Public Knitting


Eigentlich ist es ja tunesisches Häkeln, aber da wollen wir mal nicht so sein: Zweitägiges Handarbeiten beim Bundesparteitag der Piratenpartei in Heidenheim an der Brenz (von Nordpiraten nur #dings an der #bums oder alternativ #bings genannt).

Gestern brachen wir zu einem Osterspaziergang der etwas anderen Art auf: Der Anti-Atom-Demo in Krümmel. Aufstehen war um 8.00 Uhr, was wir fluchend und widerstrebend taten (mitten in der Nacht …), aber als politischer Geschäftsführer eines Landesverbandes einer kleinen Partei muss man ja … immerhin ging es um die gute Sache.

Auf zum Atom: Der (wirklich sehr schöne) Weg nach Krümmel

Das AKW und das Volk: Bei der Kundgebung (zu der ich noch einiges zu sagen habe).

Immer mittendrin: die verdienten Trecker des Wendlandes

Abgeordneter Büker (Bezirksversammlung Hamburg Mitte) guckt visionär …

Abgeordneter Gerhold (Bezirksversammlung Hamburg Mitte, mit Fahne) grinst und Abgeordneter Penz (Bezirksversammlung Hamburg Bergedorf, ganz links) war natürlich auch dabei.

Wird sich nie durchsetzen: Atommüll

Ein bunter Haufen und auch ein Event für die ganze Familie: Die Demonstranten

Kreativer Protest

Das Krüm(m)elmonster

Diese beiden Herren bewiesen bei den Temperaturen Leidensfähigkeit

Installation

Eine Menge Protesthunde gab es auch.

Drei Piraten mit ‘nem Fahnenmast … zwei beschäftigen sich mit ihren Handys, einer verzweifelt an der Kundgebung …

Und, ach ja, die Kundgebung. Sie dauerte über zwei Stunden, die wir in der prallen Sonne ohne Schatten verbringen durften. Kurz gesagt: Sie war viel zu lang. Es wäre nicht so arg gewesen, wenn es nicht so viele Musikbeiträge gegeben hätte. Einige der Beiträge waren durchaus hörenswert, z. B. der des ehemaligen Umweltministers der DDR, der eines Liquidators, der im AKW Tschernobyl tätig war und der einer Japanerin, die in Lüneburg lebt und uns die Verhaltensweise ihrer Landsleute näherbrachte, andere eher … naja … nicht so. Und die Musik – stellenweise möchte ich einfach darüber schweigen, nur so viel: Protestlieder der ganz freudlosen Art haben sicherlich ihre Berechtigung unter … historischen Gesichtspunkten, aber eine zeitgenössische Protestkultur sieht für viele Menschen doch anders aus. Und irgendwann – ich glaube es war beim dritten Auftritt der Harfenistin -, da konnte ich einfach nicht mehr.Ich tat das, was ich tun musste. Wie gut, wenn man sich sinnvoll beschäftigen kann …

Empörungsbedarf und sinnvolle Beschäftigung bei einer teilweise sinnlosen Kundgebung: Stricken an ungewöhnlichen Orten.

Das Ende des Demonstrationszuges: Der Marktplatz “Einfach leben” in Geesthacht. Einfach leben? Ja, aber nicht ohne Auto?

Als die Kundgebung dann endlich ein Ende hatte, machten wir uns auf zum Protestmarsch am Elbufer entlang, nach Geesthacht.

Anders als bei gewöhnlichen Demonstrationen, die unter den Augen einer möglichst breiten Öffentlichkeit stattfindet, war dies anders, denn der idyllische Weg führte zwischen Wald und Elbufer entlang, ohne Zuschauer (ich konnte ein paar Häuser durch die Bäume erspähen), aber es ging ja diesmal nicht darum, zuschauende Massen zu begeistern, sondern um bundesweite Demos vor Atomkraftwerken.

Ja, es war anstrengend, aber es hat sich auch gelohnt.

