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Distelfliege ist in ihrem Blogpost Gender matters und das Craftblogging der spannenden Frage nachgegangen, ob unsere traditionelleren und eher weiblich konnotierten Hobbys uns gleichzeitig in den häuslichen Bereich zurücktreiben, den wir nach jahrzehntelangem, zähen Ringen endlich unwidersprochen verlassen konnten, und damit – unausgesprochen – in die Trutschigkeit stoßen (Distel würde das nie so ausdrücken, das ist meine interpretierende Zusammenfassung).

Die Antwort auf diese Frage kann nur eine höchst individuelle sein, sie hängt von unseren Biographien, unserer Lebenswirklichkeit und unserem persönlichen Umfeld ab. Daher nehme ich nicht für mich in Anspruch, eine universelle Interpretation abzuliefern (viel zu anstrengend und langwierig), sondern beschränke mich auf meine eigene Sicht der Dinge.

Welche Hobbys überhaupt?

Zunächst geht es um Textiles, also Spinnen, Stricken, Weben, Färben, Häkeln, aber auch Nähen und Quilten. Also all das, was unsere Ur- und Großmütter begeistert von sich warfen, um endlich einen Job im Büro oder in der Fabrik annehmen zu können, in der Stadt und weitab vom bäuerlich-ländlichen Millieu. Die meisten von uns haben genau dies, ebenso wie unsere Mütter und teilweise auch Großmütter. Und was machen wir? S. o.

Allerdings darf man eines nicht verkennen: Wir leben in teilweise in unsere eigenen Welt, was das Handarbeiten angeht. Wir lesen Faserblogs, weil es uns interessiert, wir sind Mitglieder in entsprechenden Communities, wir stricken hordenweise in der Öffentlichkeit. Wenn wir jedoch allein unterwegs sind, sind wir meist die einzigen, die in der Bahn stricken (oder in der Kneipe, im Kino, bei Vorträgen, in der Kirche, wo auch immer). Mit unseren Hobbys belegen wir eine Nische, aber wir sind nicht der Mainstream. Da könnten die aktuellen Publikationen für das weibliche Publikum durchaus einen anderen Eindruck erwecken, aber die meisten Leserinnen nehmen den neuen Stricktrend nur zur Kenntnis, und von denen, die es mal ausprobieren, bleibt längst nicht jede dabei.

Männer?

Doch, es gibt strickende Männer, die gab es schon immer: als gewerbliches Stricken Männersache war, aber auch danach lebten immer Männer in traditionellen Gemeinschaften, die ihre Pullover selbst strickten (Fischer z. B.). Schäfer stricken oft auch, und es gibt namhafte männliche Stricker. Was denen jedoch heute abhandengekommen ist, ist die Selbstverständlichkeit. Die Gesellschaft findet strickende Männer schwul, was ich nicht nachvollziehen kann, denn die meisten homosexuellen Männer, die ich kenne, kämen nicht im Traum darauf, zu stricken, und außerdem will sich mir der Zusammenhang zwischen Sex und Handarbeiten  hartnäckig nicht erschließen (es sei denn, man berücksichtigt den Fetischbereich, aber das führt hier wahrscheinlich zu weit). Das Ergebnis besteht fast immer aus unfreiwillig komischen Gesprächssituationen mit männlichen Strickern, wenn man denn mal einem begegnet, bei denen im zweiten Satz erwähnt wird, dass seine Freundin ja auch strickt/nicht strickt/stricken toll/doof findet/zu Hause sitzt und sonstwas tut oder was auch immer. Unverkrampft geht anders, und das ist nicht die Schuld der männlichen Stricker, sondern die der Gesamtsituation.

Die Bedeutung der familiären Situation

Auch die würde ich nicht überbewerten. Als ich das Gymnasium nach dem Abitur verließ, konnte ich kaum stricken und häkeln, kaum nähen, an spinnen habe ich nie gedacht, und auch die anderen Handarbeitstechniken beherrschte ich nicht. Ich konnte übrigens auch nicht kochen oder Schreibmaschine schreiben. Das hing damit zusammen, dass meine Familie mich nicht allzusehr mit weiblichem Kram belasten wollte, an dem ich überhaupt kein Interesse gezeigt hatte. Vermeidung von Rollenklischees und so. Inzwischen kann ich sowohl stricken, spinnen und häkeln, und außerdem kochen und Schreibmaschine schreiben. Ich habe Kochen gelernt, weil der Fertigfraß auf lange Sicht unerträglich ist. Inzwischen ist es ein echtes Hobby, ich liebe es, Gerichte zu entwickeln oder anspruchsvolle nachzukochen. Ich schätze Kochen als kreativen Ausdruck sowie als Instrument innerer Körperpflege. Schreibmaschine  schreiben lernte ich, da ich gern und viel schreibe und so meine Gedanken nicht so unendlich viel schneller sind als meine Fähigkeit, sie zu Papier zu bringen. Es ist für mich kein Selbstzweck, ich tippe nicht mal besonders gut, und Schreibmaschinenschnellschreibwettbewerbe finde ich eher albern.

