on tour


Seit Ravelry werden sie zunehmend auch in Europa bekannt: Knit Camps, also Zusammenkünfte, bei denen man sich irgendwo trifft, gemeinsam strickt und seinen stricktechnischen Horizont durch Workshops erweitern kann.

Dieses Jahr sind für unsere Breiten vor allem zwei Veranstaltungen interessant: das deutsche Raveler-Meeting in Backnang und das UK Knit Camp in Stirling, und an beiden werde ich nicht teilnehmen.

Backnang: Was ich letztes Jahr aus zweiter Hand erfuhr, riss mich so gar nicht vom Stuhl. Außerdem ist die Anfahrt von Hamburg aus für ein Wochenende recht weit; wäre es näher, würde ich es mir für einen Tag überlegen. Und dann: Backnang??? Nee. Keine Lust auf Lost in Backnang.

Stirling: Von der Location her wesentlich attraktiver, aber anscheinend von einer verquasten Orga heimgesucht: Einige Kurse finden nicht statt, da es Komplikationen mit den Verträgen zu geben scheint. Die Kursliste habe ich mir angesehen, und mich hat zu wenig vom Stuhl gerissen. Massenveranstaltungen finde ich eher gruselig, vor allem, wenn sie länger als einen Tag dauern. Und dann mit lauter Deutschen in Schottland? Nee.

Also fahre ich zu einem ganz speziellen Knit Camp: Eine Woche Shetland-Inseln. Station ist Lerwick auf Mainland, die Heimat von Jamieson & Smith. Die Unterbringung findet in einem traditionellen B&B statt, tägliche Ausflüge stehen auf dem Programm, außerdem tägliches Stricken. Besondere Highlights sind der Besuch eines weltberühmten Wollherstellers sowie des lokalen Museums, wo man antike Fair-Isle-Strickstücke im Original betrachten kann. Reisezeit ist August, die Teilnehmerliste ist geschlossen.

No Backnang, no Stirling Knitting Camp for me. It’ll be Lerwick, Shetland Islands instead. Lots of knitting, lots of yarn, ancient fair-isle sweaters and no Germans.

Nachdem der erste Ausflug nach Hitzacker mit einer Bootsfahrt anstelle einer Stadtbesichtigung endete, sind wir einfach nochmal hingefahren, denn das Städtchen hat uns sehr gut gefallen. Also, wieder hinein in Metronom und ein schienenbusähnliches Teil, wieder vorbei an zerquälten Gärten (O-Ton Mutter Jinx) und in die Altstadt von Hitzacker.

hitzacker19

Die Altstadt liegt auf einer Insel, umgeben von Elbe und Jeetzel. Man überquert eine Brücke und kommt an einem alten Wachhaus vorbei, das heute ein Restaurant beherbergt.

hitzacker2_17

Überschaubar, aber hübsch: Das Schloss; heute Rathaus und Touri-Information.

hitzacker2_6

Das alte Zollhaus, heute Museum (für einen Besuch war es viel zu warm)

hitzacker2_4

Fachwerkhäuser sind typisch für Hitzacker.

hitzacker2_13

Ob verputzt …

hitzacker2_11

… oder naturbelassen in Klinker

hitzacker2_14

Es gibt viele kleine Gassen.

hitzacker2_15

Und hinter Zäunen finden sich schöne Gärten (die an diesem Tag besonders reizvoll erschienen, weil sie schattig waren).

hitzacker2_16

Es ist wie immer und überall: Autos stören.

hitzacker2_20

Aber hier kommen sie nicht überall durch.

hitzacker2_19

Hitzacker ist ein sehr entspannter und wunderschöner Ort, ideal für einen Kurzurlaub.

hitzacker2_18

Hier sind die Gärten auch nicht so zerquält wie am Bahnhof.

hitzacker2_9

Die Störche sind in zwei Wochen mächtig gewachsen.

hitzacker2_7

Diesmal hatten wir auch Zeit für die Kirche; die knubbelig-gedrungene Bauweise ist typisch für die Gegend.

hitzacker2_2

Die kleine Gaube am Turm bedacht eine Glocke, die mit stündlichem Gebimmel ein wenig nerven kann.

hitzacker2_5

Typisch für den Norden und schön protestantisch-streng (aber stimmungsvoll): der klassizistische Innenraum.

hitzacker2_12

Multifunktional, platzsparend und ohne überflüssiges Gedödel: der Kanzelaltar

hitzacker2_10

Die Orgel

hitzacker2_8

Die gelben Kreuze sind ein Symbol für den Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage Gorleben.

Hitzacker besitzt einen der nördlichsten Weinberge. Trotz der Hitze entschlossen wir uns heroisch zur Besteigung des Berges, wo wir von wilden Tieren zerfleischt wurden (bei diesen Mücken half nicht mal die Anwesenheit von Mutter Jinx – ich wurde tatsächlich gestochen).

Auf dem Weg dorthin kommt man an den Resten einer Tanzkastanie vorbei. Dieses beeindruckende Naturdenkmal ist ca. 300 bis 400 Jahre alt. Sie musste leider stark zurückgeschnitten werden und wurde danach unterpflanzt; der Stamm mit einigen Ästen ist jedoch erhalten.

hitzacker2_24

Die Äste wurden künstlich heruntergezogen, damit man auf der ersten Ebene einen Tanzboden errichten konnte.

hitzacker2_22

Heute müssen die Äste abgestützt werden, und vor dem Betreten des Geländes wird gewarnt, da Baumteile herunterfallen können.

hitzacker2_21

Wir entschlossen uns jedoch, das Schild nicht gesehen zu haben und umrundeten den Baum.

hitzacker2_27

Und das lohnte sich: Wir leben noch, und der Baum ist von der Rückseite besser zu erkennen und sehr beeindruckend.

hitzacker2_29

Es war aber wirklich schon etwas verwittert, das Schild.

hitzacker2_28

Und auch gar nicht mehr so gut lesbar.

hitzacker2_23

Abgesehen davon war die Absperrung offen. Jawohl.

hitzacker2_33

Die Zwerge auf dem Schild verweisen auf eine Legende.

hitzacker2_31

Nun aber zum Weinberg: Der ist nicht sehr groß und besteht aus 99 Reben, die pro Jahr etwa 120 Flaschen ergeben.

hitzacker2_30

Der Weinanbau hat in Hitzacker eine jahrhundertealte Tradition, und es gibt sogar eine Weinkönigin (was in Weinanbaugebieten, so klein sie auch sein mögen, eine Art unvermeidbares Übel zu sein scheint).

hitzacker2_35

Oberhalb des Weinbergs befinden sich die Reste der ältesten Burg des Wendlandes, und man hat einen schönen Blick auf die Altstadt.

Nach dieser eher alpinen Erfahrung beschlossen wir, zum Wasser zurückzukehren, wo die Temperaturen erträglicher waren. Also setzten wir uns auf die Böschung und sahen dies:

hitzacker2_32

Außerdem sahen wir noch die Störche, die Nahrung für ihren ewig hungrigen Nachwuchs heranschafften. Da macht schon das Zusehen bei dieser Hitze müde.

Ich entschloss mich zu einer eher entspannenden Tätigkeit:

hitzacker2_34

Spinnen in den Elbtalauen. Das neue Spindelgehäuse macht’s möglich.

archewarder0

Der neueste Ausflug führte uns zur Arche Warder, einem Zentrum für alte Nutztierrassen, die in der heutigen, industriell geführten Landwirtschaft keinen Platz mehr finden und daher von der Ausrottung bedroht sind. Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist ein wenig abenteuerlich, aber möglich.

Es ist kein klassischer Tierpark, sondern wird bewirtschaftet; im angeschlossenen Hofladen kann man Produkte erwerben, die von den dort gehaltenen Tieren stammen, also Fleisch, Käse, aber auch Wolle und ähnliches. Es ist ein Paradies für Tiere; alle haben viel Platz und wirken ausgesprochen ausgeglichen und zufrieden; da der Ort recht abgelegen ist, sind Besuchermassen eher selten.

archewarder1

Zunächst kommt man in die Streichelabteilung, wobei man auch andere Tiere dort streicheln kann, so sie das zulassen.

archewarder3

Hier trafen wir vor allem Ziegen an.

archewarder5

Aber es gab auch Schafe …

archewarder6

… und ein Kälbchen.

Es gibt auch einen Stall, in dem einige der Tiere temporär untergebracht sind, z. B. frische Würfe, brütende Vögel oder Küken.

archewarder2

Und auch dieser schöne Tarpan, eine Rückzüchtung. (Pferde gehören zu den Tieren, die mir so gar nichts sagen, aber dieser ist eine Ausnahme).

archewarder7

Ferkel, älter

archewarder8

… und ganz klein und verschlafen.

archewarder9

Schweine gibt es überhaupt sehr viele, und Ferkel in rauen Mengen. Das kam mir sehr entgegen, da ich Schweine liebe. Überwiegend wurde bräsig abgehangen.