Es wird wärmer und heller, und das bedeutet: Es ist wieder Zeit, auf Tour zu gehen. Unser Ziel war diesmal Neumünster, eine Stadt, die etwa eine Stunde entfernt von Hamburg entfernt liegt (mit dem Zug). Natürlich haben wir die Reisezeit mit ein paar entspannenden Reihen an aktuellen Projekten überbrückt.

In Hamburg weiß man recht wenig über Neumünster, aber Mutter Jinx wurde dort auf ein Museum bzw. eine Ausstellung aufmerksam, und so beschlossen wir, uns das Ganze mal aus der Nähe anzusehen: Das Textilmuseum Tuch und Technik. Es ist ein kleines Museum, das in der Stadthalle untergebracht ist, wo man übrigens sehr lecker essen kann (zubereitet mit frischen Zutaten – sehr empfehlenswert!). Auch die Stadt selbst ist sehr hübsch und wirkt lebendig.

Zu den vielen Dingen, die wir über Neumünster nicht wussten, ist, dass es sozusagen das “Manchester Schleswig-Holsteins” war, ein Zentrum der Textilherstellung mit mehreren Fabriken. Daher nimmt dieses Thema auch einen breiten Raum in der Dauereinstellung ein, die der Geschichte der Stadt gewidmet ist. Nach einer Präsentation archäologischer Funde geht es mit der heimischen Textilproduktion weiter – Spinnräder und Webstühle also. Man vergisst angesichts diverser Bekleidungsdiscounter und einem textilen Überangebot jeder Preisklasse leicht, dass in der vorindustriellen Zeit jeder Faden, den man benötigte, auch selbst in Hand- und Heimarbeit hergestellt werden musste.

Eine Kardiermaschine, die aus dem Vlies Vorgarn macht. Im Vordergrund, kaum im Bild, befindet sich eine Spinnmaschine.

Eine Vorrichtung zum Schären der Kette.

Mit dem Aufkommen der industriellen Textilherstellung eröffneten mehrere Fabriken in der Stadt, von denen nicht eine mehr existiert (die letzte Fabrik schloss 1992), auch das Ausbildungszentrum, dass in allen möglichen Berufen rund um die Textilherstellung schulte, gab diesen Bereich völlig auf. Im Museum sind jedoch noch einige historische Maschinen zu sehen, darunter einen frühen mechanischen Webstuhl, der mit Lochkarten arbeitete.

Die Webstühle arbeiten noch, allerdings nur noch für den Museumsshop und den Verkauf an Liebhaber.

Schlicht, aber besonders: Ein aus allem mögliches Kram zusammengelötetes Spinnrad, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg für den heimischen Bedarf gefertigt wurde.

Die Wechselausstellung beschäftigt sich mit textilen Themen in Kunst- und Volksmärchen.

Visuelle Umsetzung von Märcheninhalten, die mit Fasern und Faserverarbeitung zu tun haben.

Die Sieben Schwäne

Im Museum standen übrigens zwei Louet-S10-Räder mit Einfachtritt, an denen Besucher sich selbst am Spinnen versuchen konnten. Ich drangsalierte Mutter Jinx an eines der räder (sie wollte nicht), und nach 30 Sekunden erhob sie sich wieder (für sie fühlte es sich vermutlich wie 30 Minuten an) und verkündete, dass es ihr überhaupt keinen Spaß macht. Aber ich schwöre, sie hat einen zusammenhängenden Faden gesponnen (Marke Schwangerer Regenwurm, aber immerhin).

Und dann wurde es noch sehr lustig: Eine Spinngruppe, bestehend aus drei Damen, war anwesend und führte das Spinnen am Rad und an der Handspindel vor. Wir ließen uns in einiger Entfernung nieder, um ein wenig zu stricken (ich hatte nichts zum Spinnen dabei). Wir wurden eingeladen, uns zu der Gruppe zu setzen und unterhielten uns über Spinnräder, Marken, Modelle, über Spinnliteratur, übers Stricken und über Schafrassen und strickten natürlich auch. Es war ein sehr entspannter und anregender Tag.

