei und ohne halbwegs sinnvolle Reihenfolge zur Sache (irgendwas ist ja immer), und auch das funktionierte (die ersten Mitreise-Interessenten meldeten sich unmittelbar danach).
Ein wenig bizarr war es insgesamt schon, was nicht an den Leuten und auch nicht an mir lag, sondern eher an unserem Zusammentreffen bei dieser Gelegenheit, aber es war auf eine gute Art bizarr, da sehr anregend und horizonterweiternd. Ich begegnete sehr aufgeschlossenen und freundlichen Menschen, mit denen ich interessante Gespräche führte und die vielleicht ganz froh waren, dass eine solche Veranstaltung auch mal für die eine oder andere Überraschung gut sein kann.
Es war eine tolle Erfahrung für mich; ich bin dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte, meinen Beitrag für diese Ausstellung und die Matinee zu leisten und vor allem die herzliche Gastfreundschaft im Hause Dolff genießen zu dürfen.
Als ich Mutter Jinx von der Matinee erzählte, meinte sie: “Du solltest vielleicht über die Anschaffung eines offiziellen Outfits nachdenken”.
Das IST mein offizielles Outfit, Mami.

















































































































































































































































































































