Bleibt meine Leidenschaft für wollverarbeitende Hobbys. Keine Ahnung, wo das herkommt. Ich mag Wolle, es ist ein faszinierendes Material für mich. Außerdem ist es mir wichtig, etwas mit den Händen zu erschaffen. Es ist ein Ausgleich zu meinen sonstigen, eher geistig-intellektuellen Tätigkeiten. Dass mir das aus der Familie nie jemand beigebracht hat, war nicht schlimm, ich habe es aus Büchern oder diversen Videos im Internet gelernt.

Und die Trutschigkeit?

Der Frage, ob Stricken spießig ist, bin ich hier schon nachgegangen. Die Kurzfassung ist: Ja, es ist spießig, wenn man spießige Dinge produziert. Was spießig ist, liegt sowieso im Auge des Bestrachters. Ich empfinde weite Teile der Handarbeitsszene durchaus als spießig, so what? Es ist denen egal, wie ich sie finde, und das völlig zu recht. Es gibt hingegen auch viele, die ich gar nicht spießig finde. Und man selbst findet sich ohnehin nie spießig, egal, was der Rest denkt.

Zurück ins Haus?

Die Gesamtfragestellung impliziert, dass das etwas Negatives ist, und diese Assoziation kommt zweifellos aus der Zeit, als in Deutschland der in gesellschaftlicher Hinsicht natürliche Lebensraum der Frau die eigene Wohnung war – egal, wie es dort zuging und ob der Aufenthalt dort als unerstrebenswert bis unzumutbar einzustufen war. Heute haben die meisten von uns einen Schulabschlluss und eine Ausbildung, viele haben Arbeit und verbringen einen großen Teil des Tages außer Haus (das Problem der Arbeitslosigkeit lasse ich hier mal beiseite). Dass wir überhaupt in Betracht ziehen, mehr als nötig zu Hause zu machen, ist soziologisch gesehen durchaus positiv, denn es bedeutet, dass unsere häusliche Situation zumindest erträglich ist, denn sonst würden wir es vermeiden, mehr Zeit als nötig dort zu verbringen, und das Glück hat längst nicht jeder. Natürlich könnte ich, anstatt zu Hause zu stricken, auch hinausgehen und etwas anderes tun, aber warum sollte ich, wenn ich doch in dem Moment lieber stricken möchte? Wäre es nicht dumm, hinauszugehen und mir und der Welt zu beweisen, dass ich es kann und darf, selbst wenn ich gar keine Lust habe? Die Welt interessiert es sowieso nicht, denn die geht völlig zutreffend davon aus, dass ich ausgehen kann, wenn ich das möchte. Schließlich verbrennt man heute auch keine BHs mehr, obwohl das durchaus mal wieder angezeigt wäre, wenn ich mir die aktuellen Dessousagebote so ansehe.

Es ist bei mir auch eine Frage des Alters: mit Mitte 40 habe ich nicht mehr den Drang, die Nacht zum Tag zu machen, zumindest nicht aushäusig. Mein Leben ist recht anstrengend, und da muss ich mich nicht mehr anstrengen lassen als das ohnehin der Fall ist. Auch möchte ich, solange ich Hobbys nachgehe, die andere nicht in ihrer Freiheit einschränken oder illegal sind, das möglichst ideologiefrei tun. Die Freiheit zu erwerben, alles zu tun, was man möchte, also konkret: sein berufliches oder persönliches Heil in Tätigkeiten außerhalb der eigenen vier Wände zu finden, bedeutet nicht, die Freiheit aufzugeben, was zu Hause zu machen, und das auch oft und regelmäßig, wenn man denn möchte. Auf die Freiwilligkeit kommt es an. In einer traditionell geprägten Gesellschaft würde ich die Frage vermutlich anders beantworten. Aber für mich gilt: Ja, ich verbringe durch meine Hobbys mehr Zeit zu Hause, aber das ist mir egal.