Das Museum hat übrigens auch einen kleinen Shop, dessen Sortiment sich um das Schaf und Wolle dreht. Neben Webereien aus dem Museum gibt es dort u. a. folgendes:

Natürlich den Katalog für die Wechselausstellung …

Lustige Stofftaschen (Nieder mit dem Plastiktütenwahnsinn!!!)

Vom Förderverein herausgegebene Schriften zum Thema Textil …

… und Schafsmilchseife.

Es ist ein kleines, aber feines Museum, das mehr Aufmerksamkeit verdient, als es erhält.

Heute waren wir in dieser Gegend unterwegs, und Kenner werden wissen, wo das ist: Nämlich am Fischmarkt in Altona. Dort befindet sich das Stilwerk.

Das Stilwerk befindet sich in einem alten Speicherhaus, das ehemals als Mälzerei diente. Heute ist es eine Art Einkaufszentrum für Gegenstände der sehr gehobenen Art, vor allem wird hier Wohnkultur vermittelt und auch verkauft -auf sechs Stockwerken. Im siebten gibt es Raum für wechselnde Ausstellungen.

Die Architektur in dieser Gegend ist eine Symbiose aus Alt und Neu; historischer Baubestand (Speicherhäuser) wurden durch moderne Elemente ergänzt.

Der ursprüngliche Charakter der Bauten ist noch erkennbar.

Die Flutbrücke verbindet die am Wasser gelegenen Gebäude mit dem dahinter befindlichen Stilwerk (da schwappt es nicht ganz so schnell hinein), und da im Fall einer Überflutung er unteren Stockwerke ein paar Milliönchen an Waren dahin- oder besser hinfortschwämmen, wurde der Bau mit flutsicheren Toren ausgerüstet.

Der Eingang.

… und das modern-funktional und sehr geschmackvoll gestaltete Innere.

Das Stilwerk beherbergt zwei gastronomische Betriebe: ein Restaurant und eine Bar-Café-Bistro-Mischung, und letzteres war unser diesmaliger Ort der Tat.

Zunächst gab es Tee bzw. Milchkaffee und Kuchen.

Dann kamen wir zur Sache:

Die Nomadenweste in ihrer ziemlich vollendeten Pracht, und (leider sehr am Rand) eine Weste aus Shetlandwolle in Aranstärke.

Das Café im Stilwerk ist unter der Woche angenehm leer (am Wochenende sieht es anders aus), und man strickt bei einer schönen Helligkeit und chilliger Musik.

Blick von oben auf das Bistro-Café/die Bar.

Touris – vor allem aus der Provinz oder aus dem Süden der Republik und wenn es sich um Männer handelt – drängen ja zur Reeperbahn, als würde am nächsten Tag die Welt untergehen, was Hamburgern nicht immer ganz schlüssig ist, denn das Ding ist ziemlich trashig. Hier gibt es Stundenhotels, Gastronomie, Musicals (die manche von uns für eine Art Armaggedon der Kulturszene halten), Spielhallen, Billigdruckbetankungsanstalten, Puffs, Huren, Table-Dance-Bars, Sexshops Erotikshows (naja, wenn man den Begriff  “Erotik” ganz weit unten ansiedelt, die umsatzstärkste Tankstelle Deutschlands und vieles mehr. Für Hamburger sind vor allem einige Shows, Bars und Musikclubs interessant. Die meisten Besucher – vor allem Touristen – sehen die Reeperbahn nur abends, wenn der Amüsierbetrieb auf Hochtouren läuft. Tagsüber ist hier jedoch alles anders.

Auch die berühmteste Polizeiwache des Landes befindet sich hier – die Davidswache.

Der ständige abendliche Testosteronüberschuss hat einige unschöne Nebenwirkungen: Es läuft manchmal unrund hier. Dem versucht man, durch Kameraüberwachung (verfassungswidrig, aber die Dinger stehen immer noch), Glasflaschen- und anderen bizarren Verbote zu begegnen. In diesem Zusammenhang finde ich den durchgestrichenen Revolver besonders lustig – als wäre so etwas an anderer Stelle erlaubt. Das Messerverbot macht mich übrigens regelmäßig zur Gesetzesbrecherin, weil ich meist schlicht vergesse, mein Taschenmesser zu Hause zu lassen.

