Faces of Hamburg


Dies war das Beet am 30. April, also unmittelbar vor den jährlichen Krawallen in der Hamburger Schanze. Ich hatte wirklich Angst um mein Beet, aber die war unbegründet: Unmittelbar davor waren mehrere Polizeitransporter geparkt, es dürfte sich also um das sicherste Beet Hamburgs gehandelt haben. Ich überlege, ob ich da nächstes Jahr anrufe, dass die noch mehr so grüne Autos schicken sollen. ;)

This was the bed on April 30, just before the annual riots in the Schanze/Hamburg. I really was afraid this place would be destroyed, but nothing happened: In front of the bed of flowers there were parked several large police cars, and this means this very well might have been the safest bed of flowers in Hamburg. I’m thinking of calling next year and asking to send more of these large green cars … ;)

Und so sieht es heute aus: Es gibt zwei Neuzugänge, beides Spenden von Gartenfreundinnen. :D

And this is what it looks now: There are two new sorts, both donated by gardening friends. :D

Diese in allen orange Schattierungen blühenden Sumsatiae Kumquat brachte Mutter Jinx mit.

These Sumsatiae Kumquat are blooming in all shades of orange, Mother Jinx gave them to me as a present.

Und dieser Buchsbaum wurde durch eine Spende eines weiblichen Piraten finanziert. Sie möchte nicht explizit genannt werden, was ich auch nicht tue, aber die Kugel heißt jetzt Swanhild-Baum.

And this box tree was purchased with the donation of a female pirate. She doesn’t want to be named, and I won’t do this, but this shrub is called the Swanhild box tree.

Eigentlich wollte ich warten, bis die Aussaaten auf meiner Fensterbank so weit sind, dass ich sie auspflanzen kann, aber Mutter Jinx schenkte mir einige Pflanzen für das Beet: fünf Tagetes und drei Frauenmantel-Stauden. Also bin ich heute wieder zum Beet gefahren (immer noch ohne MGGTU – grrr), um zu gießen und die neuen Pflanzen der edlen Spenderin einzusetzen.

Actually I wanted to wait with more horticulturing and planting until the seeds are grown enough to set them out, but Mother Jinx gave me some plants for my guerilla bed: five marigolds and three Lady’s mantles. So I came back today (I’m still without MGGTU – argh) and watering and planting the newbies.

Den Pflanzen geht es gut – die Susannen haben sich prächtig eingelebt und fangen schon an zu blühen.

The plants are well – the black-eyed Susannahs settled in phantastically and start blooming already now.

So langsam nimmt die Sache Gestalt an, aber das Beet ist noch lange nicht fertig. Es bleiben immer mehr Leute stehen und sprechen mich darauf an, und die Reaktionen sind durchweg sehr positiv. Auch dem Rottweiler-Besitzer gefällt es, und es ist auch genug Platz für Beet und Rottweiler.

Slowly the flower bed gets the shape I have in mind, but there is still much to do. More and more people stop by and tell me how much they like it. I even saw the friendly Rottweiler again, and her owner was very pleased, too – there will be enough space for the Rottweiler and the bed of flowers.

Sieht doch schon besser aus.

It already looks better there, doesn’t it?

Heute, beim Einkaufen auf dem Markt, konnte ich einfach nicht widerstehen: Es gab wunderbare Blumen in Orange. Vier “Schwarzäugige Susannen” und sechs Mohnpflanzen waren mein. Da die MGGTU noch bis nächste Woche zur Inspektion ist (die blöden Feiertage …) habe ich alles zu meinem Beet geschleppt, um sie gleich einzupflanzen.

Today I went shopping to the market, and I simply couldn’t resist: There were wonderful flowers in orange. Four black-eyed Susan vines were mine as well as six poppy plants. Because the MGGTU will not be repaired before next week (these stupid holidays …) I carried everything to my guerilla bed for immediate planting.

Die Susannen habe ich an eine sehr hässliche Backsteinwand gepflanzt, und ich hoffe, sie beginnen instinktiv, diese zu überwuchern.

I placed he Susan vines close to a very ugly brick wall, hoping they will start to climb up instinctively.

Den Mohn habe ich als lose Gruppe eingepflanzt, er soll das Beet nach oben links hin begrenzen (wenn es mal fertig ist …)

I planted the poppy quite loosely, it’ll make a kind of border (when the flower bed will be done finally …)

Piratenmohn

Pirate poppy

Und so sieht das Ganze jetzt aus. Es ist natürlich noch nicht fertig (nur falls sich jemand wundert) … der Nachschub wartet schon auf der Fensterbank und muss noch ein wenig wachsen. Dann werden auch die Lücken gefüllt.

