on tour


In Eshaness waren wir letztes Jahr schon, aber eben ohne Herrn Jinx, und Eshaness ist die wildeste Ecke der wildesten Region Mainlands. Also, auf nach Northmavine. Dort, wo die Halbinsel anfängt, ist ein schmaler Übergang, und auf der einen Seite liegt die Nordsee, auf der anderen der Nordatlantik.

Hier steht eine Übersichtstafel mit den Gesteinsarten, die dort zu finden ist. Die Shetland-Inseln sind ein Paradies auch für Geologen.


Der Weg gehört zu einem der einfachsten Wanderwege auf den Inseln. Alles flach und immer geradeaus. Dafür mit einer der grandiosesten Kulissen überhaupt. Eshaness gilt als die schönste Küste von Mainland.

Wie überhaupt in diesem Urlaub, hatten wir auch an diesem Tag sehr viel Glück mit dem Wetter.

Im Kontrast zu der schroffen Küste steht die weite Ebene.


Hier wird besonders deutlich, dass die Küstenlinie der Inseln einem ständigen Erosions- und Veränderungsprozess unterworfen sind.

Und auf der anderen Seite: Lochs und Grün.

Immer anders: Küste bei Eshaness.

Es ist nicht so einsam, wie es aussieht: Neben Ruinen aus unterschiedlichen Epochen gibt es vereinzelt auch Bauernhöfe, die bewirtschaftet werden.

Was als Steilküste begann, wird zunehmend flacher.

Was auf den Aufnahmen karg aussieht, ist bei näherem Hinsehen mit Blumen übersät. Hier Sea Pink (Strandnelken) und … äh … blaue Blümchen.

 

Sea Pink überall.

Moos gibt es natürlich auch.

Zum Ende der Strecke wird die Küste zunehmend flacher; hier kann man sogar herumklettern und ans Wasser gelangen (was ich natürlich getan habe). Es ist nicht gefährlich, aber ohne feste Wanderstiefel nicht zu machen.

 

Blick “von unten” auf das Meer.

Der Rückweg führt von der Küste weg einige hundert Meter ins Innere.

Wie fotografiert man Leere?

Und auf dem Rückweg fanden wir eine ideale Immobilie.

Sie hat sogar einen eigenen Strand : Es gab einen Einsturz hinter der Küstenlinie, sodass dort ein riesiges Loch entstand. Durch eine Art Tunnel bahnt sich das Meer seinen Weg. Das Loch ist ca. 20 Meter tief, hier wäre ein Aufzug zum exklusiven Privatstrand einzubauen.

Die Wassermühle müsste man natürlich auch auf Vordermann bringen.

Die Immobilie selbst ist ein Broch bzw. die Reste davon. Hier müsste man einiges machen, aber die Lage ist einfach einmalig, und es ist auch alles da, was man braucht.

Der Broch und der Loch (drumherum).

Zu einer kleinen Insel im Loch führt eine improvisierte Brücke.

 

Noch ein Loch.

Übrigens: Was aussieht wie das Ende der Welt, ist gerade mal eine dreiviertel Autostunde von Lerwick entfernt.

Und auf besonderen Wunsch von Herrn Jinx habe ich diese wirklich besonders schöne Kuh fotografiert.

 

 

 

 

Die Insel Whalsay stand auch auf dem Programm, sie ist ebenfalls durch eine Fähre zu erreichen.

Dies ist sie. Die Überfahrt ist die längste, die wir diesmal zwischen den Inseln übernommen haben, sie dauert etwa 20 Minuten. Die Fähre wurde erst in den siebziger Jahren eingerichtet;  davor gab es lediglich Versorgungsschiffe.

Unser erstes Ziel: Die Hanseatic Böd. Auf den Shetlandinseln gab es für über 200 Jahre Handelsstützpunkte der Hanse, und auf Whalsay ließen sich Bremer und später auch Hamburger Kaufleute nieder. Sie hinterließen einen bleibenden Eindruck; so hieß die Straße, die an dieser Böd vorbeiführt, früher Bremen-Strasse. Symbister auf Whalsay war nicht der einzige Stützpunkt, aber der einzige, der in ein kleines Museum umgewandelt wurde.

Die norddeutschen Kaufleute blieben insgesamt in guter Erinnerung auf den Inseln, und das bis heute. Sie passten sich in ihrem Lebensstil weitgehend der Umwelt an (kein Geprotze) und – Plattdeutsch machte es möglich – konnten sich mit der Bevölkerung ohne Übersetzer verständigen. Shetlander stammen überwiegend von Norwegern ab, und die während der Frühneuzeit dort gesprochene Sprache war eine Variante namens “Norse”, die ausreichend starke Verwandtschaft zum Plattdeutschen aufwies. Heute ist diese Sprache zwar ausgestorben, aber das Englische dort ist stark von Ausdrücken des früheren Inselidioms durchsetzt und heißt “Northern Isles Scots”. Es ist schon mehr für Fortgeschrittene, was dort gesprochen wird. Schulenglisch wird natürlich verstanden, nur versteht man nicht unbedingt, was die Leute antworten. Norddeutsche sind eindeutig im Vorteil, denn Kenntnisse des Plattdeutschen helfen auch heute noch weiter. Irritierend für Touristen (und Briten sowie Schotten vom Festland) ist, dass die Vokale anders ausgeprochen werden als man es so kennt. Mir half da lustigerweise das Hebräische weiter, wo man einen flexiblen Umgang mit Vokalen lernt. Ich konnte mich mit den Leuten locker unterhalten, denn interessant wird es erst, wenn sie Dinge erzählen, die nicht dem allgemein zugänglichen Informationsmaterial zu entnehmen sind.

Den Schlüssel für die Hanseatic Böd (oder booth) gibt es im Inselshop gegenüber. Man kann ihn nicht verfehlen, denn er ist der einzige auf Whalsay.

Eine Plakette erinnert an die historische Verbindung zwischen Whalsay und der Hanse.

Im Inneren informiert eine kleine Ausstellung.

In Whalsay kauften die Hansekaufleute vor allem Stockfisch (rechts im Bild).

Der Titel dieses Displays, “die deutschen Shetlander” verweist auf die guten Erinnerungen. Überliefert ist sogar ein Shetlander, der seinen Sohn nach einem befreundeten Kaufmann benannte, und zwar Adolf (ja ich weiß, es war ein paar hundert Jahre früher, aber muss es denn unbedingt Adolf …). Von diesem positiven Eindruck profitiert man als deutscher Tourist nach heute (vor allem, wenn man aus Hamburg oder Bremen kommt), auch wenn die peinlichen Nachfahren im zweiten Weltkrieg von den Shetlandern aktiv und erbittert bekämpft wurden. Hinzu kommt, dass ein auf dem Inseln beheimateter Autor seinen Landsleuten nahebrachte, dass Kriege ein universelles Phänomen mit völlig austauschbaren Protagonisten ist, bei dem die Bevölkerung instrumentalisiert wird, um die Interessen Weniger durchzusetzen.

Die Böd ist trotz ihrer geringen Größe zweistöckig. Bevor sie in den Siebziger Jahre zu einem kleinen Museum umgebaut wurde, diente sie dem Inselladen als Lagerraum.

Das Polizeizentrum zur Bekämpfung insularer Kriminalität war an diesem Tag geschlossen.

Der Hafen von Symbister. Whalsay hat die größte Fischfangflotte der Shetland-Inseln.

Auch wenn die Fischbestände dramatisch zurückgehen, ist Fischerei immer noch die Haupterwerbsquelle Whalsays (neben dem Öl, versteht sich).

Die Haa. Sie wurde von einem schottischen Landbesitzer namens Bruce erbaut, der zwar langfristig daran pleite ging, aber die Insulaner so sehr ausbeutete, dass er bis heute ausgesprochen unbeliebt ist. Er verbot den Leuten, auf dem Landstück, das vom Haus zum Hafen führt, zu bauen, damit seine Sicht nicht beeinträchtigt würde. Anstoß erregte auch der für hiesige Verhältnisse protzige Bau. Heute beherbergt das Gebäude eine Schule.

Symbister Haa von der Rückseite. Im Turm links befand sich eine dreibrillige (!) Toilette (!!!) für den Laird. Der mittlere Sitz war erhöht und durfte nur von ihm benutzt werden. Selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass das Konzept von Privatsphäre Anfang des 19. Jahrhunderts noch ein etwas anderes gewesen sein mag, wirft diese Lokation doch einen erhellenden Blick auf eine befremdliche Persönlichkeit (aber die Aussicht muss großartig gewesen sein).

