March 1, 2010 - ט"ו אדר תש"ע

Gestern habe ich meine Kompensation für den handgestrickten Fanschal erhalten, den ich für Frau Jekylla angefertigt habe: eine Karte für das Spiel St. Pauli gegen Bielefeld. Mutter Jinx schärfte mir ein, unbedingt Fotos zu machen, und ich leistete dieser Anweisung Folge. Beschränkt habe ich mich allerdings auf das „Drumherum“, nicht auf actiongeladene Sportfotos, für die mir die Ausrüstung und auch die Erfahrung fehlt. Abgesehen davon: das mit dem „actiongeladen“ war bei diesem Spiel so eine Sache, aber dazu später mehr.
Es war nicht mein erstes Fußballspiel in einem Stadion, aber das erste, das ich im Stadion am Millerntor sah. Nun geht niemand ins Stadion, um „nur“ das Spiel zu sehen, denn das kann man auch zu Hause, im Warmen, im Sitzen und mit einer Wiederholung spannender oder strittiger Szenen. Im Stadion sind auch andere Dinge wichtig, und das ist vor allem das gemeinschaftliche Erleben mit netten Leuten und die Stimmung.

Die Haupttribüne: auf dem Transparent steht “Seit 1990 erstklassig – Kein Fußball den Faschisten”
Meine früheren Bundesligaerlebnisse waren gerade in dieser Hinsicht eher unangenehm, in Frankfurt saß man mit Leuten auf der Tribüne, mit denen man normalerweise nicht mal tot über dem Zaun hängen möchte, und oft habe ich wegen rassistischer Gesänge oder auf den Rasen geworfene Bananen das Stadion vorzeitig verlassen und draußen auf meine Begleitung gewartet.
Auf St. Pauli ist so etwas natürlich ganz undenkbar, der Verein betreibt seit 20 Jahren auch offiziell eine strikt antirassistische, anti-ausländerfeindliche und überhaupt Anti-Menschenverachtungspolitik (als erster Bundesliga-Verein überhaupt), und Gefahr droht in diesem Stadion nur, wenn Hansa Rostock mit seinen auf unangenehme Weise erlebnisorientierten Fanszu Gast ist.
Anders ist auch die Auslastung des Stadions. Normalerweise würde man eine Zweitligapartie gegen Arminia Bielefeld nicht unbedingt als Zuschauermagnet bezeichnen, aber natürlich war das Stadion ausverkauft, und auf den Stehplätzen stand man kuschlig eng beieinander. Frühzeitiges Erscheinen ist ratsam, wenn man bequem stehen will.

In der Südkurve – ich brauchte Stunden, um die Papierschnipsel loszuwerden.

Die Arminia-Fans. Fast könnte man meinen, es wäre der HSV (von den Farben her)
Unsere Plätze waren auf der Südtribüne, neben dem Block der Ultras, wo es noch ein wenig lauter ist als anderswo im Stadion (das war zumindest mein Eindruck). Lange vor dem Anpfiff, man fror noch nicht, wärmte das Bier, und die Schwaden, die über Teile der Tribüne waberten, genügten, um sich stoned zu fühlen.

Kennengelernt habe ich diverse Fangesänge, z. B. „St. Pauli – Schalalala“, oder „magischer St. Pauli, siege für uns“, aber auch „Ihr seid ‘ne Schauspielertruppe“ (zur Melodie von Guantanamera), wenn bei der gegnerischen Mannschaft ein Spieler nach dem Prinzip „halb zog es ihn, halb sank er hin“ zu Boden fiel. Gesungen wird eigentlich zu vielen Gelegenheiten, z. B.
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wenn St. Pauli im Ballbesitz ist
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wenn die gegnerische Mannschaft im Ballbesitz ist
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der Ball irgendwo anders ist
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St. Pauli eine Torchance hat
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die gegnerische Mannschaft eine Torchance hat
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eine Mannschaft ein Tor macht (egal welche)
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eigentlich gar nichts passiert