Also, das ist so abgefahren, dass es nichts für schwache Nerven ist (keine Tierquälerei).

Well, this is so weird, and it’s nothing for the faint-hearted (no cruelty to animals).

Vielleicht wäre dieses hier das richtige? Auch ein gutes Geschenk für forensische Anthropologen …

Maybe this would be the right one? It makes a good present for a forensic anthropologist, b. t. w.

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Wenn man mit der Überzeugung konfrontiert wird, dass Stricken spießig ist, kann man die Gender- bzw. Geschlechterfrage beim Nachdenken, wie jemand zu dieser Auffassung kommt, nicht außer acht lassen, oder man ist auf diesem Auge blind.

Dass die häusliche Handarbeit nicht dieselbe Wertschätzung genießt wie das, was man landläufig mit Handwerk assoziiert, habe ich in Teil I meiner Meditation bereits ausgeführt. Es ist eines der heute noch sichtbaren Ergebnisse einer langen historischen Entwicklung, die bis in die frühesten Gesetzgebungen hinein nachweisbar ist. Ein prominentes Beispiel ist, dass man (und gemeint sind Männer) in der Antike darüber diskutierte, ob Frauen überhaupt eine Seele haben (die Mehrheit tendierte dazu, die Frage mit Nein zu beantworten), und selbst wenn Historiker eine Kultur dafür belobigen, dass die Frau eine hohe Stellung in der Gesellschaft innehatte, so heißt das meist nicht, dass sie die gleichen Rechte wie männliche Stammesangehörigen oder Landsleute hatte. Selbst wenn eine Kultur der Frau Rechte zubilligte, die ein Mann nicht hatte, so fehlten die Rechte meist an anderer Stelle, und oft genug kann man eine diesbezügliche Schieflage zuungunsten der Frau feststellen (weswegen ich es allgemein vermeide, frühere Kulturen in Frauenfragen zu belobigen). Die völlige Entrechtung der Frau kennen wir aus der klassischen Antike, aber auch aus dem Mittelalter, und auch im Zeitalter der Aufklärung meinten die meisten, die Menschenrechte einforderten, Männerrechte. In der Kunst verlief die Entwicklung parallel; während man Frauen zwar Akribie, die Fähigkeit zur sauberen Ausführung und endlose (oft erzwungene) Geduld nachsagte, sprach man ihnen die Befähigung zum großen geistigen Wurf, zur eigenständigen künsterischen Schöpfung meist ab. Die wenigen Frauen, die es schafften, sich im Kunstbetrieb vergangener Jahrhunderte zu etablieren, blieben die absolute Ausnahme. Selbst das Kunsthandwerk, also Metall- oder Holzverarbeitung, Glasherstellung etc. blieb ihnen verwehrt, da diese Sparten in Zünften oder zunftähnlichen Strukturen organisiert waren, zu denen Frauen nur in Ausnahmefällen Zutritt hatten.

Dass die weibliche Handarbeit sich kontinuierlich und weitgehend unter Ausschluss einer breiteren Öffentlichkeit zu einem hohen Niveau entwickeln konnte, hat praktische Gründe: In einer Zeit, in der jeder Faden, den man brauchte, gesponnen und jedes Stück Stoff gewebt werden musste, fiel diese Produktion für den familiären Eigenbedarf in die Verantwortlichkeit der Frau. Dasselbe galt lange für die Herstellung von Kleidung mittels Stricken; Männer benötigten sozusagen Funktionskleidung (Fischerpullover etc.), deren Erwerb bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und teilweise darüber hinaus einfach zu teuer war. Hinzu kommt, dass das Werkzeug, also Spindeln, Spinnräder, Webstühle, Strick- und Häkelnadeln ohne großen technischen und finanziellen Aufwand im erweiterten Umfeld hergestellt und problemlos ihren Platz auch noch in der kleinsten Hütte fanden. Bei einem Schmelzofen o. ä. wäre das bedeutend schwieriger gewesen.

Die Diskriminierung im Bewusstsein setzte sich auch in der Kunst übrigens noch im 20. Jahrhundert fort, als man mit Aufkommen der abstrakten Kunst Frauen die Fähigkeit zur Abstraktion absprach – obwohl Künstlerinnen wie Sophie Täubner-Arp diese absurde These eindrucksvoll widerlegten und Frauen zu dieser Zeit in vielen Ländern Europas bereits das Wahlrecht hatten und Universitäten erfolgreich abschlossen.