Das Heritage Center. Es beherbergt eine Ausstellung, die sich vor allem dem Fischfang, dem Leben in Whalsay vor dem großen Ölboom und der Landwirtschaft widmet.

Manche der historischen Aufnahmen sind im Dialekt der Shetlander betitelt.

Ja, es wurde hier auch gestrickt.

Danach erkundeten wir die Insel mit dem Wagen; außerhalb von Symbister sind die meisten Straßen einspurig.

Whalsay ist sehr grün und zeichnet sich durch sanfte Hügel aus, unterbrochen von Wasserflächen.

Ab und zu steht da mal ein Haus, und die Ortschaften mit Ausnahme von Symbister bestehen aus zwei bis fünf Häusern.

Der Untergrund besteht meist aus Torf. Der wird bis heute abgebaut und ist, seit Menschen auf den Shetlands leben, das traditionelle Heizmaterial. Dies änderte sich erst in den Siebzigern, als Zentralheizungen eingebaut wurden. Dennoch wird Torf bis heute für Kamine u. ä. abgebaut und verkauft.

Überreste eines Crofter-Anwesens.

Prähistorische Überreste gibt es auch.

Nach der Rückfahrt mussten wir uns in Lerwick erst mal stärken (Whalsay hat nämlich keine gastronomischen Betriebe, es gibt nicht mal eine Kaffeebude irgendwo).

Aber natürlich nicht irgendwo, sondern im besten Café von Lerwick. Da Peerie Shop Café (peerie = klein) hat phantastische Kuchen. Vor allem die Käsekuchenvariationen sind großartig und machen deutlich, dass Light-Produkte nicht hier erfunden wurden. Der Käsekuchen mit weißer Schokolade war mein Favorit, und der Käsekuchen mit dunkler Schokolade ist etwa so, als würde man drei Tafeln Nougatschokolade essen.

Für den Abend hatten wir uns einen besonderen Programmpunkt aufgehoben: den Besuch der Up-Helly-Aa-Ausstellung. Das größte Feuerfest Europa läuft kurzgefasst wie folgt ab: Es wird ein Anführer benannt, der Guizer Jarl, der mit seiner Squad einen Umzug durch die Stadt anführt. Sie ziehen ein großes Wikingerschiff hinter sich her, das am Ende angezündet und verbrannt wird. Begleitet werden sie von Gruppen in allen möglichen und unmöglichen Kostümierungen. Das hört sich ein wenig wie Karneval an, aber das ist es nicht, und es ist auch nicht lächerlich. Up Helly Aa ist bei allem Humor eine ernste Sache, die akribisch und mit großem Aufwand angegangen wird.

Eine Replik eines Schiffes in der Ausstellung.

Die Kleidung des Jarls ist die einzige, die weitergereicht wird. Zum Jarl ernannt zu werden, ist eine große Ehre, die einem lebenslange Reputation auf den Inseln sichert. Man muss sich mindestens 16 Jahre lang an den Festvorbereitungen beteiligt haben, bevor man daran denken darf, diese Rolle einzunehmen.

Kostüme der Squads. Die Squad besteht aus Freunden und Verwandten des Jarls, und die Vorbereitungen dauern jeweils ca. zwei Jahre. In dieser Zeit werden die Kostüme angefertigt und das Schiff gebaut. Für ein Kostüm muss man ca. GBP 1500 investieren. Das Berserkerkostüm hatte es mir besonders angetan.

Man zieht jedoch nicht einfach irgendwas an, was man irgendwo gekauft hat: Die Kostüme werden in Handarbeit hergestellt; nur wenn etwas nicht von den Leuten selbstgemacht werden kann, wird eine externe Firma beauftragt (z. B. für das Verchromen der Helme). Die Squad und ihr Jarl lesen die alten Wikingersagas und wählen einen Heldencharakter aus, den der Jarl verkörpert. Die Kostüme der Squads thematisieren diesen Charakter und seine Geschichte.

Die Ausführung ist unglaublich detailverliebt.

Felle, Federn und Leder sind natürlich echt und kein Plastik, ebenso das Metall.

 

An den Wänden: die Schilde der ehemaligen Squads und Gemälde, die das Fest thematisieren.

Außerdem gibt es noch Jahrbücher zum Blättern und einen Videofilm, der die Vorbereitungen und das eigentliche Fest zeigen.

Fast wie bei einer Wagneroper: Eine Galerie mit Porträtaufnahmen ehemaliger Jarls. Natürlich haben wir uns auch das Video angesehen. Als am Ende der Jarl den Drachenkopf seines Schiffes küsste, bevor es angezündet wurde, hatte nicht nur er und viele aus seiner Squad Tränen in den Augen, auch wir waren schwer ergriffen.

Zwei Jahre Vorbereitung für einen Tag: Aufnahmen verschiedener Schiffe.

Einmal auch als Frau Guizer Jarl sein dürfen. Eigentlich ist Up Helly Aa Männersache, aber die Ausstellung macht es möglich. Mutter Jinx in voller Montur.

Unser Verständnis dieses Festes ist eigentlich repräsentativ für die Inseln allgemein: Oberflächlich bleibt vieles unverständlich; wer von einem Urlaub auf die Shetland-Inseln wirklich etwas haben will, muss tiefer eintauchen als Touristen das üblicherweise tun. Aber es lohnt sich: Wir haben beschlossen, einmal im Januar hinzufahren, um das Fest selbst erleben zu können. Und außerdem wollen wir sowieso wieder hin. ;)

 

 

 

 

 

 

Über Lerwick, die pulsierende Metropole, die erst ab 21.00 Uhr langsam zur Ruhe kommt und wo man tatsächlich mal fünf Leute auf einmal auf der Straße sieht, habe ich bereits letztes Jahr berichtet, zu finden hier und hier. Auch diesmal wohnten wir in der Stadt, diesmal in angenehmer Nähe zum Zentrum. Und in Lerwick gibt es ein paar kuriose Dinge, die mir letztes Jahr nicht auffielen oder die es damals noch nicht gab.

Da wäre zunächst dieser für Landratten erstaunliche Anblick. Fischernetze hängen praktisch über jedem Zaun. Die Leute, die dort wohnen, sind nun keine Fischer (oder zumindest nicht zwangsläufig), denn die Netze werden über die Müllsäcke gebreitet, die der Abholung durch die Müllabfuhr harren. Tut man das nicht, fleddern Scharen von Möwen den Abfall und zerren ihn über die Straße.

Dies war unser Stammpub, das Douglas Arms. Interessanterweise wird kein Essen serviert, das gibt es nur in den größeren Hotels angegliederten Pubs. Dafür hat dieser zwei Räume, einen, in dem Sportübertragungen laufen (und der aussieht wie Holzklasse) und einen sehr gemütlich eingerichteten Raum mit gepolsterten Bänken, wo alle möglichen Veranstaltungen laufen: Folkabende (offenes Spiel, jeder kann mitmachen) und Karaoke (samstags).

Nicht täuschen lassen vom abgeranzten Schild: Der Laden hat wirklich innere Werte.

Ein echtes Fundstück, das sich erst auf den zweiten Blick erschließt.

Ich habe über dieses Gebäude nichts gefunden; wohl aber etwas über Juden in Lerwick. Die ersten kamen als osteuropäische Auswanderer, die letzten als Flüchtlinge mit Fischerbooten aus dem deutsch besetzten Norwegen. Die Berichte, die es im Internet gibt, sind durchweg positiv: Die Shetlander werden als freundlich und aufgeschlossen beschrieben, die sich an den fremdartigen Gebräuchen der teilweise orthodoxen Juden nicht störten. Dass die Zuwanderer andere Feiertage hielten und bestimmte Dinge nicht aßen, war den Leuten anscheinen schlicht völlig wurscht. Die Shetlands blieben jedenfalls in guter Erinnerung, niemand nervte mit Anti- oder Philosemitismus (es ist nämlich nicht immer einfach festzustellen, was im Einzelfall schlimmer ist, aber Antisemitismus ist berechenbarer) und boten auch denen eine Heimat, die weder von Herkunft noch von der Religion her der Mehrheitsgesellschaft entsprachen. Ein äußeres Zeichen ist auch, dass weder das Haus noch das Schild beschmiert oder beschädigt sind.