And this is what it looks now. Of course I’m not done with it yet (just if somebody asks) … the fresh supply is already waiting on my windowsill and still has to grow a bit. Then the gaps will be closed.

Nachtrag: Es gab während des Pflanzens auch positive Reaktionen: Eine Frau fand das einfach schön, und es kam ein freundlicher, neugieriger Rottweiler vorbei.

Addendum: There were two positive reactions when I worked there. A lady told me she liked the flowers, and a friendly, curious rottweiler came along and stopped by.

Ich gehe ja immer mit etwas angezogener Handbremse zu meinem Guerilla-Beet, da es in einer schwierigen Gegend liegt. Aber nicht nur, dass alles noch blüht und gedeiht, es hat auch jemand eine Umrandung aus Steinen gesetzt, um die Pflanzung zu schützen. Also, ich war das nicht. Ein echtes Erfolgserlebnis.

I’m always a bit anxious visiting my first guerilla bed, because the neighbourhood is a bit tough. When I came along this evening, it was not only everything in place, growing and blooming, but someone made a border of stone around the bed for protection. And this was definately not me. This is a real success.

Zwei Tage nach dem Pflanzen stehen die Blumen immer noch (ich war zum Gießen da und natürlich zum Nachsehen, ob dort noch etwas lebt). Und siehe da: nix verwüstet, abgepflückt oder verdreckt, stattdessen entwickeln sich die Kleinen ganz prächtig. Kritisch wird der erste Mai; die Nacht der Straßenkämpfe und brennenden Barrikaden.

Hinter dem Beet die MGGTU (Mobile Guerilla Gardening Transport Unit).

Dies ist die brandneue Geschäftsstelle der Hamburger Piratenpartei, frisch angemietet, aber noch nicht bezogen. Ja, ich weiß, von außen sieht es ein wenig trashig aus, aber innen sind die Räume sehr schön und auch in gutem Zustand. Für die Stahljalousie sind wir dankbar, denn das Büro liegt im Schanzenviertel, direkt hinter der berüchtigten Roten Flora.

Der Erdfleck rechts erschien mir ideal, um ein bisschen zu pflanzen, und so schritt ich heute zur Tat. Natürlich in Orange.

Nachdem ich den Platz entmüllt hatte, pflanzte ich Ranunkeln und Lewisien (Porzellanblume, keine Ahnung, was das ist, aber  sie hat ledrige Blätter, und diese Pflanzen sind meist recht zäh). Es mag phantasievollere Anpflanzungen geben, aber wenn das Gartencenter des Viertels nur acht orange Blumen hat, muss man eben mit dem arbeiten, was man bekommt.

Nach dem Graben, Lüften, Erdauffüllen und Setzen: Es muss noch zusammenwachsen.

Ranunkel

Das Nachher-Bild.

In dem Buch Guerilla Gardening wird mehrfach nachdrücklich empfohlen, spätabends tätig zu werden, wenn auf der Straße nichts mehr los ist. Das mag in Hamburg für Blankenese oder die Außenalster gelten, aber in der Schanze ist es wirklich völlig wurscht. Da ruft niemand die Polizei, weil da jemand Blumen pflanzt, und wenn doch, dann kommen die deswegen nicht, da es in der Gegend ganz andere Probleme gibt. Auch die Passanten lassen einen in Ruhe, denn in diesem Viertel passieren so bizarre Sachen auf der Straße, dass das Pflanzen von Blumen da überhaupt nicht ins Gewicht fällt.

Als ich gerade fertig war, kam der Hausmeister, um zu sehen, was ich da tue, und es entstand ein sehr freundliches Gespräch. Er bewunderte die Blumen und sprach die Befürchtung aus, dass die Pracht in diesem Viertel nicht von Dauer sein würde. Das fürchte ich zwar auch, aber wir werden sehen. Jedenfalls fiel meine Premierenpflanzung sehr entspannt aus.

Dies ist ein typischer Grünstreifen in einem gutbürgerlich, altlinks-alternativ angehauchten Viertel. Es ist gar nicht so schlecht, denn es ist noch Gras da.

This is a typical bit of green in a rather normal Hamburg neighbourhood (mostly liberal, left-wing people live here). It’s not too bad, there is still some grass growing.

Aus der Nähe liegt einiger Müll dort, nichts Großes, eher Kaffeebecher, Papiere und Kippen. Obwohl man ihn nur auf den zweiten Blick sieht, war es doch eine halbe mittelgroße Tüte voll.