Vor dem Anpfiff
Aber nun zum Spiel: Das ist ja so eine Sache, gerade mit St. Pauli. Die Fans gingen durch ein ganz langes, ganz tiefes Tal mit ihrer Mannschaft, und inzwischen ist man froh, in der zweiten Liga ziemlich weit oben in der Tabelle gelandet zu sein. Aber das bedeutet nicht, dass die Leidenszeit zuende ist – Als St.-Pauli-Fan muss man wohl eine gewisse Leidensbereitschaft mitbringen.
Natürlich steht man nicht nur mit tausenden von Fans im Stadion, sondern auch mit tausenden von Trainern, Sportreportern oder Kritkern. Ich durfte feststellen, dass es durchaus erlaubt ist, auf die eigene Mannschaft zu schimpfen, wenn die Leistung hinter den Erwartungen zurückbleibt, aber Pfiffe wie in anderen Stadien gab es nicht – weder für die eigene Mannschaft noch für den Gegner. Schmähgesänge für Arminia? Fehlanzeige. Das macht die Atmosphäre sehr angenehm und entspannt, was sich in einer großen Zahl von weiblichen Besuchern, teilweise nebst Kindern, niederschlägt. Jedenfalls hörte man durchaus Kritik wie „Das ist ja Kreisklasse“ oder „gut, dass ich keine Dauerkarte für die nächste Saison bekommen habe“, aber an der Hingabe ändert es nichts – oder nur wenig.

Die Herren auf dem Zaun sind zuständig für die Choreographie der Ultras.
Ach ja, das Spiel. Das hätte in der ersten Halbzeit durchaus ein wenig dynamischer sein dürfen. Das Zuspiel bei St. Pauli wirkte teilweise doch verbesserungswürdig, und man hatte – da man in der ersten Hälfte hinter dem Tor der Heimmannschaft stand, schon ein bisschen Angst, wenn Arminia eine Torchance herausspielte. Irgendwann stand es dann auch 0:1 für den Gegner. Man ging also recht unzufrieden in die Pause, und in der zweiten Halbzeit war das heimische Tor weit weg, und man konnte das Elend nicht so genau sehen (dafür aber das vor dem gegnerischen Tor sehr genau …).

Nach der Halbzeit: Die Spieler kehren auf den Platz zurück
Die zweite Halbzeit war temporeicher, auch spielte St. Pauli diverse Chancen heraus und war oft im Ballbesitz, aber bei einer fatalen Mischung aus ungenügendem Zuspiel, Pech und eigenartigen Schiedsrichterentscheidungen (die prompt mit Rufen wie „Schieber“ oder „Hoyzer“ quittiert wurden) gelang der Ausgleich leider nicht, und das Spiel endete mit dem Halbzeitstand (wenigstens kassierte St. Pauli nicht noch ein Tor).

Die Arminen lassen sich von ihren mitgereisten Fans feiern, während die Mannschaft von St. Pauli eher eine Art meditativen Abendkreis bildet.

Trotz der Niederlage wird die Mannschaft gefeiert. Es sind eben irgendwie Helden, unsere Weltpokalsiegerbesieger, ob sie gewinnen oder verlieren.

Der Halbzeitstand, der auch der Endstand war
Nicht genug loben kann man die friedliche Atmosphäre im Stadion – keine bengalischen Feuer, keine Randale, ein Bierbecherwurf gegen die Schiedsrichter wurde von den Fans sehr scharf kritisiert, Arminia- und Pauli-Fans verließen das Stadion gemeinsam und – es gab keine sichtbare Polizeipräsenz. Ich hätte nur gerne gesehen, wie St. Pauli gewinnt oder wenigstens ein Tor schießt, also muss ich wohl wieder hin.

Ein schöner Nachmittag mit schöner Atmosphäre und sehr netten Leuten!




















