Ferkel bewegen sich übrigens frei auf dem Gelände, solange sie klein genug sind, um sich durch die Zäune zu wurschteln. Man trifft also überall Ferkel an: auf den Weiden anderer Tierarten oder auch auf den Wegen.

archewarder12

Sie gehören zu meinen persönlichen Favoriten: Zwergesel.

archewarder13

Charaktervoll, neugierig und immer hungrig.

archewarder14

Stilvolles Domizil: das Taubenhaus

archewarder11

Geflügel gibt es natürlich auch: Gänse (hier im Bild), Enten, Puten und Hühner.

archewarder15

Distanziert und wunderschön: ungarisches Steppenrind mit Nachwuchs.

archewarder17

Das Rind mit den schönsten Augen ließ sich durch gutes Zureden dazu bewegen, an den Zaun zu kommenarchewarder19

Ebenso der Nachwuchs

archewarder18

Einfach schön.

archewarder20

Keine so klassische Schönheit, aber dafür sehr knuffig und niedlich: das schottische Hochlandrind.

archewarder23

Es war sehr neugierig …

archewarder24

… und zutraulich. Man kann es aus der Hand füttern. Die Freßweise würde ich als eher druckvoll und feucht bezeichnen. Aber praktischerweise hat es ja was zum Abtrocknen auf dem Kopf.

archewarder22

Englische Parkrinder

archewarder25

Da die Tiere auf großen Weiden stehen, entscheiden sie selbst, ob sie Menschen begegnen wollen. Dieses Hausyak wollte nicht, sodass man eigentlich nur das imposante Gehörn sah.

archewarder26

Ganz im Gegensatz zu diesem … äh … Pferd. Was auch immer für eines das jetzt sein mag. Ich kann zwar einige Schaf-, Schweine- und Rinderrassen sowie Geflügel auseinanderhalten, aber Pferde sehen für mich irgendwie gleich aus (eine Ausnahme stellen Kaltblüter dar oder auch der Tarpan bzw. Przewalski-Pferde).

archewarder27

Wenden wir uns wieder den Schweinen zu: sie waren überwiegen so anzutreffen, wenn sie nicht irgendwo im Schatten schliefen.

archewarder31

Ein rotes Mangalitza. Die ehemals populäre Rasse ist innerhalb weniger Jahrzehnte praktisch ausgestorben, da diese klugen Tiere sich strikt weigern, sich unter unzumutbaren Bedingungen wie Massentierhaltung oder mangelndem Auslauf zu vermehren. Dies gilt übrigens für viele der alten Rassen: Zwar sind die aus ihnen gewonnenen Produkte qualitativ hochwertig und die Tiere sehr robust, aber auch weniger ergiebig als die modernen Züchtungen. Moderne Tierhaltung ist ihre Sache nicht, die meisten vermehren sich nicht oder gehen ein.

archewarder29

In typischer Pose.

archewarder30

Wildschweine gibt es auch. Zunächst sahen wir nur eines, doch sollten wir schnell Bekanntschaft mit den anderen machen.

archewarder32

Diese Frischlinge waren ebenfalls auf Wanderschaft und außerhalb ihres Gatters anzutreffen: eine kleine Rotte unternehmungslustiger und sehr agiler Tierchen, die wahnsinnig niedlich sind.

archewarder37

Mutter Jinx füttert Frischlinge. Sie fressen auch aus der Hand, aber das ist Mutter Jinxens Sache so gar nicht (ich bin da schmerzbefreiter.

Das mit dem Füttern führte dazu, dass man die Viecher überhaupt nicht mehr los wurde. Als wir uns abwandten, um weiterzugehen, wurde sehr laut und nörgelig gequiekt und die Kleinen folgten uns unter gelegentlichen Protestkundgebungen.

archewarder39

Dies führte zu weiteren Fütterungs- und auch Streichelaktionen. Als wir uns auf einer Bank niederließen, hofften wir, dass sie uns langweilig finden.

archewarder38

Dem war nicht so. Sie tollten um uns herum, stießen uns mit ihren Rüsseln an, und eines biss probeweise in meinen Schuh. Mutter Jinx beschäftigte sie schließlich damit, dass sie Wasser auf die Erde goss und so eine kleine Matschzone einrichtete, und da auch andere Gäste eintrafen, konnten wir sie schließlich outsourcen. Aber süß war das schon.

archewarder36

Auch das Husumer Protestschwein (eine Rückzüchtung und die Lieblingsrasse von Herrn Jinx) war vertreten.

archewarder42

Dieser europäische Wasserbüffel zierte sich zunächst ein wenig …

archewarder41

… war dann aber doch so freundlich, für ein schönes Foto zur Verfügung zu stehen.

archewarder40

Soay-Schafe. Diese urtümliche Rasse gehört zu den ältesten der Welt. Sie sind unverwüstlich, durch Hunde kaum zu treiben und brauchen keine Schur: Die Wolle fällt einfach ab, wie man an dem einen etwas derangiert aussehenden Exemplar gut erkennen kann.

archewarder33

Soay-Schafe

archewarder34

Diese Ziege ließ sich durch nichts und niemanden stören.

archewarder35

Diese Ziegen, die auch Schafe sein können, auch nicht. Überhaupt kennt man sich da nicht mehr aus: Es gibt hornlose Schafe und solche mit Hörnern, und es gibt Ziegen als hornlose Modelle und natürlich auch mit Hörnern.

archewarder43

So sind dies keine Ziegen, sondern Zackelschafe. Der sportlich dreinschauende junge Mann ganz links dürfte einige an etwas erinnern, und zwar hieran:

crowley

Die Karte “Der Teufel” des Crowley-Tarots. Lady Frieda Harris hat also anscheinend ein Zackelschaf als Vorbild für diese Darstellung gewählt, die mit dem Gott Pan assoziiert wird.

Sportlich trifft es übrigens: als der Bock meine Hand leergefressen hatte, rannte er mit voller Wucht gegen den Zaun, der sich nach außen lehnte. Aber als wir das Gehege betreten hatten, näherte er sich und war eigentlich ganz flauschig.

archewarder47

Auf dem Gelände er Arche Warder entsteht in Zusammenarbeit mit dem archäologischen Institut der Stadt Hamburg eine Rekonstruktion eines jungsteinzeitlichen Dorfes. Hier soll das Zusammenleben zwischen Menschen und Tieren während dieser Epoche demonstriert werden.

archewarder49

Der Vorratsspeicher

archewarder50

Die geflochtenen Wände werden mit Lehm beworfen.

archewarder51

Dachkonstruktion

archewarder44

Einige Bewohner sind schon da: Steinschafe, sehr scheu und schreckhaft …

archewarder46

… und Soay-Schafe, sehr neugierig und zutraulich. Es war kein Problem, ihnen ein bisschen Wolle abzuziehen (Reste des Winterfells natürlich), während sie meine Hand ableckten.

Ich besuche ja aus Prinzip keine Zoos und lehne Massentierhaltung ab, aber es macht richtig Spaß, hier die Tiere zu beobachten. Es ist ein Paradies für Tiere mit einem großen Platzangebot, artgerechter Ernährung und Lebensweise sowie Rückzugsmöglichkeiten. An der Anlage wird kräftig gebaut, und ich hätte Lust, wiederzukommen, um mir die Fortschritte anzusehen.

Mutter Jinx hatte wieder Hummeln im Hintern, ich irgendwie auch, und das Wetter war gestern einfach unschlagbar. Kurz gesagt, es war wieder Zeit für einen Ausflug. Unsere Wahl war auf Hitzacker gefallen, eine winzige Stadt im Wendland. Der Weg dorthin führt mit einer Kleinbahn von Lüneburg durch grüne Wälder, und wenn ich klein sage, dann meine ich auch klein, und das gilt nicht nur für die Bahn, sondern auch für die Bahnhöfe

leitstade

Zum Beispiel Leitstade (Deutschland bizarr): Dies ist der Bahnhof, mitten im Nirgendwo. Neben dem großzügigen und sehr luftigen Bahnhofsgebäude im Obstkisten-Design steht ein Aschenbecher nebst Schild, dass dies ein rauchfreier Bahnhof ist und das Rauchen nur in den bezeichneten Raucherbereichen erlaubt ist. Geht’s noch? Kein Wunder, dass hierzulande alles pleite ist.