Ganz ganz schmale Gassen sind typisch für Lerwick. Sie sind so schmal, dass Herr Jinx, der weder korpulent noch Bodybuilder ist, sich leicht seitlich drehen muss, wenn er hindurchgeht. Sie wirken teilweise so privat, dass er zunächst fürchtete, dass er am Ende in der Küche von irgendjemanden steht. ;) Diese hat sogar noch einen passenden Namen.

Wenn wir die Sektion Pirate Party Great Britain/Shetland Isles gründen, wäre das eine passende Adresse für die Geschäftsstelle. ;)

Ein bisschen Elbphilharmonie auch hier: Dies ist das neue Kulturzentrum für Lerwick.

Es wird ein Kino und einen Konzertsaal beherbergen, außerdem diverse sonstige Räume für kulturelle Aktivitäten aller Art. Das heißt, eigentlich sollte es das schon, denn die Beendigung der Bauarbeiten sollten dieses Frühjahr bereits abgeschlossen sein. Aber das ist nichts, was wir nicht kennen würden …

Architektonisch ist der Bau interessant, orientiert er sich doch an den auf den Inseln üblichen Zweckbauten und entwickelt diese in sehr moderner Weise weiter (kein historisierender Kitsch …). Typisch ist der Verzicht auf Prunk, Pomp & Protz, auch wenn der Bau für die Inseln sehr groß und aufwändig ist. Sie lassen es halt gern mal richtig krachen auf den Shetland-Inseln. Das Öl macht es möglich, und man hat sich in Lerwick ein Leisure Center mit beheiztem Schwimmbad, Saunalandschaft und Sportanlagen für die Kleinigkeit von 16 oder 17 Mio GBP gebaut. Natürlich gibt es kleinere Anlagen auf den anderen Inseln mit relevanter Bevölkerungsmenge, unter anderem auch eine im Norden (von wo es ca. 30 Minuten mit dem Wagen dauert, bis man in Lerwick ist …).

Herr Jinx wollte gern den Broch von Mousa sehen, der der am besten erhaltene der Welt ist. Einen ausführlichen Bericht findet man hier (vom letzten Jahr). Da die Fähre nur einmal pro Tag fährt, muss man einen Nachmittag für die Tour einplanen.

Die Fähre (das rechte Boot) fährt ca. 15 – 20 Minuten.

Immer wieder beeindruckend – der Broch von Mousa, diesmal umzingelt von Schafen.

Auf sie ist Verlass, denn im Sommer sind sie immer da: Seehunde. Sie sind sehr neugierig, allerdings muss man zum Schutz der Tiere Abstand halten (man muss ja auch nicht alles anfassen, außerdem können sie ganz schön beißen). Sie verfügen dort über eine Art eigenes Leisure Center mit von der Sonne beheizten flachen Meerwasserpools, steinernen Sonnenbänken und einer Brandungszone mit Fischbuffet. Sogar für Unterhaltung ist gesorgt, denn gegen 14.00 Uhr tauchen, wenn es nicht stürmt, unfehlbar irgendwelche Typen auf, die sich ganz doll freuen, dass die Seehunde da sind. Man sieht jedenfalls immer ein paar wurstartig in Ufernähe herumliegen und auch ein paar Nasen durchs Wasser ziehen.

Die Küste der Insel Mousa ist ebenfalls reizvoll mit ihren bizarren Felsformationen. Da die Küsten der Shetland-Inseln so zerklüftet sind, stehen praktisch überall kleine Leuchttürme herum.

Nicht nur wegen der Temperaturen zum Baden nicht geeignet: Felsküste

Na, da waren wir doch gerade am Vortag gewesen: Die Insel Noss aus der Ferne. Die Felsnase ganz rechts ist es, und dort schien richtig die Sonne.

Und auch mit ihnen gab es ein Wiedersehen: Guillemots

Archäologische Stätten, Vögel, Schafe, Blumen, Seehunde … was will man mehr?

Das Haus an der Anlegestelle wird nur noch zur Schafschur genutzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Shetland besteht ja nicht nur aus Mainland, sondern aus vielen Inseln, und einige davon haben wir auch besucht. Am dritten Tag waren Bressay und Noss dran. Bressay ist eine dünn besiedelte Insel, die direkt gegenüber Lerwick liegt. Man erreicht sie mit einer Fähre (allerdings von Bressay aus gesehen), und die Fahrt dauert nur wenige Minuten.

Die typische Architektur der Inseln findet man auch hier.

Das aufwändigste Gebäude der Insel: Gardie House, eine Haa im klassizistischen Stil, aber ohne Schnickeldi (das Errichten von Protzbauten war hier noch nie angesehen).

Eine typische Ansicht des westlichen Teils von Bressay. Das, was rechts im Bild aussieht wie eine Tonne, ist eine Nissenhütte aus dem Zweiten Weltkrieg. Man ist hier eher pragmagisch: Wenn’s noch funktioniert und dicht hält, dann wird es auch benutzt.

Der einzige Shop der Insel, der gleichzeitig Post- und Tankstelle ist. Was es hier nicht gibt, kauft man in Lerwick, das schließlich direkt gegenüber liegt.

Fast schon ein Ballungszentrum: Neubaugebiet auf Bressay. Auf der Insel wird vor allem Landwirtschaft und Fischfang betrieben.

Blick auf die Küstenlinie. Im Westen von Bressay gibt es keine dramatischen Klippen.

Der Leuchtturm ist heute automatisiert und beherbergt eine Ferienwohnung.

Hierhin haben wir einen Anhalter mitgenommen. Was bei uns der Albtraum aller Aktenzeichen-XY-Fans ist, ist auf den Inseln völlig normal.

Blick auf Lerwick

Und ein Blick über das Binnenland

Irgendein Wasser sieht man eigentlich immer auf den Inseln: Wenn es nicht das Meer ist, ist es ein Loch (die schottische Bezeichnung für See wird auch hier verwendet).

Sanfte Hügellandschaft und schmale Straßen. Auf Bressay sind fast alle Straßen einspurig und mit Ausweichbuchten versehen.

Das Heritage Center in Bressay. Die Heritage Centers haben auf den Inseln die Funktion, Besuchern die Besonderheiten der lokalen Geschichte nahezubringen (man sieht also nicht überall dasselbe). Der Schwerpunkt dieses Centers liegt auf der Rolle Bressays im Zweiten Weltkrieg, denn die Insel diente der Verteidigung des Hafens von Lerwick.

Der Cruester Burnt Mound. Diese Verbrennungsöfen aus Bronze- oder Eisenzeit (hier: Bronze) finden sich überall auf den Inseln, und nicht alle werden ausgegraben. Lustig bei diesem ist, dass man nicht genau weiß, was hier eigentlich getan wurde, da einschlägige Beifunde fehlen.

Nach dieser kurzen Besichtigungstour fuhren wir weiter in den Osten.

Der ist wesentlich dünner besiedelt (haha!), und man findet viele Relikte aufgegebener Höfe.

Insgesamt wirkt die Szenerie dramatischer.

Hier kommt auch das eigentliche Ziel der Fahrt in Sicht: Die Insel Noss. Sie war ein Teil von Bressay, bis sie im 17. Jahrhundert durch einen Sturm von der Hauptinsel abgetrennt wurde. Sie erhielt einen eigenen Namen und ist heute bis auf einen Menschen (den Vogelwart) unbewohnt. Hier brüten Basstölpel, Möwen, Papageientaucher und andere Seevögel, weswegen sie heute ein Naturschutzgebiet ist.

Lamm am Strand.

Noss war einmal bewohnt, und der Vogelwart lebt in einem alten Cottage, das gleichzeitig Besucherzentrum ist. Er hat außerdem die Aufgabe, die Besucher von Bressay nach Noss überzusetzen.

Und zwar hiermit. Bei stärkerem Seegang kann es durchaus mal nasse Hintern geben. Die Fähre fährt an zwei Tagen in der Woche nicht, ebenso kann sie wegen unpassenden Wetters ausfallen. Damit man nicht umsonst die Fahrt an die Ostseite von Bressay unternimmt, gibt es eine pragmatische Lösung: Man ruft eine Nummer an, und eine tagesaktuelle Bandansage informiert über die aktuelle Situation. Dies ist ein Grund, warum man im Urlaub auf den Shetland-Inseln sein Handy dabeihaben sollte.