Wie auch immer -wegen des mäßigen Wetters strickten wir letzten Donnerstag hier: in der Bar des Schmidts. Hinter der modernen Fassade verbirgt sich ein Eldorado für Fünfziger-Jahre-Fans.

Die Bar ist gemütlich, der Service ist freundlich und die Cocktails sind gut gemixt. Tagsüber ist hier alles anders, die Atmosphäre ist familiär, Väter essen mit ihren kleinen Kindern Kuchen, Geschäftsleute treffen sich, Familien machen hier Station (Hamburger halten die Reeperbahn nicht für einen Stein des Anstoßes und glauben auch nicht, dass ihre Kinder auf ewig der Verderbnis anheimfallen, wenn sie einen Sexshop oder eine Prostituierte sehen). In St. Pauli gibt es so viel Schräges, dass zwei Strickerinnen da überhaupt nicht auffallen.

Stricken und sich gepflegt einen löten – im Schmidts kein Problem.

Dies war heute unser Ort der Wahl, das Museumsschiff Rickmer Rickmers im Hamburger Hafen (für die, die es interessiert: Informationen zu dem Schiff gibt es hier).

Der imposante Stahlsegler wurde aufwändig restauriert.

Er glänzt mit einer außergewöhnlichen Galionsfigur: Der kleine Junge im Matrosenanzug (na, eigentlich ist es nur eine Matrosenmütze, die zu einer Art Nachthemd getragen wird) stellt den Sohn des Reeders dar, der das Schiff erbauen ließ.

Im Hintergrund: eine der nordischen Seemannskirchen, dies ist die schwedische, die zugleich die älteste ist.

Das Schiff beherbergt übrigens eine durchaus empfehlenswerte Gastronomie. Im Hintergrund die Elbphilharmonie, deren Bekachelung immer noch aussieht wie die eines Schwimmbads aus den Sechzigern. Und sie ist natürlich auch immer noch viel zu teuer.

Dies ist übrigens auch so eine Art Stadtbus: Die Fähren verbinden das nördliche Ufer der Elbe mit am südlichen gelegenen Stadtteilen. Sie sind mit regulären HVV-Tickets zu nutzen und stellen somit eine günstige Alternative zu den teureren Hafenrundfahrten da (wenn man einfach nur über die Elbe schippern will).

Thinking of Fukushima. Graffito an einer Hafenmauer

Nachdem wir das Boot betreten hatten, kehrten wir zunächst im Restaurant ein, um uns zu stärken. Dort strickten wir ein wenig unter ständig leicht schwankenden Lampen (immerhin ist es ein Schiff), aber vor allem stärkten wir uns.

Besichtigen kann man natürlich auch. Dies ist die ehemalige Offiziersmesse …

… mit einer kleinen Küche …

… und der Kajüte des Ersten Offiziers. Gar nicht so ungemütlich, ein Spinnrad und etwas Stash könnte man mühelos unterbringen.

Hier schlägt mein Herz immer höher: Der Maschinenraum. Außerdem gibt es noch eine Ausstellung über die Geschichte des Schiffes.

Dann zog es uns jedoch auf das obere Deck, um das zu tun, was wir an solchen Orten sehr gern tun: stricken!

Und diesmal hatten wir ein besonders schönes Plätzchen. Links, die beiden Schatten, sind Mutter Jinx und ich. Ich fotografiere, während Mutter Jinx visionär übers Wasser schaut (oder so).

Die Taue inspirierten uns so sehr, dass wir zum Abschluss unser Strickzeug drapieren mussten.