Der Bahnhof von Hitzacker ist größer, aber unspektakulär. Er liegt in einem Wohngebiet mit Einfamilienhäusern und großen Gärten. Hier sieht der Rasen aus wie mit dem Staubkamm gekämmt und mit der Nagelschere geschnitten, die Blumen stehen in militärischer Ordnung, und auch Gartenzwerge und ähnlicher Tand Zierrat fehlen nicht. Da Mutter Jinx und ich zu dem Schluss kamen, dass Leute, die ihren Grundstücken so etwas antun, potentiell gefährlich sein müssen, suchten wir rasch das Weite. Und das mit der Weite ist wörtlich zu nehmen, denn die eigentliche Stadt (mit völlig normalen Gärten, wie wir erleichtert feststellten) ist ca. 2 – 3 Kilometer vom Bahnhof entfernt. So kamen wir an der Elbe vorbei.

hitzacker1

Auf dem Weg in die Stadt liegt das Archäologische Zentrum Hitzacker, eine hochinteressante Rekonstruktion einer slawischen Siedlung der Bronzezeit. Da musste ich natürlich hin.

hitzacker2

Dieses Freilichtmuseum zeigt mehrere bronzezeitliche Langhäuser und andere Gebäude, die man damals so brauchen konnte.

hitzacker3

Giebel eines Langhauses

hitzacker4

Zum Beispiel den Vorratsspeicher, dessen Konkurrenz der kostbaren da raren Nahrung einen gewissen Schutz vor bronzezeitlichem Ungemach bot, wie zum Beispiel wilden Tieren (das andere Ungemach, Hochwasser, hält sich zäh bis in unsere Zeit).

hitzacker5

Die Langhäuser sind begehbar, und man erhält einen Einblick in die Konstruktion dieser Bauten, die eine Großfamilie nebst Vieh beherbergten.

hitzacker7

Die Aufteilung im Inneren – mehrere kleine Abteile und ein großer Raum für die ganze Familie.

hitzacker6

Komfort geht anders, Privatsphäre auch, aber innen war die Luft selbst an diesem heißen Tag angenehm kühl.

hitzacker8

Neben dem Langhaus: ein Kräutergärtchen

hitzacker16

Wo die Schädel waren,  wurde es kultig: Kultstele

hitzacker15

Den Opferteich fand ich sehr inspirierend, dachte ich doch sofort an unseren derzeitigen Außenminister. Aber hier wurden nur Tongefäße gefunden.

grubenhaus1

Das Grubenhaus: Halb in die Erde eingelassen, ist es dort angenehm kühl. Es diente der gemeinsamen Arbeit, also dem Handwerk oder der Nahrungsmittelzubereitung.

grubenhaus2

Das Grubenhaus – Detail des Giebels

grubenhaus3

Im Inneren, das übrigens sehr gemütlich ist, befindet sich ein Ofen …

hitzacker14

… und Mahlsteine zur Mehlgewinnung. Die Bänke sind mit Fellen belegt.

hitzacker9

Das andere Langhaus: beeindruckend lang. Im Inneren befindet sich eine kleine Ausstellung über die Lebensbedingungen vor 3000 Jahren.

hitzacker10

Irgendwie schmusig: das tiefgezogende Reetdach

hitzacker11

Gewichtswebstuhl – denselben Typ findet man im Museumsdorf in Haithabu, wie auch die Häuser sich von der Konstruktion her nicht so sehr von den dortigen unterscheiden – nur dass Haithabu ca. 2000 Jahre jünger ist.

hitzacker18

Durch die fehlenden Fenster war es im Inneren entsprechent duster – Licht bot vor allem die Feuerstelle.

hitzacker23

Das Langhaus mit der Ausstellung. Die Erklärungen sind knapp gehalten, man hat auch auf allzuviel Tand verzichtet – im Vordergrund steht das unmittelbare Erleben von Architektur und Anlage.

hitzacker17

Kulthaus mit Schädel

hitzacker24

Archäologische Phantasie? Ein kleines Labyrinth aus Weidengeflecht (leider teilweise durch Vandalismus zerstört) führt zum Eingang des Kulthauses.

hitzacker21

Eingang zum Kulthaus

hitzacker19

Und am Eingang wieder ein Schädel. Mutter Jinx fand’s befremdlich, ich lustig.

hitzacker20

Nee, diesmal kein Schädel, sondern Hörner: Versuch einer Rekonstruktion eines bronzezeitlichen Idols. Wie weit das nun authentisch ist, mögen Ur- und Frühgeschichtler beurteilen. Urig ist es auf alle Fälle.

hitzacker12

Alle zusammen: Öfen, Kochstellen etc. wurden gemeinschaftlich genutzt. Das autistische Herumprökeln im eigenen Zimmer ist eine Errungenschaft der Neuzeit. Es gibt Öfen für alle möglichen Zwecke: zur Bronzeschmelze, zum Brennen von Ton und zum Backen von Brot.

hitzacker13

Zum Schutz vor Wind und Wetter sind die Öfen überdacht.

hitzacker22

Die Kochstelle

reuse

Eine Art Designklassiker: Die Fischreuse

einbaum

Kippeliges Fahrgefühl? Einbäume, wie der Name sagt, aus einem Baum gefertigt.

Das Museum fand ich absolut sehenswert; es verfügt über eine rudimentäre Gastronomie, einen hübschen Shop und viele Angebote für erlebte Archäologie. Gerade für Kinder ist es sehr lohnend, da man überall hin und alles anfassen kann.

Nach diesem Erlebnis machten wir uns in die eigentliche Stadt auf, die noch ein Stück weiter direkt an der Elbe liegt.

hitzacker25

Blick auf die Elbe von Hitzacker aus

hitzacker30

Blick auf die Stadt mit Kirche. Der gedrungene Bau ist typisch für die Gegend.

hitzacker29

Das Nest ist bewohnt, die Viecher sind echt: Storch mit drei Jungvögeln.

hitzacker26

Fachwerkhäuser bestimmen das Straßenbild

hitzacker28

Straße zur Elbe

hitzacker27

Die älteren, größeren Häuser sind oft recht verwinkeln (und unerhört romantisch!)

Und nun komme ich zu dem Punkt, warum dieser Bericht Irgendwie Hitzacker und nicht Hitzacker heißt. Da der Name an diesem Tag irgendwie Programm war und es glühend heiß war, beschlossen wir, uns auf die Elbe zu verfügen. Von der Stadt selbst haben wir leider nicht so viel gesehen, was wir jedoch schnellstmöglich nachholen wollen (wir fahren einfach nochmal hin).

Wir fuhren auf einem Schiff von Hitzacker nach Lauenburg, und auf der Elbe war es viel angenehmer.

hitzacker32

Blick auf Hitzacker von der Elbe aus

Während der nächsten drei Stunden passierte eigentlich … gar nichts. Aber es war so unerhört entspannend, denn man verlor jegliches Zeitgefühl.

elbe4

Die Elbe war weit, wegen des Hochwassers weiter als sonst, blau und ziemlich leer.

elbe3

Ab und zu kam ein Schiff vorbei.

elbe1

Und noch eins …

elbe8

Oder auch mal ein Dorf

elbe6

Aber natürlich nicht zu oft.

elbe11

Ansonsten fuhr man durch die berühmten Elbauen

elbe2

Relikte der Vergangenheit mit leichtem Verschandelungscharakter:

elbe7

Wachtürme an der ehemaligen Grenze zur DDR, heute ein Mahnmal.

elbe5

Doch meist sah es eher so aus. Es ist kaum zu glauben, dass Gorleben ganz in der Nähe ist. Die Laune der Wendländer ist diesbezüglich entsprechend.

elbe10

Angler bei Bleckede

Also, es war so weit und grün und blau und ruhig, dass die Einfahrt nach Boizenburg fast ein Kulturschock war.

boitzenburg1

Einfahrt in den Hafen

boitzenburg2

Fabrikationsanlage

boizenburg3

Blick auf Boizenburg

elbe12

Bauernhof hinter dem Deich. Den fehlenden freien Blick aufs Wasser zu bemängeln spricht von einer gewissen Unkenntnis der Gegebenheiten.

lauenburg1

Einfahrt nach Lauenburg

lauenburg2

Auch die Altstadt von Lauenburg ist sehr sehenswert (aber wir mussten sehen, wie wir nach Hause kamen nach dieser spontanen Planänderung und eilten zum Busbahnhof). Auch hier wollen wir wiederkommen.