Coming closer, you can see it’s a bit of garbage there, no big deal, it’s more like coffee mugs, some paper, and lots of butts. It filled a half of a middle-size plastic bag.

Das Grün, das so eine Art Rasen sein soll, ist ungepflegt und spärlich. Es wird vom Gartenamt einmal im Jahr gemäht, und es ist so langweilig wie fast alles, was das Gartenamt so produziert. Aber was soll man von einer Behörde erwarten, die Bäume “raumübergreifendes Großgrün” nennt?

The green is meant to be some sort of lawn, but it’s untended and scarce. Hamburg’s city gardeners do some lawn mowing once a year, and that’s it. And it’s as boring as almost everything this service does. But what can be expected from a civil service that calls trees “space-overlapping large green”? (Yeah, this is Germany!)


Zu reinen Versuchszwecken habe ich versucht, Samenbomben herzustellen. Es ist ganz einfach, und wer für fertige Geld ausgibt, ist verrückt. Sie bestehen aus vier Teilen Tonerde, einem Teil Blumenerde, einem Teil Samen und Wasser. Sie trocknen innerhalb von zwei Tagen. Ich habe eine Wildblumenwiesenmischung verwendet.

For mere testing purposes I tried to produce some seed bombs. It’s really simple, and the ones who pay for ready mades are somewhat mental. They’re made of four parts of aluminium oxide, one part of potting soil, one part of seeds, and water. They dry within two days, and I took a blend of wildflower seeds.

Um ehrlich zu sein, sehen sie aus, wie die Kugeln, die Mistkäfer aus ihrer Kacke produzieren, aber ich denke, sie würden funktionieren, wenn man es versuchen würde.

To be honest, they look a bit like the pellets dung beetles produce from their shit, but I’m sure they would work if one tried it.


Heute waren wir in dieser Gegend unterwegs, und Kenner werden wissen, wo das ist: Nämlich am Fischmarkt in Altona. Dort befindet sich das Stilwerk.

Das Stilwerk befindet sich in einem alten Speicherhaus, das ehemals als Mälzerei diente. Heute ist es eine Art Einkaufszentrum für Gegenstände der sehr gehobenen Art, vor allem wird hier Wohnkultur vermittelt und auch verkauft -auf sechs Stockwerken. Im siebten gibt es Raum für wechselnde Ausstellungen.

Die Architektur in dieser Gegend ist eine Symbiose aus Alt und Neu; historischer Baubestand (Speicherhäuser) wurden durch moderne Elemente ergänzt.

Der ursprüngliche Charakter der Bauten ist noch erkennbar.

Die Flutbrücke verbindet die am Wasser gelegenen Gebäude mit dem dahinter befindlichen Stilwerk (da schwappt es nicht ganz so schnell hinein), und da im Fall einer Überflutung er unteren Stockwerke ein paar Milliönchen an Waren dahin- oder besser hinfortschwämmen, wurde der Bau mit flutsicheren Toren ausgerüstet.

Der Eingang.

… und das modern-funktional und sehr geschmackvoll gestaltete Innere.

Das Stilwerk beherbergt zwei gastronomische Betriebe: ein Restaurant und eine Bar-Café-Bistro-Mischung, und letzteres war unser diesmaliger Ort der Tat.

Zunächst gab es Tee bzw. Milchkaffee und Kuchen.

Dann kamen wir zur Sache:

Die Nomadenweste in ihrer ziemlich vollendeten Pracht, und (leider sehr am Rand) eine Weste aus Shetlandwolle in Aranstärke.

Das Café im Stilwerk ist unter der Woche angenehm leer (am Wochenende sieht es anders aus), und man strickt bei einer schönen Helligkeit und chilliger Musik.

Blick von oben auf das Bistro-Café/die Bar.

Touris – vor allem aus der Provinz oder aus dem Süden der Republik und wenn es sich um Männer handelt – drängen ja zur Reeperbahn, als würde am nächsten Tag die Welt untergehen, was Hamburgern nicht immer ganz schlüssig ist, denn das Ding ist ziemlich trashig. Hier gibt es Stundenhotels, Gastronomie, Musicals (die manche von uns für eine Art Armaggedon der Kulturszene halten), Spielhallen, Billigdruckbetankungsanstalten, Puffs, Huren, Table-Dance-Bars, Sexshops Erotikshows (naja, wenn man den Begriff  “Erotik” ganz weit unten ansiedelt, die umsatzstärkste Tankstelle Deutschlands und vieles mehr. Für Hamburger sind vor allem einige Shows, Bars und Musikclubs interessant. Die meisten Besucher – vor allem Touristen – sehen die Reeperbahn nur abends, wenn der Amüsierbetrieb auf Hochtouren läuft. Tagsüber ist hier jedoch alles anders.