Das Haus des Vogelwarts/Visitor Center/Bootsstation

Fundstücke angeschwemmter Walkadaver am Visitor Center. Wale haben wir übrigens keine gesehen.

Auf Noss gibt es keine Gastro, keine Straße, keine Souvenirs und nur ein Klo (im Haus des Vogelwarts). Man umrundet die Insel zu Fuß. Wege sind nicht markiert, man sucht sich seine Pfade selbst. Es ist übrigens angezeigt, an der Küste zu bleiben, da im Inneren die Große Raubmöwe (Great Skua) droht. Es ist ihr Brutgebiet, und diese großen Tiere sind angriffslustig. Sie neigen dazu, sich auf Wanderer zu stürzen, die ihren Nestern zu nahe kommen. Körperliche Kontakte sind selten, kommen aber vor.

Die Wanderung beginnt recht unspektakulär, aber das ändert sich bald.

Bald schon kamen die ersten Vertreter der shetländischen Tierwelt in Sicht. Was aussieht wie Würste im Wasser sind keine Würste, sondern Seehunde.

Wenn sie nicht durchs Wasser ziehen und nach Fischen tauchen, tun sie vorzugsweise gar nichts, sondern liegen in der Sonne und lassen sich wärmen.

Die Küste wurde zunehmend rauer und steiler, und hier begannen auch die Brutgebiete. Zunächst sahen wir nur Wanderer, verfolgt von erbosten Great Skuas (lustig!) und Möwen auf den Felsen.

Ach, sie gibt es hier natürlich auch: Schafe

Die Küste Shetlands ist durch Wind und Wetter ständiger Veränderung unterworfen, und auf Noss sieht man das besonders deutlich. Gerade die schroffen Felsinseln sind ein Brutparadies für Vögel.

An den felsigen Küsten sind Löcher im Felsen und Höhlen überall zu finden.

Und dann war es so weit: ein großer Moment in meinem Leben – ich sah meinen ersten Puffin. Letztes Jahr waren wir zu spät, denn die Vögel kommen nur zum Brüten an Land und leben ansonsten auf der offenen See. Sie bauen keine Nester, sondern graben Höhlen oder nutzen verlassene Kaninchenbauten (und Kaninchen gibt es auf den Inseln in hellen Scharen). Nun bin ich kein Tierfotograf und habe auch keine entsprechende Ausrüstung. Aber hier ist der Beweis:

Bitte sehr, ein Puffin. Jawohl. Die Vögel sind nicht zutraulich, aber neugierig. Einer streckte seinen Kopf über seinen Felsen, als wir nur wenige Meter entfernt waren.

Dies ist ein Felsen, wo Guillemots (gemeiner Alk) brüten. Sie sehen ein bisschen aus wie kleine Pinguine und leben in Gruppen eng zusammen.

Ja, bei Alks zu Hause ist es ein bisschen wie Wohnen auf der Toilette …

Der Kandidat für den nächsten Felsabbruch findet sich in diesem Bild.

Und dies ist der Felsen, wo die Gannets brüten. Zu Tausenden. Sie fliegen überall herum, sitzen überall, und man riecht den Guano selbst aus einiger Entfernung. An Land sind sie nicht die Elegantesten, aber sie sind sehr ästhetisch anzusehen, wenn sie fliegen, da sie hervorragende Gleiter sind. Im Gegensatz übrigens zu den Puffins, die einen Watschelgang haben und deren Flügel zu klein sind, um gleiten zu können. Sie flattern hektisch (da sie ihre dicken Körper ja irgendwie in die Luft bekommen müssen). Ihr Element ist eindeutig das Wasser.

Der Gannetfelsen liegt ungefähr auf der Hälfte des Weges, und wir hatten richtig Glück: Das Wetter klarte auf, und unser Rückweg wurde von der Sonne beschienen. Man konnte bis zu den nördlichen Inseln sehen.

Blick nach Norden.

In unmittelbarer Nähe: Mainland

Felsen mit Durchblick.

Die Insel ist auf der Nordseite an der Küstenlinie von einer alten Trockenmauer umgeben.

In voller Blüte: Sea Pink (Grasnelke)

Und immer wieder: dramatische Küsteneinschnitte

Trockenmauer.

Ein Blick zurück auf den Gannet-Felsen

Immer wieder anders: die Küste

Sea Pink galore

Noss war für Herrn Jinx der erste große Höhepunkt der Reise, er war einfach begeistert, doch es sollte natürlich nicht der einzige bleiben. ;)

Zunächst erkundeten wir weiter den Süden: Am Meal Beach waren wir zwar schon letztes Mal, aber da hat es so erbärmlich geregnet, dass man es nur ein paar Minuten ausgehalten hat. Diesmal hatten wir mehr Glück und konnten diesen wirklich sehr schönen Strand in Ruhe erkunden.

Das weiße Zeug ist Wollgras, das praktisch überall wächst und im Juni blühte. Der Untergrund ist sehr feucht und sumpfig, der Strand nur über einen Holzsteg zu erreichen.

Nein, dies sind nicht die Malediven oder so …

Was aussieht wie weißer Sand ist keiner, sondern fein zermahlene Muschelschalen.

Das tut der Attraktivität keinen Abbruch. Schwimmen ist hier im Nordatlantik nur etwas für ganz, ganz abgehärtete Naturen, und wir verzichteten dankend.

Obwohl es während der ersten Tage etwas kühl war (so ca. 12 – 15 Grad), reichte es, um ein wenig im Sand zu spielen.

Danach machten wir uns auf nach Scalloway. Das war früher der Hauptstadt der Inseln, bis es von Lerwick (eine vergleichsweise pulsierende Metropole mit gediegenen 5000 Einwohnern) abgelöst wurde. Entsprechend verschnarcht ist Scalloway heute.

Unser Ziel war dieses Museum, in der eine Ausstellung über den Shetland Bus gezeigt wird. Das heißt, eigentlich wird sie gezeigt, denn momentan zieht die Sammlung in ein größeres Gebäude um, und man sah gar nichts.Da es überhaupt keinen Sinn macht, sich wegen etwas zu ärgern, was man ohnehin nicht ändern kann (Wetter, Renovierungen, Museumsumzüge …), habe ich mir ein Buch zum Thema gekauft.

Es ist übrigens sehr bezeichnend, dass die Bewohner dieser Inseln, die damals noch sehr arm waren, die Flüchtlinge nicht in irgendwelche Container oder Heime gepfercht haben. Shetlander sind freundliche, aufgeschlossene Menschen, die zwar durch die Menge der Leute an ihre logistischen Grenzen stießen, aber dennoch zusammenrückten und die Leute unterbrachten und verpflegten. Zudem drang die für die Nationalsozialisten sicherlich hochinteressante Tatsache, dass ich am Ende der Welt etliche norwegische Widerstandskämpfer verbargen, bis Kriegsende niemals an die Öffentlichkeit. Scalloway ist bis heute ein beliebtes Ziel norwegischer Touristen, die Shetland besuchen, um auf den Spuren ihrer Vorfahren (von den Wikingern bis zu den Nationalhelden der deutschen Besatzungszeit) zu wandeln.

Wir setzten uns in ein Café und genossen die einzige halbwegs unverstellte Aussicht auf das Schloss, das von einem Bruder des Herzogs von Orkney erbaut wurde. Der Zustand und vor allem die unmittelbare Umgebung ist eine weitere Eigenart der Inseln. Man hat nichts gegen Schotten, aber wohl etwas gegen die ehemaligen schottischen Lairds (Landbesitzer), die den Feudalismus auf Shetland einführten und die Bevölkerung zum Teil sehr stark ausbeuteten. Praktisch bedeutet das, dass man die Schlösser (ebenso wie auf dem Jarlshof oder wie Muness Castle auf Unst) ordentlich abranzen ließ und – im Fall von Scalloway – mit wenig formschönen aber sehr praktischen industriellen Anlagen umstellte, damit die Dinger nicht mehr so stören (hier ein Bild des Schlosses von der anderen Seite).

Da es nichts mit dem Museum war, fuhren wir weiter zum Crofthouse Museum. Hier waren wir schon letztes Jahr (siehe den ausführlichen Bericht vom letzten Jahr), aber Herr Jinx kannte es noch nicht. Crofthouses sind die ehemaligen Behausungen von Kleinbauern, die heutzutage meist verfallen sind, da sie sehr schwierig zu modernisieren sind (bei Haas und Cottages ist das wesentlich einfacher). Aber es gibt ja die schön und liebevoll restaurierte Anlage im Süden von Mainland.