Eine Art Kurzzeit-Yarnbombing halt. ;)

Gestern waren wir wieder unterwegs, aber bevor wir uns unserem Hobby ergaben, haben wir dies hier besichtigt:

Dieses knubbelige Gebäude (oder in Kunsthistorikersprech: Der gedrungene Kuppelbau) ist der Eingang zum alten Elbtunnel. Der neue ist ja eine Autobahn, dessen Kachelung an öffentliche sanitäre Anlagen aus den Sechzigern erinnert, doch der alte hat deutlich mehr Charme. Zunächst stammt er vom Anfang des 20. Jahrhhunderts und ist im Darmstädter Stil errichtet (dem funktionalen Bruder des Jugendstils, gern verwendet für Industrie- und sonstige Zweckbauten). Man fährt mit einem Aufzug hinunter; das Treppenhaus ist für Besucher gesperrt.

Auch schick: Der Eingang zu dem Personenaufzug.

Viel Kacheln, Bürgersteige und eine schmale Fahrbahn. Das Fehlen der Neonbeleuchtung, wie sie im neuen Elbtunnel installiert ist, reduziert das Toilettenfeeling ganz gewaltig.

Kachelreliefs aus einer Zeit, als man noch Wert auf Verzierungen legte (und diese noch bezahlbar waren): Maritime  Motive. Mir geht es da ein bisschen wie mit den barocken niederländischen Fressalien-Stillleben: Ich kriege bei der Betrachtung immer ein bisschen Hunger.

Na gut, bei dem nicht so. Dies fällt eher in die Kategorie “possierlich” (wie Professor Grzimek gesagt hätte).

Nach 426,5 Metern ist das Ende des Tunnels erreicht, und man fährt mit einem Aufzug nach oben. Hier ein Blick in das Treppenhaus.

Blick von Steinwerder aus über die Elbe, genauer gesagt, auf die Kehrwieder-Spitze der Speicherstadt. Die Baustelle ist unser ureigenes Stuttgart 21, die Elbphilharmonie, inklusive gigantischer Kostenexplosion. Im Modell sah das Ding übrigens ungleich attraktiver aus. Es wird u. a. ein Luxushotel beherbergen und soll internationales Publikum anziehen, also Klassikfans, die sich den Genuss erstklassiger Ensembles an fremden Orten eine schöne Stange Geld kosten lassen, also so wie in Sydney, Mailand oder New York. Problematisch nur, dass Hamburg so ein Orchester gar nicht hat. Daher wird wohl das Symphonieorchester des Norddeutschen Rundfunks dort spielen. Die Attraktivität eines solchen Angebots auf internationales, sehr verwöhntes Publikum mag getrost bezweifelt werden.

Blick auf die leider gerade in Restaurierung befindlichen Landungsbrücken und den Alten Elbtunnel.

Dann ging es zurück zum Nordufer der Elbe; natürlich um zu stricken, und zwar in diesem Hotel. Eigentlich wollten wir ja in die berühmte Tower Bar, aber die war – wie in der tiefsten Provinz – geschlossen, und daher mussten wir in die bräsig-altdeutsche Bierstube ausweichen. Anstelle uns mit Cocktails in stilvoller Atmosphäre gepflegt einen zu löten, musste es eben Cola-Rum sein.

Die Bar ist holzgetäfelt, schummrig und sehr dekoriert, und zwar mit allem möglichen Tand, der in den Tourifallen am Hafen als “maritime Dekorationselemente” bezeichnet wird. Wir saßen in der Nähe einer imitierten Galeonsfigur, die wohl eine Art Transvestit darstellte. Wer diese Lokalität aufsuchen möchte, sollte woanders essen, denn so richtig empfehlenswert waren die Würstchen nicht …

Aber das Stricken war natürlich trotzdem lustig, allein schon wegen der Blicke der Geschäftsleute und Touristen.

Heute waren wir zum Stricken im Maritimen Museum in der Speicherstadt/Hafencity. Wir haben ja beide eine Vorliebe für Schiffe und das Meer, und da lag die Wahl dieses Ortes nahe.