Auch die berühmteste Polizeiwache des Landes befindet sich hier – die Davidswache.

Der ständige abendliche Testosteronüberschuss hat einige unschöne Nebenwirkungen: Es läuft manchmal unrund hier. Dem versucht man, durch Kameraüberwachung (verfassungswidrig, aber die Dinger stehen immer noch), Glasflaschen- und anderen bizarren Verbote zu begegnen. In diesem Zusammenhang finde ich den durchgestrichenen Revolver besonders lustig – als wäre so etwas an anderer Stelle erlaubt. Das Messerverbot macht mich übrigens regelmäßig zur Gesetzesbrecherin, weil ich meist schlicht vergesse, mein Taschenmesser zu Hause zu lassen.

Wie auch immer -wegen des mäßigen Wetters strickten wir letzten Donnerstag hier: in der Bar des Schmidts. Hinter der modernen Fassade verbirgt sich ein Eldorado für Fünfziger-Jahre-Fans.

Die Bar ist gemütlich, der Service ist freundlich und die Cocktails sind gut gemixt. Tagsüber ist hier alles anders, die Atmosphäre ist familiär, Väter essen mit ihren kleinen Kindern Kuchen, Geschäftsleute treffen sich, Familien machen hier Station (Hamburger halten die Reeperbahn nicht für einen Stein des Anstoßes und glauben auch nicht, dass ihre Kinder auf ewig der Verderbnis anheimfallen, wenn sie einen Sexshop oder eine Prostituierte sehen). In St. Pauli gibt es so viel Schräges, dass zwei Strickerinnen da überhaupt nicht auffallen.

Stricken und sich gepflegt einen löten – im Schmidts kein Problem.

Dies war heute unser Ort der Wahl, das Museumsschiff Rickmer Rickmers im Hamburger Hafen (für die, die es interessiert: Informationen zu dem Schiff gibt es hier).

Der imposante Stahlsegler wurde aufwändig restauriert.

Er glänzt mit einer außergewöhnlichen Galionsfigur: Der kleine Junge im Matrosenanzug (na, eigentlich ist es nur eine Matrosenmütze, die zu einer Art Nachthemd getragen wird) stellt den Sohn des Reeders dar, der das Schiff erbauen ließ.

Im Hintergrund: eine der nordischen Seemannskirchen, dies ist die schwedische, die zugleich die älteste ist.

Das Schiff beherbergt übrigens eine durchaus empfehlenswerte Gastronomie. Im Hintergrund die Elbphilharmonie, deren Bekachelung immer noch aussieht wie die eines Schwimmbads aus den Sechzigern. Und sie ist natürlich auch immer noch viel zu teuer.

Dies ist übrigens auch so eine Art Stadtbus: Die Fähren verbinden das nördliche Ufer der Elbe mit am südlichen gelegenen Stadtteilen. Sie sind mit regulären HVV-Tickets zu nutzen und stellen somit eine günstige Alternative zu den teureren Hafenrundfahrten da (wenn man einfach nur über die Elbe schippern will).

Thinking of Fukushima. Graffito an einer Hafenmauer

Nachdem wir das Boot betreten hatten, kehrten wir zunächst im Restaurant ein, um uns zu stärken. Dort strickten wir ein wenig unter ständig leicht schwankenden Lampen (immerhin ist es ein Schiff), aber vor allem stärkten wir uns.

Besichtigen kann man natürlich auch. Dies ist die ehemalige Offiziersmesse …

… mit einer kleinen Küche …

… und der Kajüte des Ersten Offiziers. Gar nicht so ungemütlich, ein Spinnrad und etwas Stash könnte man mühelos unterbringen.

Hier schlägt mein Herz immer höher: Der Maschinenraum. Außerdem gibt es noch eine Ausstellung über die Geschichte des Schiffes.

Dann zog es uns jedoch auf das obere Deck, um das zu tun, was wir an solchen Orten sehr gern tun: stricken!

Und diesmal hatten wir ein besonders schönes Plätzchen. Links, die beiden Schatten, sind Mutter Jinx und ich. Ich fotografiere, während Mutter Jinx visionär übers Wasser schaut (oder so).

Die Taue inspirierten uns so sehr, dass wir zum Abschluss unser Strickzeug drapieren mussten.

Eine Art Kurzzeit-Yarnbombing halt. ;)

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