Shetland-Ponies haben hierzulande einen schlechten Ruf. Sie gelten als unleidlich und bissig, eine Erfahrung, die wir in zwei Urlauben nicht bestätigen konnten. Es ist nur so, dass sie keine sonderlich geeigneten Reittiere sind, sondern die – gemessen an der Körpermasse – wohl stärksten Pferde der Welt, die ganzjährig draußen und unter Ihresgleichen stehen wollen. Man ist sich nicht immer ganz sicher, ob sie wach sind oder schlafen, aber streicheln lassen sie sich gern. Sie sind klein, zäh, sehr kräftig, eigensinnig und durchsetzungsstark, aber sehr gelassen, wenn man ihnen nicht auf die Nerven geht. Sie sind eben kein Spielzeug, auch wenn sie wirklich wahnsinnig niedlich sind.

Die Fohlen sind wirklich winzig, hier im Vergleich zu nicht sehr hohen Brennnesseln.

Herr Jinx, der keine gute Meinung über diese Pferde hatte, musste seine Meinung revidieren.

Hier nochmal die Anlage …

… mit dem eingezäunten Garten, links im Bild. Wenn auf diesen fast baumlosen Inseln etwas gedeihen soll, muss es windgeschützt sein.

Das gilt auch für Strohdächer. Damit die Pracht nicht beim ersten Sturm dahingeht, wurden sie mit Steinen beschwert.

Sie gehört zur Anlage, aber letztes Jahr haben wir sie nicht besichtigt, da es zu feucht war und Mutter Jinx nur Turnschuhe trug: Die Wassermühle.

Sie ist wirklich winzig.

Gemahlen wurde vorzugsweise im Herbst und Winter. Die Shetland-Inseln sind nicht der geeignetste Ort, um Getreide zu ziehen, entsprechend mager fielen die Ernten aus. Außerdem führten die Bäche in diesen Jahreszeiten genügend Wasser, um die Mühlen anzutreiben. Der nahe gelegene Bach wurde zum Mahlen umgeleitet und bei Beendigung wasserradschonend wieder in sein angestammtes Bett zurückgeführt. Dies macht Sinn, wenn man bedenkt, dass Holz knapp und teuer war und aus Norwegen importiert werden musste.

Der Eingang ist so niedrig, dass Herr Jinx und ich nur kriechend hineingelangten. Mutter Jinx verzichtete dankend auf die Besichtigung der Innenräume historischer Miniaturgebäude.

Das Mahlwerk. Innen konnten wir übrigens aufrecht stehen. Die Holzteile wurden neu angefertigt (Mahlsteine liegen überall herum), und die Mühle ist voll funktionsfähig und wird heute auch noch ab und zu genutzt. Früher war es eine Gemeinschaftsmühle, die von mehreren Croftern betrieben wurde.

Das Wasserrad.

Wilde Iris in der unmittelbaren Umgebung der Mühle (ja, der Untergrund ist SEHR feucht dort).

Schafshintern auf dem Gelände der Anlage. Es stehen auf den Inseln überall Schafe herum, und sie verleihen selbst Museumsgebäuden einen selbstverständlichen Charakter. Hier gibt es keine disneyähnlichen Kitschanlagen, restaurierte Stätten wirken sehr natürlich.

Von dem freundlichen Menschen im Crofthouse Museum wurden wir auf die Quendale Water Mill, die sich in unmittelbarer Nähe befindet, aufmerksam gemacht, die wir als nächstes besichtigten.

Diese Mühle wurde 1867 erbaut und ersetzte die vielen kleinen Wassermühlen in der Umgebung.

Selbstverständlich war auch dies eine Gemeinschaftsmühle, die von Croftern in der weiteren Umgebung genutzt wurde. Auch sie wurde nach der Erntezeit bis in den Winter hinein betrieben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb eingestellt und die Anlage verfiel. Sie wunde aufwändig restauriert und ist heute wieder funktionstüchtig. Das Innenleben der Mühle wurde vollständig und fachgerecht ersetzt. Auch dies ist typisch für Shetland: Wenn man es schon rekonstruiert, dann soll es bitte auch funktionieren, selbst wenn die Anlage nicht mehr gebraucht wird. Freunde ruraler Verklärungsromantik kommen hier definitiv nicht auf ihre Kosten, Technikfreaks und Leute, die an authentischen Zeugnissen der Vergangenheit interessiert sind, allerdings schon.

Im Inneren: Alles neu, alles funktioniert.

Solche Museen begeistern auch Nerds.

Ausgefeilte Mechanik mit einer eigenen Ästhetik.

Blick in den Dachstuhl des Trockenbodens.

Zum Abschluss fuhren wir noch zu St. Ninian’s Isle, wo wir letztes Jahr schon mal waren. Das Wetter war diesmal nicht so strahlend, aber trocken. Der beeindruckende Tombolo wirkt jedoch in jeder Lage.

Der Tombolo ist die einzige Verbindung zu dieser Insel, die nach einem irischen Heiligen benannt wurde, der sie nie betreten hat.

Die ausschließlich von Schafen (na, was denn sonst?) bewohnte Insel ist weglos. Touris müssen sich ihre Pfade selbst suchen.

Herr Jinx prophezeihte mir, dass ich lauter Bilder von Schafsärschen mitbringen würde, und so war es auch. Dies sind jedenfalls Schafs- und Lammhintern auf St. Ninians.

Aber natürlich gibt es auch andere Fotos dieser niedlichen und nützlichen Tiere: Dieses wirklich prächtige Exemplar blickte zunächst visionär …

… dann eher kritisch in die Gegend.

Wie eine andere Welt: Die kleinen, völlig unbehausten Inselchen vor der Küste St. Ninians.

Die Insel war nicht immer unbewohnt. Neben den Überresten einer Kirche aus der Frühzeit der Christianisierung gibt es auch andere Relikte menschlicher Bewohner.

Trockenmauer, die ein Anwesen begrenzte (nehme ich an).

Und … äh … sonstige Mauerreste (ich bin Kunsthistorikerin, keine Archäologin).

Die Kirchenruine …

Nochmal der Tombolo, von der Insel aus gesehen.

Auf dem Rückweg zum Auto.

Fast genau 10 Monate Warten hatte endlich ein Ende.

Ebenso das Jeden-Tag-daran-denken, das Großstadtleben mit all seinem Ungemach und Merkel im Fernsehen.

Das alles sollte für zwei Wochen vorbei sein. Denn nun hieß es wieder:

The vessel is leaving the harbour (vorbei an einem Golfplatz in unmittelbarer Nähe des Hafens von Aberdeen).

Nach fast 14 Stunden Überfahrt (verbracht in einer komfortablen Kabine, immerhin bin ich im Urlaub) kam Land in Sicht.

Bei dramatischem Himmel.

Endlich war ich zurück auf den Shetland-Inseln, und diesmal hatte ich auch Herrn Jinx dabei. Der fehlte ja beim ersten Mal, und daher habe ich einiges, was ich bereits letztes Jahr besucht habe, dieses Mal wiedergesehen. Aber das macht nichts. Wir haben den Mietwagen abgeholt und beschlossen, den ersten Tag locker anzugehen. Also fuhren wir ganz in den Süden, nach Sumburgh, wo wir im gleichnamigen Hotel einen Shepherd’s Pie vertilgten, der ein typisch schottisches Gericht ist (und für Kontinentaleuropäer oft weniger abschreckend). Allerdings habe ich viel Haggis in diesen zwei Wochen gegessen, denn ich finde es unglaublich lecker. Man weiß natürlich, was es ist, aber man denkt einfach nicht so viel darüber nach, und vor allem spricht man beim Essen nicht darüber.

Ach ja, Jimmy Perez war schon wieder nicht im Hause.

Danach besuchten wir den Jarlshof, den Herr Jinx gern sehen wollte. Fotos von Sumburgh und dieser hervorragenden archäologischen Stätte finden sich hier.

Außerdem besichtigten wir eine zweite archäologische Stätte, Old Scatness. Sie liegt in unmittelbarer Nähe zum Sumburgh Airport und zum Jarlshof, ist aber kleiner und weniger bekannt.

Im Gegensatz zum Jarlshof, wo sich Gebäude von der Jungsteinzeit bis hin zum späten Mittelalter befinden, hat man sich hier darauf beschränkt, nur eisenzeitliche Reste auszugraben. Dafür gibt es ein rekonstruiertes Gebäude zu sehen.