Das Museum selbst ist nicht unumstritten, und das aus mehreren Gründen. Es wurde für die Kleinigkeit von 30 Millionen Euros umgebaut, um einen Platz für die Sammlung Tamm zu schaffen. Nun hätte der Speicher ohnehin restauriert werden müssen und ist für ein Museum gut geeignet, aber das ist auch eines der geringeren Probleme. Angeblich soll das Museum keine weiteren Gelder aus der öffentlichen Hand erhalten; stattdessen gibt es eine Stiftung, die den Erhalt garantieren soll. Da die Stifter nicht eben bekannt sind für ihre Progressivität und das Museum eine Art erweiterter Privatsammlung zeigt, ist eine gewisse Einseitigkeit gegeben und auch für die Zukunft zu befürchten.

Diskutiert werden bis heute Art und Qualität der Darstellung gewisser Epochen, sodass ein Beraturngsgremium installiert wurde, der sich eben dieser Problematik annehmen soll. Aber dazu später mehr.

Unbestritten happig ist der Eintrittspreis: satte 12 Euronen für Vollzahler, 8,50 ermäßigt hauen rein, zu begleichen ist diese Summe im museumseigenen Shop. Die Sammlung selbst ist durchaus sehenswert, vor allem für Menschen mit einer Vorliebe fürs Maritime. Man findet Exponate und Informationen zur Geschichte der Seefahrt, zu Entdeckern, nautischen Gerätschaften, Schiffsmodelle, Motoren, Konstruktionspläne und vieles mehr. Das ist auch alles sehr schön und interessant. Ich persönlich würde mir mehr zu Entdeckern, Forschern und Fischern wünschen (ja, Fischer gehören m. E. auch dazu), und letztere fehlen praktisch völlig. Dafür nehmen die großen Seefahrernationen einen recht breiten Raum ein, auch mit ihren kriegerischen Auseinandersetzungen.

Da das Museum sehr groß ist, ließen Mutter Jinx und ich uns kurzzeitig nieder, um ein paar entspannende Reihen zu stricken, was die Besucher, darunter viele ältere Herren, befremdlich fanden. Aber wir fanden da auch manches befremdlich, und so gleicht es sich wieder aus. ;)

Hauptsache Meer, auch wenn es nur gemalt ist: Mutter Jinx auf der Suche nach besserem Licht beim Stricken, über ihr ein imposantes Schiffsmodell.

Dann wurde es unerfreulich, denn dann kamen die Militaria, um nicht zu sagen: ganz viel Militaria. Es ist mir durchaus bewusst, dass die Geschichte der Seefahrt auch eine Geschichte der (See-)Kriegsführung ist, aber die Epoche von Kaiserzeit bis Bundeswehr erhält doch recht viel Raum. Es gibt Waffen, mehr Waffen, noch mehr Waffen (bis hin zum Ehrendolch), Ausstattungsstücke, sehr viele Uniformen und schließlich eine schreinartig wirkende Installation, in der Orden ausgestellt sind, und in der Mitte, an prominenter Stelle sind die aus einer Zeit, die die meisten von uns froh sind, sie nie erlebt zu haben. Und angesichts der vielen Hakenkreuze, unkommentiert und zentral, da frage ich mich schon: Geht’s noch? Wann nimmt das wissenschaftliche Beratungsgremium eigentlich mal seine Arbeit auf? Oder beschränkte sich dessen Tätigkeit hier auf das Installieren internationaler Flaggen, die relativ sinnfrei über dieser Vitrine hängen? Das Gleiche ist es mit der Seefahrt im Kontext deutscher kolonialer Bestrebungen: Ausstellung ja, aber kritische Betrachtung oder Einordnung? Fehlanzeige. Gerade für die Zeit des Nationalsozialismus und auch der Kolonialzeit wie des Ersten Weltkriegs finde ich so etwas für eine museale Präsentation unabdingbar. Was irgendwelche alten Knacker in ihren privaten Räumen mit komischen Dolchen und zweifelhaften Orden anstellen, will ich gar nicht so genau wissen, aber in einem Museum erwarte ich da eine gewisse geistige Leistung, die sich in Texten und Arrangements niederschlägt. Ich weiß durchaus, dass viele, die diese Zeit als Soldaten erlebt haben, zu einer gewissen Verklärung neigen, aber auch wenn sie auf ihren Booten in kameradschaftlichen Gefühlen schwelgten und dabei stanken wie die Iltisse, so bleibt doch eins bestehen: Adolf war einfach Scheiße. Und das in jeder Hinsicht. Auch die Orden, und, ja, die Autobahnen auch. So. Und ein öffentliches Museum sollte kein Tümelplatz alter Männer sein, wo unkritisch Dinge gezeigt werden, die eigentlich dorthin gehören, wo die Sonne nie hinscheint, wenn sie nicht entsprechend wissenschaftlich begleitet und präsentiert werden. Hier ist auch die völlig unkommentierte und unkritische Präsentation Karl Dönitzs zu nennen, der nicht nur der Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine war, sondern auch ein verurteilter Kriegsverbrecher.  Vollständig ist die Epoche Zweiter Weltkrieg auch nicht; denn von U-Booten ist weit und breit nichts zu sehen, mit Ausnahme eines einsamen Periskops.