Dass dieser Bullshit sich – wenn auch reduziert – fortsetzt, merkt man daran, dass mit Ausnahme von Leuten, die geistig eher in der Bronzezeit angesiedelt sind, niemand mehr einer Frau die Fähigkeit zum künstlerischen Ausdruck absprechen will, nur weil sie eben eine Frau ist. Doch Handarbeiten werden immer noch eher in handwerklich-technischer als in künstlerischer Hinsicht geschätzt werden. Das wird den meisten Handarbeiten sicherlich zu; z. B. bei einer einfachen gestrickten Socke oder einem Pullover nach Anleitung oder nach Schema F (und das sind vom Tragekomfort her oft die besten…). Dies ist m. E. nicht diskriminierend, da auch nicht jedes gemalte Bild unbedingt Kunst ist (auch Malen und Zeichnen hat mehr mit Handwerk zu tun, als man so denkt).  Aber es trifft eben auch die DesignerInnen oder KünstlerInnen, die neue Wege gehen, Techniken neu anwenden, mischen und interpretieren, kühne Kreationen schaffen, die gewiss nicht dafür gedacht sind, beim Einkauf im Supermarkt getragen zu werden. Den meisten, die über das Stricken sprechen, sind solche Dingen nicht mal bekannt; sie sind somit der Betrachtung entzogen, werden nicht berücksichtigt und damit unsichtbar.

Das ist in Zeiten des Internets nicht viel anders; zwar gibt es dort die Möglichkeit des Austauschs weltweit, wovon StrickerInnen gewaltig profitieren können, da sich ihnen nun Dinge erschließen, die ihren Großmüttern ihr Leben lang nicht begegneten, aber dennoch ist es eine Welt für sich, die von Nicht-Strickern maximal in der Hinsicht wahrgenommen wird, dass es sie überhaupt gibt (Das gilt natürlich auch für alle anderen Bereiche; so weiß ich von der Welt der Aquaristik und unzähligen anderen auch nur, dass sie existiert).  Doch während Tarantelhalter, Aquaristen, Modellbauer etc. in ihren virtuellen Parallelgesellschaften ihrem Hobby weitgehend ohne Wertung von außen nachgehen, ist das bei den Strickern anders. So benutzten sogenannte A-List-Blogger den Begriff “Strick- und Katzenblog” in abwertender Weise, da dort ja nur ein paar nicht ausgelastete Dämchen ihre putzeligen Hobbies austauschen, ohne Inhalte von gesellschaftlicher oder sonstiger Relevanz zu produzieren. Natürlich ist ein Blog nur so gut wie der Inhalt, der dort aufbereitet wird, aber dies gilt mit Verlaub für jede Art von Blog, und dass es auch strickende und bloggende Männer gibt, ist im Bewusstsein der meisten noch überhaupt nicht aufgetaucht.

Überhaupt haben strickende Männer auch einiges Ungemach auszuhalten: Sie sehen sich nämlich nicht nur dem Vorwurf ausgesetzt, einer spießigen Tätigkeit nachzugehen, sondern auch meist noch der Unterstellung, schwul zu sein. Nun ist die Frage der sexuellen Orientierung in jedem Bereich außer dem sexuellen wirklich ganz und gar belanglos und nur bei konkreten Paarungsabsichten zu berücksichtigen; aber dennoch hält sich das offen diskriminierende Vorurteil hartnäckig, was manche Männer zu der etwas abstrus wirkenden Rechtfertigung “ich stricke/häkele/sticke, aber ich bin nicht schwul” treibt. Wie lächerlich eine Gesellschaft, die einem Mann dieses Geständnis abverlangt, ist, merkt man, wenn man stricken/häkeln/sticken durch Auto fahren, ins Fitnessstudio gehen, lesen, wandern oder ähnliches ersetzt. Von der Problematik, dass ein homosexueller Mann in jeder  Hinsicht genauso Mann ist wie ein heterosexueller mal ganz abgesehen. Auch der strickende oder einer ähnlichen Tätigkeit nachgehende Mann sitzt also in der Genderfalle. Und die wird ihm auch von Frauen gestellt.

Ich finde es toll, dass man immer wieder liest oder hört, dass Frauen sich nicht benachteiligt fühlen, es freut mich persönlich, dies zu hören, aber ich kann diesen Frauen wirklich nur empfehlen, mal auf die Zwischentöne zu hören oder einfach auf einer Party ihre Stricksachen zu präsentieren.