Mutter Jinx und ich waren wieder unterwegs, und diesmal war dies unser Ziel:

boltenhagen17

Genau, das Meer! Und noch genauer: die Ostsee.

boltenhagen12

Um ganz präzise zu sein: das Ostseebad Boltenhagen. Und wir wurden sehr positiv überrascht. Es ist ein kleines Seebad,, das in der Vorsaison nicht überlaufen ist. Für diesen Ort trifft der Begriff “charmant” in mehr als einer Hinsicht zu.

boltenhagen1

Das Kurhaus: Darmstädter Stil in seiner knuffigsten Variante.

boltenhagen2

Alte Ferienhäuser auf dem Weg zur Seebrücke.

boltenhagen3

Die Architektur erinnert weniger an großbürgerliche Anlagen wie Heiligenhafen, sondern ist eine Nummer kleiner. Die Ferienhäuser wirken, wie wohlhabende Bürger der Wende zum 20. Jahrhundert sich Fischerhäuser vorgestellt haben mochten.

boltenhagen5

In diesem knubbeligen Bau haben wir ganz hervorragenden Fisch gegessen. Derart gekräftigt machten wir uns auf den Weg zum Meer.

boltenhagen6

Die Trinkhalle – heute zweckentfremdet, erinnert sie an die noble Vergangenheit des Seebades.

boltenhagen7

Auf dem Weg zur Seebrücke kamen wir an diesem bizarren Relikt der Vergangenheit vorbei:dem Nachbau eines Badekarrens aus dem 19. Jahrhundert. Diese Karren wurden ins Meer gezogen, um der Umwelt den skandalösen Anblick von Menschen in Badekleidung zu ersparen. Trotz des Sichtschutzes (am Ein- und Ausstieg) stiegen die Leute nach heutigen Maßstäben in Vollbekleidung ins Wasser.

boltenhagen9

Na, jetzt aber: die Seebrücke, fast 300 Meter weit ragt sie ins Meer.

boltenhagen11

Ansicht vom Strand, wohin wir uns nach der Begehung der Seebrücke begaben.

boltenhagen10

Strandkörbe sind typisch, warten aber noch auf ihre Mieter. Wir sahen nur einen Badenden, die meisten Leute gingen spazieren.

boltenhagen14

Hier herrscht fast schon militärische Ordnung

boltenhagen18#

Als Fotomotiv begeistern mich die Dinger, im realen Leben tun sie dies deutlich weniger: Ich finde sie unbequem (bin wahrscheinlich zu groß), der Plastikbezug der Sitze ist bei Wärme unangenehm und es wird dort bei Sonneneinstrahlung recht stickig.

boltenhagen15

Blick aus der Ferne auf die Steilküste: Da die Sicht trübe war und Flut herrschte, verzichteten wir auf den Besuch.

boltenhagen13

Für uns bei einem Strandbesuch unverzichtbar: Steine und Muscheln. Egal, wie großartig das Panorama ist oder ob neben uns der Dritte Weltkrieg losbricht, wir starren meist auf den Boden auf der Suche nach interessantem Strandgut; wir können einfach nicht anders, es ist stärker als wir. Ich fand übrigens einen Hühnergott.

boltenhagen16

Wir warten auf die Badesaison: Strandkorbvermietung

boltenhagen19

Unten leider kaputtsaniert, aber das Reet-Krüppelwalmdach mit den Gauben ist sehenswert.

boltenhagen20

Ein lohnendes, leckeres und preisgünstiges Souvenir: fangfrischer Räucherfisch

boltenhagen23

Kein Haus wie das andere: Kleine Villen an der Mittelpromenade

boltenhagen25

Der Musikpavillon: Boltenhagen ist Familienbad; entsprechend lief hier eine Kindervorstellung.

boltenhagen22

An der Mittelpromenade: ein altes Hotel

boltenhagen4

Nostalgisch, aber irgendwie schick: Die alten Villen beherbergen heute zumeist kleine Geschäfte mit durchaus lohnendem Angebot abseits der großen Hamburger Vielfalt in Einheitlichkeit. Überfordert von gefühlten 20 000 Sonnenbrillen, die alle gleich aussahen und die mir alle nicht gefielen, fand ich hier eine, mit der ich nicht aussehe wie ein Insekt, ebenso wie Mutter Jinx.

boltenhagen8

Ladenzeile Mittelpromenade

boltenhagen21

Geborgenes Treibgut im Detail

Die letzten eineinhalb Stunden verbrachten Mutter Jinx und ich auf der Seebrücke, auf einer Bank sitzend. Hier beobachteten wir Schwäne mit atypischem Verhalten.

boltenhagen24

Eigentlich am Süßwasser beheimatet, zeigen sie bei der Futtersuche eine gewisse Flexibilität.

boltenhagen26

Aber vor allem widmeten wir uns … natürlich dem Stricken. Links das Gestricke von Mutter Jinx, rechts meines (und noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viele dämliche Kommentare kassiert, was mich in der Überzeugung bestärkt, dass es der Generation 60+ an Umgangsformen mangelt).

rueckfahrt

Lupinen, Wasserturm und ein Gleis: Warten auf den Zug in Grevesmühlen.

Dieser Tag hat es wieder bestätigt: Wenn man das Ziel klug auswählt, gibt es nichts erholsameres als einen Tag am Meer.

So, nachdem ich meine lieben Leser mit kunsthistorischen Betrachtungen gequält habe, geht es nun weiter mit dem Brüsseler Reisebericht. Zunächst etwas allgemeines über die Stadt.

After torturing my dear readers with some art history, the Brussels report is now continued. First something general about the city itself.

altstadt5

Kleine Altstadtgasse / a small alley in the old city

Brüssel ist gemischt flämisch/wallonisch, wobei heute das Französische dominiert. Die Beschilderung ist zweisprachig, in der Stadt selbst wird eher französisch gesprochen. Belgien ist nicht Frankreich; manche Leute sprechen durchaus Englisch, vor allem in den touristischeren Gegenden. Obwohl Deutsch dritte Staatssprache ist, wird es kaum gesprochen. Mir persönlich ist das völlig gleichgültig, schließlich sind es die Belgier, die mit meinem manchmal etwas bizarren Französisch zurechtkommen müssen, und Sprachhemmungen sind mir völlig fremd. Am besten kommt man also mit Französisch herum.

Bruxelles is actually kind of a mixed zone of Flemish and Wallonian, but today French dominates. The signposting is bilingual, but in the city most people speak French. Since Belgium is not France, English is spoken at least in the more touristical areas of the city. Although German is the third official language in Belgium, but it’s hardly spoken here. Personally, I don’t mind at all, it’s the Belgians after all who have to deal with my sometimes a bit bizarre way to speak Frenc, and not me, and cumpunctions to speak foreign languages never has been one of my problems. French is the best way to get along here.

boerse

Die Börse – in Zeiten der Finanzkrise besonders obszön / The stock exchange  – in times of depression this is extra-obscene

boerse2

Unter der Börse: Mittelalterliche Ausgrabungen / Unter the stock exchange: medieval excarvations

cocacola

Gründerzeit und Coca-Cola – a building from the Wilhelminian era and Coca-Cola

Während es in der Altstadt mit ihren engen Gassen durchaus flämische Einflüsse gibt, orientiert sich die neuere Architektur eher an Frankreich; dies betrifft vor allem die Gebäude seit dem 19. Jahrhundert.

The old city with its narrow streets shows some Flemish influence, but since the 19th century architecture follows more the French example.

gruenderzeit1
Brüssel ist nicht Paris – Die Straßen sind enger, und die Hauptstraße, die zur Altstadt führt, beherbergt ein Mini-Rotlichtviertel und recht trashige Geschäfte.

Brussels is not Paris – The streets are more narrow, and the main road leading to the old city houses sort of a miniature redlight quarter and some weird shops.

gruenderzeit2

Gründerzeit und der widerstehliche Charme der Siebziger – Buildings from the end of the 19th century and the absolutely resistable charme of the seventies.

jugendstil

Belgischer Jugendstil an einem Barockgebäude – Belgian Art Nouveau at a baroque building.

bahnhof

Der Nordbahnhof – belgische Einschüchterungsarchitektur / The northern railway station – Belgian architecture to intimidate

bahnhof2

Innen ist der Bahnhof eher gruselig, weswegen man ihn durch beeindruckende Wandgemälde aufzuwerten versucht (am Busbahnhof). Der dämliche Gesichtsausdruck der Person rechts ist gut getroffen.

The inside of the station is rather weird, and this is why they tried to brush it up a bit with murals (where the busses leave). The stupid facial expression of the person on the right is quite well done.

modern1

Die moderne Architektur ist international und durchaus beeindruckend.

The modern architecture is international and rather impressing

modern2

Niedrigere Gebäude sind gern postmodern.

Lower buildings tend to be pomo.

postmoderne

Eine belgische Spezialität – Das Manneken Pis / A Belgian speciality – The Manneken Pis

manneken1

Ja, ich habe es auch gesehen. Es steht an einer Ecke in der Altstadt und ist meist umlagert von Touristen. Natürlich ist es viel kleiner als ich es mir vorgestellt habe.