Ein Rekonstruktionsversuch des Inneren: Ein bisschen rauchig und düster, aber warm und gemütlich.

Die eigentliche Ausgrabungsstätte wirkt sehr eindrucksvoll und ist um die Reste eines Brochs herumkonstruiert, der vermutlich als Steinbruch verwendet wurde (Luftbild).

Wie die meisten Stätten auf den Shetland-Inseln ist auch diese begehbar.

Heutige Besucher stellen sich meist vor, dass in den Rundhäusern die kleinen Kammern von den einzelnen Familienmitgliedern genutzt wurden, während der Zentralraum zur gemeinschaftlichen Nutzung diente. Dies ist jedoch nach heutigem Wissensstand nicht korrekt: Die Kammern dienten unterschiedlichen Tätigkeiten bzw. waren Lager- und Schlafräume, während in der Mitte das Feuer brannte und gekocht wurde. Unsere heutigen Vorstellungen von Platzbedarf und Privatsphäre sind also nicht anwendbar.

Der Broch in der Mitte ist noch gut erkennbar. Fehlende Steine wurden durch Sandsäcke ersetzt, auf Rekonstruktionen hat man innerhalb der originalen Anlage verzichtet.

Heute besuchten wir die Landesgartenschau in Norderstedt, die vor ein paar Tagen erst eröffnete und momentan vor allem Frühlingsblüher zeigt. Ich war sehr neugierig und erhoffte mir einige Ideen für meine eigenen … gärtnerischen Tätigkeiten. Und der Eingangsbereich wirkte auch durchaus vielversprechend.

Etwas ernüchtert wurden wir durch diesen, leicht freudlosen Anblick:

Diverse Beete waren in dieser Weise angelegt. Weiße Tulpen auf weißem Kies (???), dazu dunkelrote Tulpen und vereinzelt etwas unmotiviert wirkende Wilddtulpen, dazwischen etwas, von dem man nicht immer wusste, ob es Stauden oder Wildkräuter waren.

Das Gelände war sehr schön, eine weitläufige Anlage mit einem See, einem natürlichen Waldstück, einem Moorgebiet und weiten Flächen. Hier der Blick vom Aussichtspunkt auf den See.

Themengarten mit Eiben und kontrastreicher Bepflanzung

Themengarten “Bohus” mit Wasserwänden, Wasserflächen und einer (später) nordischen Bepflanzung.

Bezaubernd, stimmungsvoll und sehr natürlich wirkend: Tulpenwiese

Spielplatz mit Wippschafen

Margueriten – ein eher seltener Anblick

Insektenhotel und moderner Kompostierer

Bepflanzung im Feldgarten

Bepflanzung im Feldgarten

Es gab wirklich schöne Ansichten, so die Tulpen- und Narzissenwiesen, aber einiges war auch ein bisschen bizarr, so der Filmgarten, wo Filme auf hortikulturale Weise interpretiert werden … oder so.

Das weite Land: hier nicht unbedingt weit, aber steinig. Überhaupt fiel der großzügige Gebrauch von Kies und Steinen auf.

Reise zum Mittelpunkt der Erde (eines sehr felsig-steinigen Planeten, übrigens)

Den Filmtitel habe ich vergessen – einfach irgendwas einsetzen. Am besten etwas mit Steinen, da liegt man nicht falsch.

Und hier der absolute Tiefpunkt (auch “Souterrain des Geschmacks” genannt): Der Herr der Ringe. Im Bild das Auenland, wie es grünt, blüht, säuft, kifft und lacht. Der Rest bestand vor allem aus einer Darstellung der öderen Gebiete Mittelerdes – richtig: aus Steinen!

Gefiel mir am besten. oder, präziser: es war der einzige Filmgarten, der mir gefiel. Der Name der Rose. Rosensträucher in Kübeln (mit den Namen der jeweiligen Sorte) auf einem Buch arrangiert.

Es standen auch … Sachen in der Gegend (und hier möchte ich Mike Krüger zitieren: “Ist das Kunst oder kann das weg?”). Wir waren uns nicht ganz sicher, was das sein sollte, aber es stand in der unvermeidlichen Abteilung für deutsche Sepulchralkultur. Die Kuppel dahinter ist übrigens kein Gewächshaus, sondern die Kirche. Auch hier waren wir uns nicht ganz sicher, was die dort zu suchen hatte.

Die Bepflanzung am See: geometrisch.

Die Beete des Seegartens wirkten schon sehr konventionell und farblich nicht immer aufregend. Ich hätte es mir schon ein bisschen extravaganter gewünscht, auch wenn die Blumen selbstverständlich sehr schön waren. Aber die Bepflanzung war auch ein wenig einförmig: Viele Tulpen, aber nur wenige Sorten, auch hier wäre mehr Vielfalt schön gewesen (es gibt ja wirklich mehr als 10 Sorten). Ach ja, botanische Kenntnisse sind von Vorteil, denn wenn man sich für eine Pflanze interessiert und nicht weiß, wie sie heißt oder welcher Gattung sie angehört, wird man es dort auch nicht erfahren: Beschriftungen fehlen fast völlig.

In der Blütenhalle: Tulpen, vor allem eine Sorte. Andere Sorten wurden in Glaszylindern arrangiert …

… in einer Art Baumform.

Verschiedene Frühlingsblüher – ordentlich in Form gebracht.

Überzeugend: Die Tischbepflanzung

Insgesamt war es weniger inspirierend als erhofft, aber ich habe einige sehr schöne Sämereien mitgebracht, ebenso wie einen praktischen Pflanzautomaten. Mutter Jinx hat fürs Guerilla-Beet Montbrezien gesponsort, die ich Montag einsetzen werde. Obwohl der Eintritt mit € 15 sehr happig ist (ermäßigt: €13, aber nicht für Rentner), werde ich wahrscheinlich im Sommer wiederkommen und mir die Anlage nochmal ansehen.

Gestern brachen wir zu einem Osterspaziergang der etwas anderen Art auf: Der Anti-Atom-Demo in Krümmel. Aufstehen war um 8.00 Uhr, was wir fluchend und widerstrebend taten (mitten in der Nacht …), aber als politischer Geschäftsführer eines Landesverbandes einer kleinen Partei muss man ja … immerhin ging es um die gute Sache.

Auf zum Atom: Der (wirklich sehr schöne) Weg nach Krümmel

Das AKW und das Volk: Bei der Kundgebung (zu der ich noch einiges zu sagen habe).

Immer mittendrin: die verdienten Trecker des Wendlandes

Abgeordneter Büker (Bezirksversammlung Hamburg Mitte) guckt visionär …

Abgeordneter Gerhold (Bezirksversammlung Hamburg Mitte, mit Fahne) grinst und Abgeordneter Penz (Bezirksversammlung Hamburg Bergedorf, ganz links) war natürlich auch dabei.

Wird sich nie durchsetzen: Atommüll

Ein bunter Haufen und auch ein Event für die ganze Familie: Die Demonstranten

Kreativer Protest

Das Krüm(m)elmonster

Diese beiden Herren bewiesen bei den Temperaturen Leidensfähigkeit

Installation

Eine Menge Protesthunde gab es auch.

Drei Piraten mit ‘nem Fahnenmast … zwei beschäftigen sich mit ihren Handys, einer verzweifelt an der Kundgebung …

Und, ach ja, die Kundgebung. Sie dauerte über zwei Stunden, die wir in der prallen Sonne ohne Schatten verbringen durften. Kurz gesagt: Sie war viel zu lang. Es wäre nicht so arg gewesen, wenn es nicht so viele Musikbeiträge gegeben hätte. Einige der Beiträge waren durchaus hörenswert, z. B. der des ehemaligen Umweltministers der DDR, der eines Liquidators, der im AKW Tschernobyl tätig war und der einer Japanerin, die in Lüneburg lebt und uns die Verhaltensweise ihrer Landsleute näherbrachte, andere eher … naja … nicht so. Und die Musik – stellenweise möchte ich einfach darüber schweigen, nur so viel: Protestlieder der ganz freudlosen Art haben sicherlich ihre Berechtigung unter … historischen Gesichtspunkten, aber eine zeitgenössische Protestkultur sieht für viele Menschen doch anders aus. Und irgendwann – ich glaube es war beim dritten Auftritt der Harfenistin -, da konnte ich einfach nicht mehr.Ich tat das, was ich tun musste. Wie gut, wenn man sich sinnvoll beschäftigen kann …

Empörungsbedarf und sinnvolle Beschäftigung bei einer teilweise sinnlosen Kundgebung: Stricken an ungewöhnlichen Orten.