Glücklicherweise hat sich da schon einiges geändert; jüngere Männer, die oft ihre Mütter als eigenständige, oft arbeitende Wesen mit eigener Meinung und finanzieller Ausstattung kennengelernt haben, sind geistig wesentlich flexibler als die, die in traditioneller denkender und handelnder Umgebung aufwuchsen. Sie stehen auch einer der Handarbeit zuzuordnenden Tätigkeit meist offener gegenüber.

Zu diesem Post hat mich die liebe Distel inspiriert, der ich dafür ganz herzlich danken möchte.

Man lernt nie aus, und eine Diskussion bei Ravelry hat mir durch die Eigenwilligkeit und die Argumentation neue Horizonte eröffnet, da manche der angeführten Argumente mir bei Diskussionen zu einem kulturhistorischen Thema völlig unbekannt waren und ich da auch niemals selbst darauf gekommen wäre. Jedenfalls hat mich diese sehr lehrreiche Diskussion dazu angeregt, wieso Stricken als spießig gilt und warum, und was spießig eigentlich bedeutet.

Spießig?

Über den Begriff “spießig” dürfte ungefähr dieselbe Einigkeit herrschen wie darüber, was schön, hübsch, niedlich, lecker, häßlich oder kitschig ist. Der Begriff “spießig” ist vielleicht noch mehr als der Schönheitsbegriff einem zeitlichen und gesellschaftlichen Wandel unterworfen. So dürfte heute unter Menschen unter fünfzig eine weitgehende Einigkeit darüber herrschen, dass der in Öl geronnene röhrende Hirsch aus dem Kaufhaus nun eindeutig spießig ist, auch auf die Schrankwand in Gelsenkirchener Barock  mit gelben Butzenscheiben (sorry an alle Gelsenkirchener an dieser Stelle, ich habe den Begriff nicht erfunden …) wird man sich größtenteils noch verständigen können, aber da hört es dann auch schon auf – und bei Menschen über 70 dürfte die Akzeptanz derartiger Produkte deutlich höher ausfallen.  Spießig bedeutet immer auch provinizell, rückständig, altmodisch und unbedarft, es impliziert den fehlenden Mut zu geistiger Weite, erweiterten Horizonten und eigenständiger gedanklicher Leistung. Somit ist klar: Spießig sind immer die anderen. Spießigkeit ist mehr als ein ästhetischer Begriff, es drückt immer auch eine Lebenseinstellung aus, und zwar eine von Leuten, denen man nach Möglichkeit aus dem Wege geht.

Spießigkeit hat jedoch auch eine visuelle Komponente, und zwar, wenn man Gegenstände durch ihre äußere Erscheinung einer spießigen Lebenseinstellung zuordnen kann – oder, genauer: einer Lebenseinstellung, die man selbst für spießig hält. Wobei man diese Gegenstände durchaus differenziert betrachten kann, dann wird man den Gegenstand quasi zerlegen in die ästhetische und die handwerkliche Komponente. So ist man auch durchaus imstande, die handwerkliche Perfektion eines gruseligen Pullovers in dem Stil zu würdigen, der hierzulande als “norwegisch” bezeichnet wird, auch wenn man persönlich mit diesem Teil nicht mal in der tiefsten Provinz tot über dem Zaun hängen möchte. Kurz gesagt: Viele von uns haben erkannt, dass nicht alles, was gestrickt wird, schön, zeitgemäß und tragbar ist, auch wenn es handwerklich perfekt ist. Eine Sonderrolle nehmen hier die Handarbeiten ein, die einen hohen ästhetischen Wert haben, aber von ihrer äußeren Erscheinung nicht mehr recht zu modernen Einrichtungen oder zum modernen Leben passen. Die wird man vielleicht nicht als spießig bezeichnen, aber man legt das Deckchen doch nur aus, wenn Tante Gertrud zu Besuch kommt, da es zur Einrichtung im funktionalen Stil doch nicht so ganz passend wirkt.

