
Diesmal ist es kein Strickbuch, das ich vorstelle, aber eines, das mich fasziniert und inspiriert, und das kommt in einer unüberschaubaren, aber auch recht einförmigen Bücherlandschaft leider immer seltener vor: Guerilla Gardening von Richard Reynolds.
Der Autor stammt aus dem Mutterland des Gärtnerns, aus England, und hat sich seit Jahren der Verschönerung des öffentlichen Raums mittels illegaler Pflanzungen verschrieben. Dabei geht es immer um Areale, die nicht in privater Hand sind und die vernachlässigt werden: Brachen, Abrissgrundstücke, Baumscheiben, Verkehrsinseln, was eben so da ist. Es ist ja ein internationales Phänomen, dass es eine Menge Grund gibt, von handtuchklein bis hektargroß, der im städtischen Raum vor sich hin verkommt, vermüllt wird und vernachlässigt ist. Der Aufwertung dieser Parzellen widmet sich dieses Buch.
Ausdrücklich nicht gemeint ist:
- Nachbars Garten, der aussieht wie ein Trümmergrundstück, eigenmächtig aufzuwerten
- öde städtische Bepflanzungen, in denen Eisblumen oder Stiefmütterchen stehen wie die Soldaten, durch eine zeitgemäßere, naturnähere oder interessantere Bepflanzung so umzubauen, dass es einem besser gefällt
- seinen eigenen oder einen gepachteten Schrebergarten zu gestalten. Das kann man natürlich tun, und es ist auch schön, aber das ist hier nicht das Thema.
- in einem Naturschutzgebiet, Wald oder ähnlichen naturnahen Anlagen nun auf einmal Rosenbeete anzulegen. Das wäre deplatziert und Aktionismus an der falschen Stelle (da ist es schon schön und braucht menschliche Eingriffe nicht). Guerilla Gardening ist ein Konzept, das für den ( meist groß-) städtischen Beton- und Asphaltdschungel erdacht wurde und auch nur dort wirklich Sinn macht.
Das Buch enthält einen theoretischen, einen praktischen und einen erzählenden Teil, in dem von aktiven Gärtnerguerilleros berichtet wird, vor allem in Großbritannien und den USA, aber auch in Berlin oder Amsterdam. Sprachlich lehnt es sich den Klassikern der Guerilla-Literatur an, ist also dem Sprachgebrauch des linken Spektrums verpflichtet, was insofern lustig ist, da der Gedanke “tu was für Deine Stadt und frage nicht, was Deine Stadt für Dich tun kann” einer ist, den man eher im konservativen Millieu vermuten würde. Das liest sich teilweise richtig lustig, aber nur, wenn man die Mao-Bibel und ähnliche Klassiker der politischen Literatur nicht für das Sechste Buch Mose hält, sondern da auch mal reingeguckt hat. Der gärtnernde Guerillero schießt und bombt nicht, sondern gräbt, gießt, jätet und pflanzt.
Der historische Teil widmet sich – wie der Name schon sagt – der Geschichte illegaler Pflanzungen im öffentlichen Raum, die (zumindest dokumentiert) bis ins England des siebzehnten Jahrhunderts zurückreicht und in der Hippie-Ära einen gigantischen Aufschwung erfuhr. Es werden auch die politischen Motive erörtert, die die meisten wilden Gärtner heutzutage motivieren, aber auch auf die illegalen Versorgungsbegrüner eingegangen, die nicht nur die Umwelt aufwerten, sondern sich von dem Gepflanzten auch ernähren wollen. Letzteres ist in Großstädten nicht immer empfehlenswert, da Grundstücke belastet sein können, was die Produkte dieser Minaturplantagen ungenießbar macht.