Das Ende des Demonstrationszuges: Der Marktplatz “Einfach leben” in Geesthacht. Einfach leben? Ja, aber nicht ohne Auto?

Als die Kundgebung dann endlich ein Ende hatte, machten wir uns auf zum Protestmarsch am Elbufer entlang, nach Geesthacht.

Anders als bei gewöhnlichen Demonstrationen, die unter den Augen einer möglichst breiten Öffentlichkeit stattfindet, war dies anders, denn der idyllische Weg führte zwischen Wald und Elbufer entlang, ohne Zuschauer (ich konnte ein paar Häuser durch die Bäume erspähen), aber es ging ja diesmal nicht darum, zuschauende Massen zu begeistern, sondern um bundesweite Demos vor Atomkraftwerken.

Ja, es war anstrengend, aber es hat sich auch gelohnt.

Es wird wärmer und heller, und das bedeutet: Es ist wieder Zeit, auf Tour zu gehen. Unser Ziel war diesmal Neumünster, eine Stadt, die etwa eine Stunde entfernt von Hamburg entfernt liegt (mit dem Zug). Natürlich haben wir die Reisezeit mit ein paar entspannenden Reihen an aktuellen Projekten überbrückt.

In Hamburg weiß man recht wenig über Neumünster, aber Mutter Jinx wurde dort auf ein Museum bzw. eine Ausstellung aufmerksam, und so beschlossen wir, uns das Ganze mal aus der Nähe anzusehen: Das Textilmuseum Tuch und Technik. Es ist ein kleines Museum, das in der Stadthalle untergebracht ist, wo man übrigens sehr lecker essen kann (zubereitet mit frischen Zutaten – sehr empfehlenswert!). Auch die Stadt selbst ist sehr hübsch und wirkt lebendig.

Zu den vielen Dingen, die wir über Neumünster nicht wussten, ist, dass es sozusagen das “Manchester Schleswig-Holsteins” war, ein Zentrum der Textilherstellung mit mehreren Fabriken. Daher nimmt dieses Thema auch einen breiten Raum in der Dauereinstellung ein, die der Geschichte der Stadt gewidmet ist. Nach einer Präsentation archäologischer Funde geht es mit der heimischen Textilproduktion weiter – Spinnräder und Webstühle also. Man vergisst angesichts diverser Bekleidungsdiscounter und einem textilen Überangebot jeder Preisklasse leicht, dass in der vorindustriellen Zeit jeder Faden, den man benötigte, auch selbst in Hand- und Heimarbeit hergestellt werden musste.

Eine Kardiermaschine, die aus dem Vlies Vorgarn macht. Im Vordergrund, kaum im Bild, befindet sich eine Spinnmaschine.

Eine Vorrichtung zum Schären der Kette.

Mit dem Aufkommen der industriellen Textilherstellung eröffneten mehrere Fabriken in der Stadt, von denen nicht eine mehr existiert (die letzte Fabrik schloss 1992), auch das Ausbildungszentrum, dass in allen möglichen Berufen rund um die Textilherstellung schulte, gab diesen Bereich völlig auf. Im Museum sind jedoch noch einige historische Maschinen zu sehen, darunter einen frühen mechanischen Webstuhl, der mit Lochkarten arbeitete.

Die Webstühle arbeiten noch, allerdings nur noch für den Museumsshop und den Verkauf an Liebhaber.

Schlicht, aber besonders: Ein aus allem mögliches Kram zusammengelötetes Spinnrad, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg für den heimischen Bedarf gefertigt wurde.

Die Wechselausstellung beschäftigt sich mit textilen Themen in Kunst- und Volksmärchen.

Visuelle Umsetzung von Märcheninhalten, die mit Fasern und Faserverarbeitung zu tun haben.

Die Sieben Schwäne

Im Museum standen übrigens zwei Louet-S10-Räder mit Einfachtritt, an denen Besucher sich selbst am Spinnen versuchen konnten. Ich drangsalierte Mutter Jinx an eines der räder (sie wollte nicht), und nach 30 Sekunden erhob sie sich wieder (für sie fühlte es sich vermutlich wie 30 Minuten an) und verkündete, dass es ihr überhaupt keinen Spaß macht. Aber ich schwöre, sie hat einen zusammenhängenden Faden gesponnen (Marke Schwangerer Regenwurm, aber immerhin).

Und dann wurde es noch sehr lustig: Eine Spinngruppe, bestehend aus drei Damen, war anwesend und führte das Spinnen am Rad und an der Handspindel vor. Wir ließen uns in einiger Entfernung nieder, um ein wenig zu stricken (ich hatte nichts zum Spinnen dabei). Wir wurden eingeladen, uns zu der Gruppe zu setzen und unterhielten uns über Spinnräder, Marken, Modelle, über Spinnliteratur, übers Stricken und über Schafrassen und strickten natürlich auch. Es war ein sehr entspannter und anregender Tag.

Das Museum hat übrigens auch einen kleinen Shop, dessen Sortiment sich um das Schaf und Wolle dreht. Neben Webereien aus dem Museum gibt es dort u. a. folgendes:

Natürlich den Katalog für die Wechselausstellung …

Lustige Stofftaschen (Nieder mit dem Plastiktütenwahnsinn!!!)

Vom Förderverein herausgegebene Schriften zum Thema Textil …

… und Schafsmilchseife.

Es ist ein kleines, aber feines Museum, das mehr Aufmerksamkeit verdient, als es erhält.

Vor Monaten bereits hatte ich zugesagt, mit Margarete Dolff zusammenarbeiten, die für das LWL-Textilmuseum Bocholt an einer Ausstellung mit dem Titel Verstrickungen mitwirkte und mich um Unterstützung bat.

Da ich über Museumserfahrung verfüge, war ich begeistert, auf diesem Gebiet mal wieder tätig zu werden, und ich sagte zu. Erzählt habe ich jedoch erst mal nix, denn das ist oft ja etwas schwierig mit einigen Teilen der hiesigen Strickszene. Es ist auch nur eine ganz kleine Ausstellung, da nur sehr wenig Platz zur Verfügung steht  in diesem wunderbaren Museum, das ein echtes Juwel für jeden ist, der sich für Textiles und seine Entstehungsgeschichte mitsamt der dazugehörigen Arbeiterkultur interessiert. Also, Zähne halten, damit nichts durchsickert (ich sage nur “Radiobeitrag”) und Diskretion wahren bis zur Eröffnung.

Das Museum selbst ist eine alte Weberei, die zu einem Ensemble erweitert wurde, das Einblick in Technik und Lebenswelt der Arbeiter vermittelt. So wurden die Bestände ergänzt und historische Arbeiterhäuser zum Teil auf das Gelände verpflanzt. Die Weberei ist heute wieder tätig; nicht im großen Stil, sondern für Demonstrationszwecke und für den Museumsshop; gewebt wird mit Garnspenden der Textilindustrie, und die Produkte sind wirklich sehenswert und sehr praktisch und alltagstauglich (also nicht die üblichen Staubfänger, mit denen man nichts anzufangen weiß, wenn man wieder zu Hause ist).

Aber zurück zur Ausstellung; mein eigener Beitrag ist eher bescheiden; ich habe zwei Texte verfasst (über Elizabeth Zimmermann und ihren intellektuellen Ansatz und über Fischerpullover), einige Exponate beigesteuert und den Eröffnungsvortrag gehalten (Thema: Das strickende Universum – Einblicke in eine Parallelwelt).

Zunächst gibt es einen kurzen Einblick in das Stricken im Deutschland der Nachkriegszeit. Es ist überhaupt nicht einfach, hierfür Exponate aufzutreiben. Textiles hält sich ja generell schlecht, und bei der zunehmenden Wegwerfmentalität der letzten Jahrzehnte ist vieles, was im 20. Jahrhundert entstand, entsorgt worden, als es dem Geschmack nicht mehr entsprach oder beschädigt war. Gar nicht aufzutreiben waren Dinge, die in der Nachkriegszeit aus der Not heraus entstanden sind, also Socken aus Zuckersäcken und ähnlich hautfreundlichem Material, denn die flogen in ganz hohem Bogen als erste, sobald Kleidung wieder käuflich zu erwerben war.