Das gilt auch für das weite Feld des Kitsches: Der kommt durchaus zu Ehren, als reizvoller Kontrast in einer fremdartigen Umwelt, wo er die perfekte Harmonie aus Farbe, Form und Funktion auf nicht minder perfekte Weise stört, sodass das Ergebnis den Touch der Unvollkommenheit aufweist, die das Vollkommene erst erträglich machen. Oft hört man “Ich hab’s auf dem Flohmarkt gekauft, es ist natürlich total kitschig, aber ich musste es einfach haben. Auf dem Regal im Wohnzimmer wird es perfekt sein”, und dann nickt man verständnisvoll und denkt versonnen an den eigenen, liebgewordenen Kitsch in der eigenen Wohnung. Tauscht man das Wort “kitschig” durch “spießig”, wird einem das nicht passieren (die, die das Wort ironisch-spielerisch verwenden, lasse ich mal außen vor). Kitsch hat seine Liebhaber, Spießigkeit nicht, und die, die das mögen, was andere als spießig empfinden, werden sich und diese Dinge kaum als spießig sehen (gern gebraucht wird hier das Wort “normal”, auch wenn eine gewisse Deckung mit dem Begriff “spießig” zwar vorhanden sein kann, aber in sehr unterschiedlichem Maße). Kitsch kann durchaus eine gewisse gesellschaftliche Anerkennung genießen, was Spießigkeit nicht tut – oder nur im Kreise anderer Spießer.

Die Außen- und die Innenwirkung

Viele von uns, die stricken oder andere Handarbeiten ausführen, lesen oder hören, dass diese erbaulichen Tätigkeiten, die wir gerne tun (denn sonst würden wir sie nicht tun), landläufig als “spießig” bezeichnet werden, logischerweise von Menschen, die nicht handarbeiten. Manche ärgert das, sodass umfangreiche Rechtfertigungen ins Feld geführt werden gegen die Ignoranten oder gar “Aufklärungsarbeit” gefordert wird. Die Ursache für diese Bewertung traditioneller Handarbeiten hat m. E. eine ästhetische Komponente und eine soziologisch-kulturhistorische, und die ästhetische erschließt sich vermutlich leichter.

Wer das Stricken oder andere Handarbeiten als spießig bezeichnet, wird meist auf seine eigenen Erfahrungen zurückgreifen, also das bewerten, was er gesehen hat (oder er tutet einfach nach, was andere mal gesagt haben, aber das ist nun wirklich völlig belanglos und kann getrost vernachlässigt werden). In dem Chor der Handarbeitsabwerter finden sich die, die durch Strickwaren aus der heimischen Produktion nachhaltig geschädigt wurden (oft liegt deren Jugend in den siebziger oder achtziger Jahren). Solche Strickwaren wurden oft von älteren Familienmitgliedern hergestellt, deren Geschmack einfach ein anderer ist als der nachfolgender Generationen und ohne Mitspracherecht bei Modell-, Muster- und Farbwahl. Diese Antwort erhält man oft bei Nachfragen, warum der Betreffende Handarbeiten denn spießig findet: Unfehlbar kommt die Sprache auf Mutter, Oma oder Tanten, die Dinge herstellten, die der Heranwachsende als hässlich und unzeitgemäß empfand – und zwar in einem Maße, dass die handwerkliche Meisterschaft völlig in den Hintergrund trat.

Oder es sind die, die mal eine beliebige Publikation zum Thema Handarbeiten in die Finger bekamen und das Gezeigte grauenhaft fanden, dass die das Heft oder Buch in die Ecke warfen, um sich mit dem Thema nie wieder zu beschäftigen. Viele Leute, die z. B. Gestricktes als spießig abtun, sind erstaunt, wenn man ihnen Gestricktes zeigt, dass nicht der erlernten Norm entspricht und oft überhaupt nicht als selbstgestrickt identifiziert wird – sondern als gekauft, was für hingebungsvolle Stricker ein eher zweifelhaftes Kompliment ist, so nett es auch gemeint sein dürfte. In beiden Fällen wird als spießig bezeichnet, was man als ästhetisch den eigenen Ansprüchen nicht genügend ablehnt, ohne dass man damit notwenigerweise den Lebensstil des Schenkenden in Frage stellt.

Zugleich spielt hier die Abwertung eine Rolle, die Handarbeiten allgemein seit etwa dem 18. Jahrhundert erfuhren. Als diese Handarbeiten überwiegend in zunftähnlichen Strukturen organisiert waren und – auf kommerzieller Ebene – von Männern ausgeführt wurden, waren sie natürlich nicht spießig, sondern kunstvoll und dem Handwerk zugerechnet. Durch die fortschreitende Industrialisierung, die ihren Anfang bereits im 18. Jahrhundert nahm, wurde die Herstellung von Textilien mit der Hand zunehmend in den häuslichen Bereich verdrängt, und es war natürlich auch kein Handwerk mehr, sondern Handarbeit. Das gilt sowohl für die Herstellung von Strick-, Häkel-, Näh-, Stick- und sonstigen Waren zum Zweck des Broterwerbs als auch für die Beschäftigung vornehmer Damen, die zwar weitgehend nutzlos war (da man den Kram auch kaufen konnte), aber wenigstens dazu diente, dass besagte Damen nicht aus dem Ruder liefen, sondern etwas zu tun hatten.