Erfreulicher sind wieder die obersten Stockwerke, wo es um Container- und Passagierschifffahrt geht. Lustig sind die nachgebauten Kabinen: Selbst die Luxusvariante wäre von der Größe her als Hotelzimmer intolerabel – vor allem für den Preis. Mein Gefühl, dass Kreuzfahrten ein bisschen wie Benidorm sind, nur ohne die Möglichkeit mittels eines Mietwagens ins Hinterland zu verschwinden, verstärkte sich jedenfalls.

Nach der Besichtigung landeten wir in der Museumsgastronomie, einem schicken Bistro, wo es leckere Kleinigkeiten und Kuchen gibt. Hier – na was wohl? – strickten wir wieder.

Waldläufertuch meets Maritimes Museum – Stricken im Museumsbistro.

Fazit: Stricken kann man wirklich überall, wenn man gute Nerven hat und sich nicht um die Leute um einen herum kümmert. Und das Maritime Museum ist ein sehr getrübtes Vergnügen für alle, die sich für Seefahrt interessieren.

Es gibt in Hamburg übrigens Stimmen, die die Schließung des Museums fordern; so weit würde ich nicht gehen, denn ich finde, ein Museum zu diesem Thema passt gut zur Stadt, und die Sammlung ist reichhaltig und sehenswert. Nur würde ich die Militaria ausdünnen, dafür kritisch kommentieren und noch was zu Fischern reinnehmen, das könnte man dann auch mit einem Gansey-Workshop kombinieren. :D

Nachtrag: Was das Konzept ebenfalls etwas befremdlich erscheinen lässt, ist das Fehlen jeglicher Angebote speziell für Kinder, die heute selbst für ländliche Museen selbstverständlich sind. Das ist bei einem Neubau völlig unverständlich, umso mehr als das Thema für eine kindgerechte Aufbereitung geradezu prädestiniert ist. Welches Kind mag keine Schiffe, Seefahrer, Piraten?

Ein entspannter Nachmittag mit Hindernissen: Das Waldläufertuch und eine Tasse Kopi Luvak.

Nachdem Stricktreffs sich für mich größtenteils erledigt haben, bin ich für dieses Jahr auf ein neues Projekt verfallen: das Stricken an besonderen Orten. Nun war ich wegen Wahlkampf indisponiert, aber heute war es so weit: die Premiere. Mutter Jinx und ich begaben uns also zur Kaffeerösterei in Hamburg. Die befindet sich sehr stilvoll in einem alten Speicherhaus in der Hamburger Speicherstadt. Meist ist es dort sehr voll, aber ein Besuch lohnt sich immer, sogar für mich als überzeugte Teetrinkerin, denn dort gibt es echte Gourmetsorten wie Jamaica Blue Mountain und ähnliche. Heute war diese doch recht erlesene und eigentlich sehr stilvolle Location allerdings Schauplatz für ein Event der eher bizarren Art.