Der praktische Teil führt den angehenden gärtnernden Anarchisten in die Tücken des Guerilla Gardenings ein. Es droht nicht nur Ungemach durch professionelle oder Hobby-Gesetzeshüter, sondern auch durch Vandalen, Souvenirjäger oder Blumenfreunde. Auch Hunde und Kleinkinder können die Pflanzung bedrohen. Illegal ausgewilderte Pflanzen können nicht gehegt und gepflegt werden wie der eigene Garten, daher ist auf eine gewisse Robustheit zu achten; man wähle in jedem Fall pflegeleichte Gewächse. Auch auf die mangelnde Umweltverträglichkeit mancher Pflanzen wird mehrfach hingewiesen: Der Guerilla-Garten soll bereichern, aber die angestammte Flora nicht verdrängen (sonst ist es wie mit dem berüchtigten Sachalin-Knöterich, der öde hellgrüne Wände bildet, in denen nichts anderes mehr gedeiht und den man auch nicht loswird). Invasives Grün ist also zu vermeiden, der Hang zu allzu großer Exotik auch.
Außerdem gibt es praktische Tipps für empfehlenswerte Pflanzen, Hinweise für die Herstellung von Saatgutbomben, für eine guerillataugliche Ausrüstung, die aussieht, als wäre sie keine oder die leicht zum Verschwinden gebracht werden kann (man muss mit dem Kram ja nicht nur hin, sondern vielleicht auch ganz schnell wieder weg), für unauffällige aber praktische Bekleidung und vieles mehr. Dazu gehört auch, erst mal den Müll auf der Parzelle zu sammeln und zu entsorgen (einfach) oder die Urbarmachung von Schuttgrundstücken (aufwändig).
Lustig sind die Praxisberichte. Hier erfährt man, dass manchmal meterhohe Bäume durch die Stadt transportiert werden, um eine neue Heimat in einem vernachlässigten Grünstreifen zu finden, und ein Brüller ist der Niederländer, der sich eine Schutzweste überzieht und, getarnt als städtischer Gärtner, am hellichten Tag mit einem riesigen Spaten die Erde aufgräbt, um etwas zu pflanzen.
Das Buch betont, dass es sich bei dieser volksnahen Unterstützung der städtischen Gartenämter um eine illegale, wenn auch oft geduldete Tätigkeit handelt, solange man sich auf ungeteerte Randstücke beschränkt und nicht etwa die durch die Stadt verlaufende Hauptverkehrsader aufmeißelt und durch frisches Grün aufwertet, weil man das schöner findet und es sowieso zu viele Autos gibt. Es versteht sich also von selbst, dass die gärtnerische Tätigkeit nichts und niemanden behindern darf (Fensterbanknazis und Hobby-Blockwarte zählen da übrigens nicht, die sind eh unwichtig). Doch da man immer mit Störungen durch irritierte Personen (Trachtengruppen, Passanten, selbsternannte Nachbarschaftswachen, Obdachlose) rechnen muss, finden aufwändige Aktionen meist im Schutz der Dunkelheit statt, während man ein paar Samen verstreuen oder ein zartes Pflänzchen aus einer Flasche bewässern auch im Vorbeigehen machen kann.
Als ich das Buch abholte, gab es übrigens folgenden, recht lustigen Dialog mit der Buchhändlern (einer jungen, schicken Frau, nicht dem “Alles eh zu spät”-Typ):
ich: Guten Tag, ich habe ein Buch bestellt.
sie (besagtes Werk aus dem Regal ziehend): Na, fängt die Pflanzsaison an?
ich: Das ist nur zu Informationszwecken.
sie: sicher doch
wir beide: *grins*
Es ist auf jeden Fall ein lohnendes Buch, gibt es doch Einblicke in einen Aspekt der urbanen Kultur, deren Vertreter sich nicht mit Vernachlässigung, Vandalismus, städtischer Verödung und Gleichgültigkeit abfinden wollen. Wen der ausführlich dargelegte politische Aspekt des Guerilla Gardening nervt, der wird an den Farbfotografien Gefallen finden, die sehr unterschiedliche Beispiele des illegalen öffentlichen Gärtnerns zeigen, von riesig-parkähnlich bis hin zu winzig klein.
Natürlich habe ich es nur zu Informationszwecken gelesen, nicht etwa zur praktischen Umsetzung, denn wo kämen wir da hin, wenn jeder einfach irgendwo was pflanzt?
*grins*