Handwerk = Handarbeit?

Beide Begriffe haben gemeinsam, dass sie etwas bezeichnen, was man mit der Hand hat; doch der Unterschied ist klein, fein und perfide, sodass er bis heute nachwirkt. Wir verstehen ihn heute eher intuitiv als intellektuell. Wenn man von “Handwerk” spricht, wird man kernige Zimmerleute vor dem inneren Auge haben, Schreiner, aber auch Klempner, Fliesenleger und Maler (nicht Kunst, die anderen). Das trifft den ursprünglichen Sinn nur zum Teil, denn das althochdeutsche werc hat eine schöpferische Komponente, die nachvollziehbar ist, wenn man an frühere Epochen von der Antike bis zur Neuzeit denkt, aber nicht so sehr, wenn man sich den Typen in Erinnerung ruft, der das Klo richtet (auch wenn diese Berufe durchaus eine schöpferische Komponente haben, wenn man auf einen kreativen Handwerker trifft und es bezahlen kann).

Der Begriff “Arbeit” ist schwammiger, auch wenn er eine schöpferische Komponente enthalten kann. Er ist vor allem allgemeiner und bezeichnet auch die allerstupideste Tätigkeit, die man kaum mit “Werk” bezeichnen würde. Und da kommen wir der Sache schon näher. Handarbeiten werden mit Geduld, Fleiß, Exaktheit, Mühe und enormen Zeitaufwand assoziiert, aber weniger mit Kreativität, Schöpfung und Eigenständigkeit. Wer sich in den Handarbeitsszenen umtut, wird feststellen, dass es dort alle Aspekte der “Arbeit” gibt: Leute, die einfache Dinge herstellen, damit sie sich entspannen können und keinen besonderen Anspruch an die eigenen Produkte haben, solche, die sich in technischer Hinsicht vervollkommnen wollen, die die einen historischen Ansatz verfolgen, bis hin zu denen, die eigene Kreationen entwerfen und Muster, Techniken und Materialien auf revolutionäre Weise mischen. Das alles läuft dann unter dem Begriff “Handarbeit”.

Es gibt keinen Grund, Handarbeitstechniken nicht als Handwerk zu betrachten. Beide haben einen praktischen Aspekt (im Gegensatz zur Kunst, die nur dazu da ist, um Kunst zu sein). Es ist egal, ob ich aus einem Holzklotz oder einem Wollknäul etwas mache, und nicht alles, was heute unter “Handwerk” zusammengefasst ist, hat auch einen schöpferischen Aspekt. Es wäre bizarr, ein Handwerk wie das Schreinern als spießig bezeichnen, nur weil irgendwann der Gelsenkirchener Barock in einer ganz, ganz dunklen Epoche das Licht der Welt erblickte, und ich warte immer noch auf den Moment, in dem ich einem Schreiner zu seinen wirklich sehr hübschen Handarbeiten gratulieren kann.

Betrachtet man die Geschichte der Handarbeit von der hochangesehenen Tätigkeit bis hin zur netten, völlig unintellektuellen Freizeitbeschäftigung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mit dem absolut widerstehlichen “Hat-sich-aber-richtig-Mühe-gegeben-Touch”, erscheint es nachvollziehbar, dass KünsterInnen, die sich den klassichen Handarbeitstechniken verschrieben haben, um daraus Kunst zu erschaffen, nach einem neuen Begriff suchen, der ihre Tätigkeit umschreiben möge und keine Assoziation mit gehäkelten Deckchen, gruseligen Hirschpullovern oder sonstigen heimischen Produkten hervorruft, die von vielen als spießig bezeichnet und damit pauschal abgelehnt werden. Dass es nachvollziehbar ist, heißt jedoch nicht, dass es auch unproblematisch wäre, doch dazu an anderer Stelle mehr.