Als wir den Raum betraten, wirkte alles recht normal; wir bestellten zwei Kännchen Kopi Luvak (auch Katzenkaffee genannt, ja, ich weiß, was das ist und auch, wie er zustande kommt, und nein, es macht mir nichts aus. Der Geschmack ist nämlich unübertroffen und etwas völlig anderes als die säuerliche Plörre, die man sonst so bekommt). Kaum hatten wir Platz genommen, erschreckte mich eine Gestalt in Faschingsseide mit Plastikkrone: Die Heidekartoffelkönigin war da (ich weiß nicht so genau, was das ist, und ich will es auch gar nicht so genau wissen). Wir waren in eine Promotionsveranstaltung des Kurortes Bad Bevensen geraten, die für Stammgäste ausgerichtet worden war. Die Tourismushonoratioren waren anwesend, bewaffneten sich mit einem Mikrofon und verlosten unter tatkräftiger Hilfe der Heidekartoffelkönigin Kartoffeln, Schirme und Übernachtungsgutscheine. Die aufgebauten Tische mit ortstypischen Dingen veranlassten mich zu der Bemerkung, dass ich keinesfalls gewillt wäre, eine Heizdecke zu kaufen. Ich kenne Bad Bevensen nicht, bin aber im Laufe des Nachmittags zu dem Schluss gekommen, dass es sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Höllenschlund befinden muss.

Nun ist es ja so, dass Mutter Jinx und ich in solcher Gesellschaft (ich fühlte mich fatal an Berichte von Kaffeefahrten erinnert) und bei solchen Events zu Verhaltensauffälligkeiten neigen. Dies ist vielleicht verzeihlich, wenn man bedenkt, dass man, geht man in eine exklusive Gastronomie in einer Metropole, auf so etwas wie Seniorentreff, Heidekartoffelkönigin und Kaffeefahrt-Atmosphäre nicht recht vorbereitet ist. Es war schon arg: das Hotel 50+, das hartnäckig als solches beworben wurde (Mutter Jinx fiel vor Lachen fast vom Stuhl, als ich bemerkte, dass ich in sechs Jahren qualifiziert wäre, dieses Etablissement selbst aufsuchen zu können), die Heidekartoffelkönigin, die Hoteliers, der Typ, der kistenweise Wurst dahatte, aber keine verkaufen, mir aber stattdessen einen Prospekt über Ferienwohnungen andrehen wollte, mit der Bemerkung, die würde er anbieten (nein, keine Heizdecken, keine Ferienwohnungen, aber herzlichen Dank auch).

Nachdem man zweimal versucht hatte, meiner Mutter kostenlose Kekse aufzudrängen, beschlossen wir, dass dieses Szenario nur mit mehr Drogen erträglich wäre und holten uns noch zwei Kännchen Jamaica Blue Mountain. Zur Abwehr feindlicher Geister und aufdringlicher Promotionsspezialisten platzierten wir einen von der Wahl übriggebliebenen Flyer der Pirtenpartei und eine Werbepackung Taschentücher der Linken auf dem Tisch und strickten friedlich und genügsam vor uns hin.

Auch wenn es erstaunlich ist, dass ein gehobenes, immer gut besuchtes Etablissement wie die Kaffeerösterei sich für eine solche Veranstaltung hergibt, fühlten wir uns doch gut unterhalten; es war mit Sicherheit lustiger als so manches Comedyprogramm.

Die Kaffeerösterei bietet neben seltenen Kaffeesorten auch guten Kaffee aus eigener Röstung an, außerdem leckere Kuchen, wie man sie nicht aus jeder Fabrik kennt und belegte Brötchen.

Abschließend möchte ich bemerken, dass ich die Lüneburger Heide verehre, als uralte Kulturlandschaft und als einmaliges Charakteristikum der norddeutschen Tiefebene. Ich fahre jedes Jahr hin, und es gefällt mir jedes Mal aufs Neue. Und daher kann ich wirklich sagen: Das hatte die Heide nicht verdient.