Ausgestellt sind z. B. ein echtes Familienstück; eine sehr geliebte, handgestrickte Taufdecke, typische Kinderkleidung der frühen Fünfziger im Trachtenstil (vermutlich das passende Outfit zur Heimatfilmwelle), dann – sehr interessant – die an einem Handstrickapparat hergestellten Proben nebst dem Abschlusswerk der Strickerin – alles in verblüffender Feinheit, wie man es von heutigen an der Strickmaschine hergestellten Dingen überhaupt nicht kennt und schließlich eine Reverenz an die letzte große Strickwelle der Achtziger, als alles kastig, klobig, übergroß und sehr bunt war.

Der Höhepunkt dieses Ausstellungsabschnitts ist allerdings dieser Strickmantel aus den Siebzigern in typischer Hippie-Flower-Power-Optik – gestrickt aus reinem Acrylgarn und somit völlig unbelastet von jeglichem ökologischen Bewusstsein. Es ist ein faszinierendes Teil, das heute kaum jemand wagen würde zu tragen (außerhalb der Karnevalsaison) und das haptisch auch eher unangenehm ist.

Die Stricktradition der arbeitenden Bevölkerung wird anhand der berühmten Fischerpullover dargestellt – praktische, alltagstaugliche und hoch strapazierfähige Teile, die identitätsstiftend wirkten und in einer feineren Variante auch zu Sonn-, Fest- und Feiertagen getragen wurden.

Nicht fehlen darf natürlich auch der Deutschen liebstes Projekt: die Socke. Die hier gezeigten Exponate sind technisch und ästhetisch ausgefeilt und bis ins Detail durchdacht – Socken auf höchstem Niveau eben. Alle Designs stammen von MAZ.

Das zeitgenössische Strickdesign, u. a. Ravelrys populäre Projekte, haben eine eigene Vitrine, die gleichzeitig die heutige Liebe zum gestrickten Accessoire thematisiert. Man sieht Designs von Stephen West, Kieran Foley (einem der Meister des Lace), von Shibui und von Maz (der faszinierende Zebra-Schal rechts, den ich unbedingt auch stricken muss).

Ein weiterer moderner Trend ist das Stricken von Dingen, die man eigentlich nicht braucht, die nicht zum Bekleiden, zur Abrundung des Outfits oder als Tischdecke bzw. Gardine für das eigene Heim gedacht sind: gestrickte Pilze und Pflaumen von capstatt – braucht man nicht, sehen aber bezaubernd und witzig aus (und erwiesen sich leider als unfotografierbar, aber es gibt ja die Website).

Ebenfalls eine Nische nimmt das Stricken von Kleidern für alte Miniaturpuppen ein; sie werden aus Nähgarn oder feinstem Baumwoll-Häkelgarn mit langen Stecknadeln gestrickt – eine unendlich feine und diffizile Arbeit, die große Akribie und Sorgfalt verlangt.

Das Herzstück der kleinen Ausstellung ist die sogenannte Hall of Fame. Hier werden einige richtungsweisende Designer mit Arbeiten und der entsprechenden Literatur präsentiert, die die zeitgenössische Strickkultur nachhaltig beeinflussten und wichtige Trends begründeten oder perfektionierten.

Links: Barbara Walker. Sie verfolgt einen feministischen Ansatz und veröffentlichte einige Musterbücher, die bis heute kopiert werden und trotzdem unerreicht blieben. Außerdem – und das ist hier dargestellt – veröffentlichte sie ein Rezept, um Oberteile vom Halsausschnitt beginnend in einem Stück zu stricken.

Rechts: Alice Starmore. Die schottische Designerin interpretiert Aran- , Fair-Isle- und Strukturmusterstrickerei auf individuelle Weise und schuf viele berühmte Designs.

Elizabeth Zimmermann: Die Ingenieurin des Strickens befreite eine riesige und ewig dankbare Strickgemeinde vom lästigen Zusammennähen und von der sklavischen Befolgung von Anleitungen. Ihre “Rezepte” bestechen durch hervorragende Passform, universelle Anwendbarkeit, der Freiheit bei der Material- und Musterwahl und ihren logischen und glasklaren Aufbau.

Vorne, rechts: Kaffe Fassett. Der Meister der Farben und Muster brachte einen malerischen Aspekt in die Farbstrickerei. Seine Muster sind auf unterschiedlichste Weise und in verschiedenen Techniken umsetzbar.

Hinten, links: Cat Bordhi. Ihre verspielte Umsetzung mathematischer Grundlagen begeistert nicht nur Stricker, sondern auch Naturwissenschaftler und Programmierer.

Abgerundet wird die Ausstellung durch Hörbeispiele, Mitmachsektionen, einer Diashow zum Thema Yarn Bombing und einem originalen Garnschrank, der von der Firma Zitron mit unterschiedlichen Handstrickgarnen bestückt wurde.

Mag die Ausstellung noch so klein sein, war es für mich doch überwältigend, dass einige meiner Gestricke tatsächlich in einem Museum ausgestellt werden, als Beispiele für die Umsetzung der Entwürfe moderner Designer. So richtig begriffen habe ich das erst am Samstag, als ich die Gelegenheit hatte, die Ausstellung vor der offiziellen Eröffnung zu sehen.

Der Sonntag schließlich war sehr lustig, denn da fand die Adventmatinee des Förderkreises statt. Der Raum war bis auf den letzten Platz besetzt, und irgendwie hatte ich im Vorfeld übersehen, dass da keine einfachen Museumsbesucher anwesend sind, sondern eben die Honoratioren Bocholts (ich war davon ausgegangen, dass es sich um eine einfache Ausstellungseröffnung handelt). Es muss schon arg gewesen sein, denn ich war in einem für mich typischen Outfit gekommen (schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt, schwarze Kapuzenjacke und Bikerboots), was sicherlich nicht ganz das war, was erwartet wurde, aber einen interessanten Kontrast zu Anzügen und eleganten Kostümen darstellte. Vorgestellt wurde ich auch noch als “politische Aktivistin”, was so nicht ganz vorgesehen aber sachlich nicht falsch war; aber da muss man eben durch. :D (Und ehrlich, hätte ich es gewusst, hätte ich auch nichts anderes angezogen)

Im Outlaw-Outfit hielt ich dann auch den Vortrag; 15 Minuten über die Vielfalt des heutigen Strickens vor einem kulturell interessierten, aber gänzlich strick-unaffinen Publikum (wie gut, dass es nicht mein erster Vortrag war und ich wusste, dass man die Leute nicht durch endloses Herunterleiern allzu technischer Details langweilen sollte). Ich hatte Glück, es ging gut; das Publikum fühlte sich unterhalten und sogar amüsiert, und ich habe viel positive Resonanz erfahren, interessanterweise auch und vor allem von den männlichen Zuhörern. Ich wurde gebeten, nach dem Mittagessen spontan einen zweiten Vortrag zu halten; auch das beruhte auf einem Missverständnis, denn ich hatte die DVD mit den Fotos meines Shetland- Urlaubs eingereicht, damit sie während der Ausstellung (also: irgendwann mal) in Endlos-Schleife gezeigt werden; das heißt, vorbereitet hatte ich das nicht und durcheinander waren die Bilder auch geraten, also ging es völlig konzeptfrei und ohne halbwegs sinnvolle Reihenfolge zur Sache (irgendwas ist ja immer), und auch das funktionierte (die ersten Mitreise-Interessenten meldeten sich unmittelbar danach).

Ein wenig bizarr war es insgesamt schon, was nicht an den Leuten und auch nicht an mir lag, sondern eher an unserem Zusammentreffen bei dieser Gelegenheit, aber es war auf eine gute Art bizarr, da sehr anregend und horizonterweiternd. Ich begegnete sehr aufgeschlossenen und freundlichen Menschen, mit denen ich interessante Gespräche führte und die vielleicht ganz froh waren, dass eine solche Veranstaltung auch mal für die eine oder andere Überraschung gut sein kann.

Es war eine tolle Erfahrung für mich; ich bin dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte, meinen Beitrag für diese Ausstellung und die Matinee zu leisten und vor allem die herzliche Gastfreundschaft im Hause Dolff genießen zu dürfen.

Als ich Mutter Jinx von der Matinee erzählte, meinte sie: “Du solltest vielleicht über die Anschaffung eines offiziellen Outfits nachdenken”.

Das IST mein offizielles Outfit, Mami.

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