Yes, of course I saw this. It can be found at a corner in the old part of the city, and it’s mostly surrounded by tourists. Of course it’s much smaller than I’ve guessed.

manneken2

Über diese unprätentiöse frühbarocke Figur habe ich einiges gelernt, denn sie ist ein Symbol für die Freiheitsliebe der Belgier, und zumindest den Älteren ist sie sehr wichtig.

I learned a bit about this rather unpretentios statue from the early baroque, because it’s a symbol for the Belgians, expressing their love for freedom, and for the elder people it’s quite important.

Sie wird gefeiert – und regelmäßig bekleidet. Eine Kommission widmet sich den Fragen der Garderobe des Manneken Pis, und es gibt inzwischen über 700 Kostüme aus aller Welt – unter anderem als Nelson Mandela (mit grauer Perücke) oder als Samurai. Momentan geht es als junger Obelix.

It’s celebrated – and gets dressed on a regular base. A comission dedicates its work to the questions of fashion of this little statue. There are more than 700 costumes from all over the world, i. e. as Nelson Mandela (with a grey wig) or as a samurai. At the moment it’s young Obelix.

manneken3

Manneken Pis – viel größer als das Original und aus Schokolade / much bigger than the original and entirely made of chocolade.

Als französische Soldaten die kleine Figur im 18. Jahrhundert stahlen, sorgte der französische König für die Rückgabe, schickte ein aufwändiges Kostüm nebst Degen (zur Besänftigung der Bevölkerung) und erhob es in den Adelsstand, sodass französische Soldaten es fortan grüßen mussten. Sie verstehen da keinen Spaß, die sonst so liberalen Belgier, obwohl bei der Kostümierung alles gestattet ist, auch Strapsen und Kondome (zum Welt-Aids-Tag).

When French soldiers stole the little guy, the French king took care of its return, sent a rather elaborate costume with an epee (for calming the Belgians down) and ennobled it, what meant that French soldiers had to greet it. Don’t mess with the manneken pis, the liberal Belgians definately will mind, but regarding the costumes there can be the widest range you can imagine – even suspenders and condoms (for World Aids day).

Und nun kommen wir zu den richtig interessanten Dingen: Einkaufen. Nach Wollgeschäften habe ich nach einem Blick auf Ravelry nicht gesucht und auch keines gesehen, aber es gibt so viele andere interessante und typische Dinge.

And now we come to the real interesting stuff: shopping. I didn’t hold out for yarn shops after taking a look at ravelry’s, and I didn’t see any, but there are so many other interesting things to find.

schokolade

An erster Stelle sind hier die Belgischen Pralinen zu nennen, weswegen ich die Stadt für Menschen, die gerade Diät halten, ausdrücklich nicht empfehlen kann. Sie sind wirklich überall, sie sind köstlich und kosten viel weniger als hier.

At the first place Belgian chocolade is to mention, and that’s why I really can’t recommend people who are on a diet to visit the city. It’s literally everywhere, it’s delicious and it’s much cheaper than abroad.

schokoladenbrunnen

Ein Schokoladenbrunnen im Fenster eines Geschäfts / A chocolate well in a shop window

Kann man da widerstehen? Nee, ich nicht.

Can one really resist? No, I can’t.

keksladen

Sauber getrennt von der Schokolade gibt es Geschäfte mit belgischem Gebäck.

Clearly separated from the chocolate shops there are some which offer Belgian pastries.

patisserieorientale

Wo gibt’s denn so was? Ein sehr exklusives Geschäft mit orientalischem Gebäck? Na, in Brüssel!

Even a shop with very exclusive arab pasties can be found in Brussels.

spitzen2

Das gibt es natürlich auch: Spitzen und Gobelins. Gegenüber Schokolade und anderen Fressalien sind sie eindeutig in der Minderheit, da sehr retro und irgendwie aus der Mode.

Of course you also can find lace from Brussels and tapestry. It’s much less than probably some decades ago (the vast majority of the shops offers chocolate and other eatables), because it’s really retro and somewhat outdated.

spitzen

Ein Relikt aus der Vergangenheit – Brüssel ist modern!

A relic from the past – Brussels is very contemporary!

gobelins

Die große Zeit der Gobelins ist vorbei. Daher findet man vor allem so was.

The big time of tapestry is over, therefore you find mostly stuff like this.

Charakteristisch für Brüssel sind außerdem Geschäfte für Bier, für Comics, die eine eigene Kunstform darstellen und für Messer. Man findet vor allem wunderschöne Taschenmesser.

Typical for Brussels are besides this beer shops, shops for comics and graphic novels (Belgians love this), and for knives. You find wonderful pocket knives here.

stnicholas

Brüssel ist eine alte Handelsmetropole: Die Kirche St. Nicholas, gewidmet dem Schutzpatron der Händler und Marktleute, ist von Geschäften umlagert.

Brussels was a merchants’ city: The church St. Nicholas, dedicated to the patron of merchands, is surrounded by shops.

stnicholas2

Ganz nah dran: Geschäftshaus an der Kirche.

Very close: A shop at the church.

Das ganze Gerede von Keksen und Schokolade bringt mich direkt zum Kulinarischen. Belgien ist auch hier nicht das ideale Land für Leute mit Kalorienbewusstsein. Die Küche ist eine Mischung aus flämischen und französischen Einflüssen, und es wird sehr viel fritiert. Die Pommes Frites wurden hier erfunden und sind einfach köstlich. Sie sind die Standardbeilage zu den Gerichten. Getrunken wird vor allem Bier, das einfach großartig ist und in unendlicher Sortenvielfalt erhältlich.

The whole chit-chat about chocolate and pastries brings me directly to the eating stuff. Frankly, Belgium is everything but ideal for people who keep an eye on their weight. The kitchen is a blend of Flemish and French influences, and many things are deep-fried. French fries were invented here, and they’re delicious! They come with most of the dishes you order. Beer is widely drunken, and it’s one of the best in the world. You can find an unbelievable variety of sorts.

restaurant

Hier haben Herr Jinx und ich es am zweiten und letzten Abend krachen lassen. Dies ist ein exzellentes Restaurant mit traditioneller belgischer Küche. Ich aß landestypisch: Ardennenschinken und fritierten Käse, Pferdefilet mit Pommes Frites (ja, die Belgier essen es, und ich auch, und vor allem diskutiere ich es nicht) und flambierte belgische Waffeln. Dazu gab es natürlich Bier.

Here Mr. Jinx and I took our dinner on our second and last evening in Brussels. It’s an excellent restaurant where traditional Belgian food is served. I ate rather typical meals: ham from the Ardennes and deep-fried cheese, horse fillet (it’s eaten in Belgium, I eat it, too, and I don’t discuss this) with French fries and flambeed Belgian wafers. Of course we drank beer.byron

In dieser entzückenden Kneipe nahmen wir unseren Absacker. Keine Touris, viel Atmosphäre und exzellente Cocktails.

In this cute bar we took our last drinks. No tourists, a lot of atmosphere and excellent cocktails.

stadtmauer

Aber nun zurück zur Stadt: Es hat sich nur wenig Mittelalterliches in Brüssel erhalten, so gibt es von der Stadtmauer nur noch einen Rest, umbaut von einem Hotelkomplex.

But back to the city now: There are only very few remnants from the middle ages; only a small part of the city wall still exists, and they build a hotel around it.

stcatherine

Die Kirche St. Catherine / St. Catherine church

stcatherine2

Dass Belgier eher praktisch als repräsentativ denken, zeigt sich an dieser Kirche: An ihrer Mauer befindet sich ein Pissoir, damit es mit den Mannekens im Straßenbild nicht überhand nimmt.

It seems to me that the Belgians think more in a practical than in a prestigious way: At St. Catherine’s wall there is an ancient urinal, and it probably helps not to be overrun by mannekens in the city.

platz

Neben der Kirche befindet sich ein hübscher Platz mit Wasserspielen und Restaurants.

Besides the church there is a pretty place with fountains and restaurants.

platz2

Typische Brüsseler Häuser / Typical houses in Brussels

platz3

Wasserfläche und ein Brunnen mit dem Heiligen Michael / Waters and a well with St. Michael

olm

Ja, die gründerzeitliche Plastik ist auch nicht immer das, was sie sein sollte: Olm in Extase

Well, 19th century sculpture is not always what it’s supposed to be: an ecstatic olm.

botaniker4

Nach zwei anstrengenden Besichtigungstagen war ich etwas ruhebedürftig und entschloss mich, den botanischen Garten direkt im Zentrum aufzusuchen. Diese Statue der Göttin Flora vermittelt jedoch einen völlig falschen Eindruck.

After two exhausting days of touristic activities I felt the urge for calming down and taking a rest, and so I decided to  visit the botanical garden, located in the very center of Brussels. But this statue of the goddess Flora gives a completely wrong impression of this place.

botaniker2

Das hier triffts schon eher. Ein kleiner Streifen Grün, umbaut und vor allem umtost vom Verkehr.