Daher ist das Stricken, Häkeln, Sticken … nicht spießig, denn es ist ein Handwerk, das sich per se solchen Kategorisierungen entzieht. Es ist das Produkt, das vom Betrachter bewertet und in eine Kategorie sortiert wird, die dann im ungünstigen Fall auf die gesamte Technik und ihre Verwandten zurückfällt. Stricken kann also gar nicht spießig sein, aber viele Strickstücke sind es dem allgemeinen Geschmack nach schon. Eine Technik ist jedoch immer das, was man daraus macht. In Japan weiß man das, wo die Technik selbst weniger beurteilt wird, sondern vor allem der Grad an Perfektion, den das Produkt erreicht – wobei Perfektion dort nicht rein handwerklich gemeint ist, sondern ebenso ästhetisch.

Wer also das Stricken oder Häkeln von dem Image der Spießigkeit befreien will, sollte weniger sabbeln und mehr machen – und zwar Dinge, die eben nicht spießig sind. Das ist insofern schwierig, wenn man nun ausgerechnet das schön findet, was von anderen als spießig abgelehnt werden. Das mag ein Dilemma sein, aber es ist nicht meines, sodass ich mich mit dieser Problemstellung nicht beschäftige.

Alles, was es gibt, gibt es auch gestrickt

Everything that exsists is available in a knitted version as well …

Wer kennt es nicht. Man ist in einem Forum, einer Comm oder einer Mailingliste, und es gibt tatsächlich Leute, die ständig Fragen stellen, zu denen man die Antworten via Internet leicht selbst finden kann, z. B.:

  • Wann starb Napoleon?
  • Welche Hotels gibt es in Kleinpopelshagen?
  • Was ist eine Kardiermaschine?
  • Ist Angora auch vom Schaf?
  • Was kosten Druckerpatronen für Fabrikat X?

Es hat sich jemand erbarmt und eine Website erstellt, die solche Menschen mit den Links versorgt, die sie verdient haben. Ihr findet sie hier.

Den Titel habe ich von Eva geklaut übernommen, sie hat die Formulierung in einem Kommentar verwendet, und ich finde sie genial. Aber wie auch immer, mein Wollmeise-Knopfloch-Moebius ist fertig. Gestrickt habe ich ihn aus Noro Cash Island, einer wunderbar weichen Kaschmir-Merino-Mischung, die ich so wunderbar und weich finde, dass ich über die 10% Nylon vornehm hinweggesehen habe. Die Anleitung gibt es kostenlos, und abgesehen von der Fummelei mit den Knopflöchern ist er wirklich schnell gestrickt. Den Anschlag habe ich allerdings nach Cat Bordhis System gemacht, da ich einen echten Moebius stricken wollte. Jedenfalls passt und fällt er sehr gut.

I took the title from Eva who wrote this in a comment, but however – The Wollmeise Buttonhole Moebius is done. The yarn I used is Noro Cash Island, a wonderful soft cashmere-merino blend which I think is so wonderful and soft that I decided to ignore the 10% of nylon in it completely. The instruction for this is available for free, and it’s really a fast knit, except the twiddeling with the buttonholes. For the cast-on I used the instruction given by Cat Bordhi because I wanted to knit a real moebius and not a fake one. It fits and drapes very well.

Technisches/Technical Details
Name: Noro Buttonhole Moebius
Muster / Pattern: Moebius-Wrap-Rezept / Wollmeise Buttonhole Moebius/ , Moebius following Cat Bordhi
Designer: Claudia Höll-Wellmann
Material: Noro Cash Island, Farben / colours: 12, 11, 8
Nadelstärke / Needles: 4,5
Gewicht / Weight: 200 g

Ohne ein gewisses Maß an Frickelei scheint es bei mir momentan nicht zu gehen. Nach dem Persian-Poppies-Cowl (herzlichen Dank für die vielen Kommentare! :D ) brauchte ich ein schnelles, überschaubares Nicht-Sockenprojekt und entschied mich für den Wollmeise-Knopfloch-Moebius. Ich hatte bereits einen Versuch gestartet, dem keine Zukunft beschieden war, da mir die Wolle zusammen mit diesem Projekt überhaupt nicht gefiel. Nun also ein neuer Anlauf mit anderem Garn, und das gefällt mir viel besser.

It seems that I’m just able to knit projects which call for a certain amount of bricolage. After finishing the Persian Poppies-cowl (thank you for all your nice comments, btw) I needed a quick, more straightforward project and decided to do the buttonhole-moebius by Wollmeise. I tried this before but put it aside forever because I didn’t like how the yarn looked with this project. This is the second attempt with different yarn, and I like it much better.

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