This gives a better impression: a small strip of green, surrounded by different buildings and with a lot of traffic around it.

botaniker6

Spektakulär ist er nicht, der botanische Garten. Im 19. Jahrhundert der Öffentlichkeit übergeben, sollte er als Erholungsgebiet erhalten bleiben. Dies ist jedoch nicht geschehen, stattdessen wurde er ständig verkleinert, um Baumaßnahmen durchzuführen. Sogar eine Straße durchschneidet das kleine Areal.

Well, it’s not spectacular, the botanical garden. In the 19th century it was given to the public as a recreation area and should remain to be so. But this didn’t happen. Since that time bits and pieces were taken from it for the sake of building more or less representative architecture around it. Today it’s even crossed (and cut in two) by a road.

botaniker5

Das Gewächshaus / The greenhouse

botaniker7

Auch hier täuscht der erste Eindruck – Die Glasfläche zwischen den Ästen zeigt, wie nah die Bebauung ist.

Here the first impression also is wrong – the dark glass window between the branches shows how close the housing areas are.

botaniker9

Grüne Geometrie / Green geometry en gros …botaniker3

et en detail.


botaniker8

Ein letzter Blick, fast schon von der Straße aus.

A last overview picture, taken almost from one of the roads.

Der botanische Garten von Brüssel ist fast schon typisch für die Stadt: ein bisschen durcheinander, sehr gemischt, aber auch sehr lebendig. Ich habe so viel nicht gesehen, aber mir ist es wichtiger, eine Stadt auch zu erleben und nicht nur Besichtigungspunkte abzuhaken (weswegen ich Gesellschaftsreisen strikt meide). Durch das alte Regierungsviertel bin ich leider nur nachts durchgefahren – sehr aufgeräumt, sehr repräsentativ. Das Atomium war nicht auf meiner Route, ebensowenig wie die “Europaarchitektur”. Aber ich würde gern wiederkommen, um auch das alles noch zu sehen.

The botanical garden of Brussels is somewhat typical for the whole city: a bit chaotic a bit mixed, but very vivid. I didn’t see so many things this time, but to me it’s more important to feel how a city works and not only to visit the touristic point you “have to see” (that’s why I strictly avoid group travelling). I just drove through the old governmental quarter by night; it’ very clean, very broad and very prestigious. I didn’t manage to get to the Atomium this time, and I didn’t see the architecture dedicated to the European administration. But I’d love to come back to see it.

Da Herr Jinx nicht Autofahren kann, aber sehr kurzfristig nach Brüssel gefahren werden musste, kam ich zu einer sehr kurzfristigen und sehr spontanen Reise in die europäische Hauptstadt.

Because Mr. Jinx has no driving licence but had to visit Brussels for the short term, I got the opportunity to visit Europe’s capital.

Nach einer Nachtfahrt hatten wir zunächst die Gelegenheit, am nordbelgischen Stau teilzunehmen. Nachdem dieser überstanden war und wir auch aus einem sehr verwirrenden Dorf namens Zaventem herausgefunden hatten, lieferte ich Herrn Jinx fristgerecht ab und machte mich auf dem Weg in die Stadt.

After driving half of the night we had the opportunity to participate in the North-Belgian traffic jam. After we managed this and found our way out of a very strange village called Zaventem without getting lost, I brought Mr. Jinx to his destination and took a bus to the city of Brussels.

Belgien im Allgemeinen und Brüssel im Besonderen gehören zu den Orten, von denen ich nur wenig weiß, und ich hatte auch keine Zeit, mich vorzubereiten. Daher konnte ich die Stadt unmittelbar auf mich wirken lassen.

Belgium and Brussels are places I hardly knew anything about, and since I had no time for preparations, I got a very direct impression of the city.

metropol2

Nach der anstrengenden Fahrt und weil es regnete, entschloss ich mich, zunächst ein kräftigendes Frühstück einzunehmen, und zwar in Form von Räucherlachs, Krabben, Kaviar und Tee. Es war nicht nur köstlich, sondern die Umgebung war auch eine Augenweide: Ein echtes Gründerzeit-Interieur.

Due to the rain and the exhausting night drive, I decided to take a healthy and bracing breakfast first, and I chose smoked  salmon, shrimps, caviar, and tea. It was not only very tasty, but also a feast for the eyes: a real Wilhelminian style interior.

metropol

Nach diesem ermutigenden Beginn machte ich mich dann auf, die Altstadt zu erkunden.

After this encouraging start I found my way to the old part of the city to discover it.

altstadt

Brüssel ist eine Stadt, die bewohnt und in der gelebt wird, kein museal erhaltener Komplex musterhaft restaurierter Gebäude. Der nervige Nachteil ist der Autoverkehr, der auch in vielen der schmalen Gassen stattfindet, die für Autoverkehr überhaupt nicht geeignet sind.

Brussels is a city people live in and not sort of carefully restored museum town. The disadvantage is the traffic that takes place even in the smaller streets which are definately not suitable for cars.

altstadt2

Charakteristisch sind die meist schmalen Häuser, die unterschiedlich gestaltet sind.

Many of the houses are quite narrowly built and individually designed, what is characteristic for the old city of Brussels.

altstadt4

An einigen Stellen haben sich die öffentlichen Brunnen erhalten, die heute natürlich eine reine Zierfunktion haben.

At some places you can still find public fountains which have no function any more except embelleshing the neighbourhood.

altstadt3

Die Altstadt ist natürlich ein Touristenmagnet, was sich in den Geschäften und in der Gastronomie niederschlägt.

The old city is a magnet for tourists, so you find lots of souvenir shops and restaurants there.

rathaus5

Das Herzstück der Altstadt ist der Grand Place mit dem Rathaus und dem Maison du Roi. Hier finden sich Gebäude von Mittelalter bis Klassizismus, und da Belgien nach der Reformationszeit katholisch blieb, haben die Jungs es architektonisch während der Barockzeit so richtig krachen lassen. Das gotische Rathaus mit seinem charakteristischen hohen Turm ist das auffälligste Gebäude hier.

The central place of the old city is the Grand Place where you find the city hall and the Maison du Roi. Here you can see buildings from the medieval times til classicism, and since Belgium remained catholic after reformation, the baroque buildings are exceptionally elaborate. The gothic town hall with its high tower is the most eye-catching building.

rathaus_detail

Rathaus, Detail / Detail of the town hall

rathaus_detail2

Rathaus, Detail / Detail of the town hall

maisonduroi1

Gegenüber dem Rathaus befindet sich das Maison du Roi. Der mittelalterliche Bau wurde mehrfach beschädigt und im 19. Jahrhundert nach Abbildungen im Stil der Gotik restauriert, was erstaunlich gut gelang.

On the opposite side of the town hall the Maison du Roi is located. The medieval building was heavily damaged several times, and finally restored in the 19th century, following historical images. The gothic style was executed extremely well.

maisonduroi3

Der etwas flamboyante Bau beherbergt heute das Stadtmuseum.

The rather flamboyant buliding hosts the museum of Brussels.

grandplace

Grand Place, barocke Gebäude / baroque buildings

grandplace4

Grand Place, vom Früh- zum Hochbarock / From early to flourishing baroque

grandplace3

Grand Place: Vor allem Gastronomie / lots of restaurants

Die Altstadt von Brüssel ist überschaubar und nicht zu groß, und als nächstes besuchte ich die Kathedrale St. Michel et Gudule.

The old city of Brussels is rather small, and so I found my way to the cathedral St. Michel et Gudule.

kathedrale1

Der imposante Bau aus hellem Sandstein im Stil der französischen Gotik liegt am Rand der Altstadt.

The impressing cathedral is built of yellow sandstone and follows the style of the French gothic. It’s located on the outskirts of the old city.

kathedrale2

Vor der Kathedrale wurden Bäume angepflanzt und Bänke aufgestellt, die zum Verweilen einladen (allerdings nicht an diesem regnerischen Tag).

In front of the cathedral there were trees planted and benches placed which are rather inviting (but not on a rainy day like thisone).

kathedrale3

Das Innere ist  vor allem für Gotikfreaks interessant (für alle anderen: Es ist scheiße langweilig). Die dreischiffige Basilika ist durchaus wohlproportioniert, aber die barocken Apostelstatuen stören den Rhythmus der Säulen empfindlich, und die Orgel ist belanglos.  Nicht falsch verstehen, ich kann mich durchaus für die Spannung zwischen historischer Bausubstanz und modernem Orgelbau begeistern, aber nicht, wenn die Orgel mich an eine Schrankwand (Nussbaumfurnier, repräsentativ) erinnert.

The interior might be of some interest for people who are extremely fond of gothic architecture (for the rest of us: it’s fucking boring). The trinaved basilica is well proportioned, but the baroque statues of the twelve apostles disturb the rhythm of the pillars, and the organ is really insignificant. Don’t get me wrong: I can get rather enthused about the tension between historical fabric of a building and a contemporary organ, but not if the latter reminds me of a wall unit (walnut veneer, representative style).

kathedrale6

Das gotische Gewölbe / the gothic ceiling

kathedrale5

Leider wirkt der Platz um die Kathedrale ansonsten ein wenig verbaut; die modernen Gebäude, die sie flankieren, sind im gleichen Material erbaut, sind jedoch architektonisch nicht wirklich gelungen.

Unfortunately the space around the cathedral appears to be a bit malconstructed; the building at its sides are executed in the same material but in a rather inconvincing way.

placedesmartyrs

Architektonisch geschlossen wirkt hingegen der Place des Martyrs, dessen harmonischer Klassizismus Ruhe ausstrahlt.

The Place des Martyrs is an extreme opposite; the harmonic classicism gives a peaceful impression to the spectator.

kunst

Brüssel wirkt überhaupt an manchen Stellen sehr gegensätzlich; was nur manchmal beabsichtigt ist, jedoch einen Teil der Lebendigkeit der Stadt ausmacht.

Brussel is quite often rather antithetic, what sometimes happens on purpose, but not always. But this makes a part of the vivid impression the visitor gets.

historismus

Blühender Historismus, trashiger Inhalt – Blooming historism but a rather cheap content

Fortsetzung folgt – To be continued

gottorf

Schloss Gottorf

Heute war wieder Ausflugstag, und diesmal waren Mutter Jinx und ich in Schleswig. Der erste Teil des Besuchs war Schloss Gottorf und dem Nydamboot gewidmet. Von diesem Boot hat mir schon mein Vater erzählt, und seit meiner Kindheit wollte ich es unbedingt sehen. Für die Bewohner des nördlichen Schleswig-Holstein hat dieses Boot fast schon identitätsstiftenden Charakter (obwohl der Fundort im heutigen Dänemark liegt). Es ist in dem oben gezeigten Schloss Gottorf ausgestellt, und ihm ist sogar eine eigene Halle gewidmet.

nydam1

Das Nydamboot – 1. Hälfte 4. Jahrhundert

nydam3

23 Meter Länge – zum Größenvergleich: Mutter Jinx

nydam2

Das Innere mit den Ruderbänken

nydam7

Unübertroffene Formgebung. Der hervorragende Erhaltungszustand erklärt sich durch die Tatsache, dass das Boot in einem Opfermoor versenkt wurde.

nydam5

nydam4

Dieses Boot zu sehen ist ein großartiges Erlebnis, für das allein sich die Fahrt gelohnt hat. Da Mutter Jinx und ich beide der Überzeugung anhängen, dass man lieber weniger und dafür richtig besichtigt, haben wir uns im Schloss nur noch die archäologische Abteilung angesehen, mit Relikten von Stein- bis Eisenzeit und wunderbarer Keramik. Ja, die Moorleichen sah ich auch. :D

Dann ging es weiter in den Barockgarten (ich wollte die Leichen sehen, Mutter Jinx den Garten).

see

Dieser See liegt hinter dem Schloss und wirkt sehr ursprünglich – als käme gleich das Nydamboot um die Ecke.

garten3

Auf dem Weg zum Barockgarten: Klassizistische Gartentempelimitation und barocke Wasserspiele.

globushaus

Das Globushaus

garten2

Der Barockgarten wurde nachempfunden und verbindet die Idee der barocken Gartengestaltung auf orignielle Weise mit einer zeitgemäßen Formensprache.

garten4

Spannender Gegensatz: Barockisierende Anlage und Globushaus

garten7

Gestaltung mit Rasen und Buchsbaum

garten8

Terrassen, Treppen, Wasserspiele

garten9

Blumengarten mit moderner Bepflanzung vor einem Gartenteich. Die Skulptur zeigt Herkules wie er die Hydra erschlägt. Die mehrköpfige Schlange sieht aus der Entfernung aus, als würde sie mehrstrahlig pieseln. Als ich die sah, wusste ich wieder, warum barocke Plastik, sei sie innen, außen, sakral oder profan, so gar nicht mein Thema ist.

Der zweite Teil des Ausflugs war dem Holm gewidmet. Ich muss ja gestehen, dass unser Verhältnis zu Schleswig nicht ungetrübt ist: Die Stadt wirkt eigenartig unbelebt bis ausgestorben, obwohl wir bereits zum zweiten Mal an einem Wochentag hier waren. Sie wirkt irgendwie sehr langweilig, was bereits zum zweiten Mal dazu führte, dass wir müde wurden.

holm2

Blick auf den Holm

Der Holm stellt jedoch eine Ausnahme dar: Ehemals eine Insel, die heute mit der Stadt verbunden ist, siedeln hier traditionell Fischer, und das bis heute. Das Besondere dieses kleinen Viertels ist der Friedhof, der im Zentrum der Ansiedelung liegt, wo man normalerweise den Marktplatz vermuten würde.

holm1

Der baumumstandene Friedhof im Zentrum

holm3

Fischerhäuser.

Das Viertel ist angenehm untouristisch und wirkt, als wäre die Zeit stehengeblieben.

holm4

Die Häuser sind bewohnt. Wenig Gastronomie, keine Souvenirshops, keine Busparkplätze

holm5

Zwischen den Häusern gibt es schmale Durchgänge, die privat sind und manchmal auch zu erstaunlich großen Gartengrundstücken führen.

holm6

Der Friedhof, der bis heute belegt wird, mit Kapelle

holm8

Im Hintergrund der Domturm – ganz nah und doch weit weg.

holm7

Gasse auf dem Weg zur Schlei

holm_tuer

Die Tür zeigt den Berufsstand an.

holm10

Viele Häuser stammen aus dem achtzehnten Jahrhundert.

holm11

Am Ufer der Schlei

holm9

Der Holm – irgendwie eine Zeitinsel.

Gestern war endlich wieder ein Ausflug dran, und zwar nach Worpswede. Das alte Künstlerdorf in der Nähe von Bremen ist ja ziemlich verrufen, wie fast alle Künstlerdörfer. Denn es ist so: Erst kommen die Künstler, dann die Anbeter und schließlich der Kommerz einschließlich Bustourismus und meist künstlich aufrechterhaltenem Künstlerbetrieb. Da haben die meisten Künstler jedoch schon lange das Weite gesucht. So hatte ich von Worpswede auch genügend Abschreckendes gehört.

Vieleicht darf man nicht am Wochenende kommen und auch nicht in der Hauptsaison, jedenfalls war vom jahrmarktähnlichen Betrieb, wie u. a. Herr Jinx ihn mir höchst abschreckend beschrieb, nichts zu sehen. Es waren relativ wenig Gäste da, und so konnte man das Dorf weitgehend ungestört genießen.

Es ist nämlich ein schönes Dorf, sehr grün und mit wunderbarer alter Bausubstanz. Mich interessierten auch nicht die zeitgenössischen Kunsthandwerker, sondern die Relikte der Künstlerkolonie der ersten Generation, die sehr stimmungsvoll und gelungen restauriert sind. Man spürt, dass sich eine engagierte Stiftung um die Erhaltung bemüht.

Zunächst besuchten wir (Mutter Jinx und ich) den Barkenhoff, Heinrich Vogelers künstliches Paradies inmitten einer zerfallenden Welt, das der Wirklichkeit nicht standhalten konnte. Innen beherbergt das aus einer Moorkate gestaltete Haus eine Ausstellung.

barkenhoff1

Das Haus hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, von der Moorkate zum Künstlerhaus zum Hort einer sozialistischen Kommune (zu der der Künstler es selbst umbaute), zum Kinderheim der Roten Hilfe, zum Privateigentum wechselnder Besitzer bis zu dem Museum, das es heute ist.

barkenhoff2

Barkenhoff – Anbauten

barkenhoff3

Barkenhoff – Ein Heim für ein Leben als Gesamtkunstwerk: Jugendstil und Fachwerk

barkenhoff4

Das Anwesen liegt am Rand von Worpswede, sehr abgelegen und nur über einen Waldpfad zu erreichen. Es wirkt noch heute so entrückt, wie es geplant worden war – eine künstlerische Utopie abseits des Ungemachs des Alltags (also von Störfaktoren wie Bauern, Moorarbeitern, Armut und Krieg).

Natürlich besuchten wir auch die kleine aber feine Sammlung der alten Worpsweder Meister, also Fritz Mackensen, Fritz Overbeck, den Modersohns, Hans am Endes und natürlich Heinrich Vogelers. Sie werden in einer Rotunde äußerst stilvoll präsentiert. Gestaltet wurde das Ensemble, das ein hervorragendes Beispie für norddeutsche Backsteinarchitektur des Expressionismus ist, von Bernhard Hoetger.

cafe

Museumskomplex: Das Café

Rund um den weitläufigen Museumskomplex, der stimmungvoll inmitten eines Kiefernwaldes liegt, sind Skulpturen Hoetgers aufgestellt.

hoetger_skulptur

Alles ist Geschmackssache – aber expressionistische Skulptur ist vielleicht noch ein wenig mehr Geschmackssache als alles andere. ;)

Auch das andere Anwesen, das mit Heinrich Vogeler eng verbunden ist, haben wir besucht: Das Haus am Schluh, den Wohnsitz seiner ersten Frau Martha.

schluh

Das traditionelle Anwesen beherbergt eine Pension, ein Museum und eine Museumsweberei, die von Martha Vogeler begründet und von einer Nachfahrin weitergeführt wird.

schluh2

Die Pensionszimmer sind mit Originalmöbeln Vogelers ausgestattet und auch im originalen Installationen aus der Zeit (also Klo irgendwo und Waschschüsseln – dazu werde ich Herrn Jinx nie überreden können). In den Häusern wird die Sammlung Martha Vogelers gezeigt, so auch Möbel, die Heinrich Vogeler entwarf (von den Stühlen hätte ich glatt welche mitnehmen können).

kaeseglocke

Auch gern mitgenommen hätte ich mein persönliches Highlight: Die Käseglocke. Das ist ein Haus im Wald, das von Bruno Taut entworfen wurde. Es ist so knuffig und auch innen so genial aufgeteilt, dass ich in Gedanken bereits eingezogen bin. Ich würde es natürlich versetzen lassen – nach Schottland oder auch nach Cornwall und mich ganz der Faserverarbeitung, dem Schreiben und meinen Studien widmen. Also, die Logistik steht bereits. ;)

kaeseglocke2

Heute beherbergt die Käseglocke eine Sammlung Worpsweder Kunsthandwerks (abzüglich Vogelers Schaffen). Vor allem die Möbel sind sehenswert. Am verblüffendsten ist jedoch die geniale Raumaufteilung des zweigeschossigen Baus.

kaeseglocke3

Das Haus liegt ebenfalls in dem Kiefernwald und ist innen völlig mit Holz vertäfelt – eine echte Höhle!

Ich war wieder auf Tour, nach einem langen und sehr eisigen Winter, und diesmal war es Rostock, wohin ich einen Tagesausflug unternahm. Meine Vorstellungen von Rostock waren vage, ich wusste, dass es vor dem Zweiten Weltkrieg eine der schönsten Städte in Deutschland war, mit weitgehend erhaltener historischer Bausubstanz.

rostock1

Zunächst besuchten wir ein schönes Cafe in dem mittelalterlichen Kloster Zum Heiligen Kreuz, wo man gut essen und gemütlich sitzen kann.

rostock3

Rostock – in der Nähe der Universität: Alt neben Neu-Alt

Da wir uns während des langen Winters in ausreichendem Maße in geschlossenen Räumen aufgehalten hatten, beschlossen wir, auf Kirchen- und Museumsbesuche zu verzichten und stattdessen den historischen Stadtkern zu Fuß zu erkunden.

rostock2

Rostock – Der Neue Markt

Da die Altstadt zum größten Teil zerstört war, findet sich dort eine Mischung aus wenigen historischen Bauten und vielen Rekonstruktionen. Für mich als Kunsthistorikerin war es ein Lehrstück zum Thema Wiederaufbau und dessen Grenzen. Der Neue Markt mit dem Rathaus wurde als zentraler Platz sehr sorgfältig und aufwändig wiederhergestellt, die barocken Fassaden, die an holländische Giebelhäuser erinnern, sind liebevoll und wohl auch weitgehend historisch restauriert worden. Dies gilt auch für das Rathaus, einer Schaufassade in mittelalterlicher norddeutscher Backsteingotik, dem ein barocker Vorbau vorangestellt wurde.

rostock5

Neuer Markt – Rathaus

Der Neue Markt vermittelt auch heute noch einen Eindruck, wie schön Rostock gewesen sein muss. Er ist das Zentrum des neueren Teils der Altstadt, der ältere liegt in der Nähe der Warnow, und auf diesen waren wir besonders neugierig.

rostock6

Auf dem Weg in die Altstadt: Hinteransichten


rostock8

Während der obere Teil des historischen Stadtkerns breitere Straßen und einen großzügig angelegten Platz (den Neuen Markt) aufweist, ist der mittelalterliche Teil deutlich enger bebaut; die Straßen sind kleine Gassen, und die Häuser sind deutlich schmaler und niedriger.

rostock7

Internationaler Klub der Seeleute – ein leider verfallenes Relikt aus DDR-Zeiten

Auch hier gilt: Es steht Alt neben Neu, das dem Alten nachempfunden wurde, und hier zeigen sich deutlich die Grenzen des Wiederaufbaus.

rostock9

Altstadt – Speicherhaus

Es ist möglich, bei entsprechendem Dokumentenbestand, zerstörte Gebäude originalgetreu wiederaufzubauen. Dies ist vor allem bei zentralen Sehenswürdigkeiten, also bedeutenden Kirchen, Rathäusern, Schlössern oder auch dem Baubestand von zentralen Plätzen möglich. Existieren entsprechende Dokumente wie Pläne, Fotografien oder Zeichnungen nicht, kann man nur versuchen, die historischen Bauten nachzuempfinden, das heißt dann “im Stile von”. Letztendlich darf auch der finanzielle Aspekt nicht außer Acht gelassen werden; Gelder für den Wiederaufbau fließen eher in gut dokumentierte Projekte von hohem denkmalpflegerischem Rang.

rostock10

Altstadt – Speicherhaus

Es ist offensichtlich, dass reichere Rostocker die Altstadt verließen um an höher gelegenen Plätzen zu bauen, die Stadt dehnte sich in die vom Fluss abgewandte Richtung aus. Die engen Altstadtgassen mit ihren schmalen, kleinen Häusern dürften auf begütertere Bürger wenig Anziehung ausgeübt haben. Heute bietet sich ein oberflächlich einheitliches Bild, was aufgrund der stilisiert aufgebauten Häuser für das Auge eher anstrengend ist. Abträglich ist auch, dass die engen Gassen für den Autoverkehr offen sind.

rostock11

Getreidespeicher an der Warnow mit den allgegenwärtigen PKWs. Ein Gebäude aus einer Zeit, in der Rostock vermeintlich großen, in Wahrheit aber sehr kaputten Zeiten entgegensah.

rostock12

Altstadt – Getreidespeicher aus dem 19. Jahrhundert. Auch hier wieder: Alt neben Neu-Alt

rostock13

An der Warnow – Stadtansichten, die zu vermeiden sind: Ein hübsches Gebäude und ein liebevoll gestalteter Container (?) vor nervtötendem Straßenverkehr und wenig Fußgängerüberwegen (Querung für Fortgeschrittene, Paris-Erfahrung ist von Vorteil)

rostock14

Am Hafen – Historischer Kran

rostock15

Am Hafen – Die Warnow ist noch zugefroren

rostock16

Am Hafen – Aufwändig gestalteter Container (?)

rostock17

Windspiel – Segel im Wind, Metallplastik von Achim Kühn, 1988

Erfreulich ist, dass dieses für die DDR typische Kunstwerk nicht entfernt wurde. Die Gebäude sind modern, passen sich aber der für Rostock und dieses Viertel typischen Bauweise an.

rostock4

Auch neuere Plastik und die Laternenmasten verweisen auf die maritime Tradition Rostocks. Die Möwe auf der Möwe war allerdings reiner Zufall.

rostock18

Und noch ‘n Speicherhaus, unterhalb der Langen Straße.

rostock19

An der Langen Straße – Stalinistische Zuckerbäcker-Einschüchterungsarchitektur meets norddeutsche Backsteingotik. Diese Straße wurde nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitert und neu gestaltet.

Es ist offensichtlich, dass man sich in Rostock bemüht hat, die historische Altstadt so aufzubauen, dass man einen Eindruck vom historischen Stadtbild bekommt. Wo man sich zur Neugestaltung entschloss, wurde auf die regionale Architekturtradition Rücksicht genommen, das heißt, in der Innenstadt sucht man großflächige Plattenbauwüsten vergeblich. Rostock ist nicht Dresden, aber leider lässt auch die liebevollste und sorgfältigste Rekonstruktion die frühere Schönheit Rostocks nur erahnen.

rostock20

Just some impressions from my one-day trip to Rostock.

Next Page »