December 5, 2009 - י"ח כסלו תש"ע
Das Buch, das ich heute vorstelle, ist anders als andere Strickbücher, und das in mancher Hinsicht. Es ist das Buch Yarn Bombing – The Art of Crochet and Knit Graffiti von Mandy Moore und Leanne Prain, erschienen bei Arsenal Pulp Press in Vancouver.
Doch zunächst zum Formalen: Obwohl es ein kartoniertes Buch ist, ist es sehr opulent ausgestattet, mit vielen gut fotografierten, sinnlich und inspirierend wirkenden Fotografien. Auch Anleitungen zum Gezeigten gibt es, wobei dies natürlich nur begrenzt Sinn macht, da vieles den zu bestrickenden oder behäkelnden Objekten quasi auf den Leib gearbeitet werden muss. Nicht so gut gefällt mir der Titel, denn er ist mir zu martialisch. Ich persönlich ziehe die Begriffe “Knitted Graffiti” oder “Guerilla Knitting” vor, weil die das Subersive und die Gewaltfreiheit der Idee besser transportieren. Aber das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks und tut meiner Freude an diesem Buch keinen wirklichen Abbruch.
Das Buch versucht, dem Leser das Konzept der Eroberung des urbanen Raums mittels gestrickter Zeichen, die man hinterlässt, zu vermitteln. Das Prinzip ist einfach: Man strickt oder häkelt etwas, das man vor Ort (also an einem Pfosten, einem Zaun, einer Mauer oder wo auch immer) möglichst dauerhaft anbringt, aber immer so, dass es entfernt werden kann. Die Methode ist somit weniger aggressiv als das klassische Graffiti, das nur mühsam und unter erheblichen Kosten entfernt werden kann (eine Ausnahme stellt natürlich Kreidespray da, das jedoch selten verwendet wird). Die Wollvariante der Stadteroberung lässt somit dem Betrachter die Wahl – ein kurzer Schnitt mit der Schere, und das Teil ist rückstandsfrei verschwunden. Gestricktes Graffiti ist somit sanfter und hat außerdem den Vorteil, dass es nicht verboten ist.
Das Konzept ist vielschichtiger, als es auf den ersten Blick erscheint. Zunächst haben wir den städtischen Raum, dessen Bewohner erheblichen Einschränkungen unterworfen sind – zuallererst duch den Platz, der ihnen zur Verfügung steht. Aber auch durch eine immer stärkere Reglementierung des Alltags, die dem Einzelnen immer mehr Raum gibt und ihn einem Konzept unterwirft, das in den Vorstellungen von Politik und Planung verwurzelt ist und den angepassten Bürger favorisiert, der nichts Unvorhergesehenes tut, sich in seiner Freizeit an die zu diesem Zweck klar definierten Bereiche hält und ansonsten nicht weiter auffällt. Der moderne Städter hat zwar immer mehr Freizeit, aber was immer weniger wird, ist die Freiheit: Wir leben in einer Welt, deren Regierungen ihren Bürgern nicht mehr recht über den Weg trauen.
Unerhört ist auch das Verhältnis zum eigenen Werk, das dem abgenötigt wird, der sich auf dem Gebiet des gestrickten Graffiti versucht. Wer handarbeitet, investiert nicht nur Geld, sondern auch und vor allem mit das Kostbarste, was es gibt: Zeit. Wir prökeln hingebungsvoll vor uns hin, um nach langen Mühen ein Strickstück in den Händen zu halten, dass uns kleiden, schmücken und wärmen soll, und wenn nicht uns, dann unsere Lieben oder zumindest das Heer der Bedürftigen dieser Welt, das immer größer wird. Guerilla Knitting tut nichts dergleichen, sondern ist vordergründig völlig sinnfrei, da das, was bestrickt wird, das Strickstück nicht braucht, ebensowenig wie der Betrachter oder der, der es hergestellt hat. Doch bietet gerade ein bunter Lappen an einem Geländer, farbige Kordeln an Pfosten oder gestrickte Kieselsteine in Popfarben einen ungewohnten Anblick, der auch Menschen staunen lässt, die durch die immer extremer werdenden Massenmedien (die man auch Volksverdummung nennen kann) eigentlich schon alles gesehen haben. Es ist auch ein deutliche Absage an das Konzept, dass alles einen Sinn haben oder wenigstens Profit bringen muss. Vielleicht kann man auch sagen, dass es Kleinteilstrickerei für die unter uns ist, die nicht glauben, dass das Spenden gestrickter Socken die Welt verändert, sondern dass das nur die Gerechtigkeit kann. Doch da die einstweilen auf sich warten lässt, kann man die Welt zur Überbrückung wenigstens zu einem etwas lustigeren Ort machen.
Nicht zuletzt ist das Anbringen gestrickter Objekte im öffentlichen Raum auch eine Lektion im Loslassen: Man prökelt etwas irgendwo ran, idealerweise mit einem Etikett, das die Absicht dahinter kundtut (nicht in der freien Natur!), macht noch ein Foto … und geht einfach weg. Und zwar für immer. Man überlässt das Strickstück nicht nur den Elementen, sondern auch den Mitmenschen, die vielleicht so viel Gefallen an dem Teil finden, dass sie es mitnehmen oder deren Missfallen so erregt wird, dass sie es demolieren oder entfernen. Kurz gesagt, wer seinen Rottweiler daneben anbindet oder jeden Tag hinrennt, um zu sehen, ob der Lappen noch hängt, hat das Konzept nicht verstanden. Selbst wenn nur die wohlmeinendsten Menschen das Objekt bemerken, sorgen die Witterungseinflüsse dafür, dass das Teil nicht ewig hält, doch das ist Teil des Prozesses.Was bleibt, ist nur das Bild (wenn man nicht vergessen hat, eines zu machen).
Doch zurück zum Buch: Es ist logisch gegliedert und beginnt mit kleinen, rechteckigen Teilen, die schnell und einfach gestrickt oder gehäkelt und leicht angebracht sind. Es folgen kompliziertere Modelle wie “Baumpullover” oder sehr große Objekte, die vermutlich unter Zuhilfenahme von Strickmaschinen und den Händen vieler harmloser Anarchisten zustande gekommen sind. Das Buch enthält viele Beispiele, von komplett bestrickten Telefonzellen und bekleideten Denkmälern über umhäkelten Bussen und Motorrädern bis hin zu großformatigen Landschaftsinstallationen, bei denen die Grenze zu Landscape Art und zur künstlerischen Installation verfließen. Auch die Techniken sind vielfältig: von einfachen, glatt oder kraus rechts gestrickten Teilen über Zöpfe, Mehrfarbigem bis hin zu Lace und Freeform ist alles dabei. Allen Projekten ist gemeinsam, dass sie nicht zerstören oder auch nur stören, sondern bereichern wollen.
Selbst wenn man sich dieser vordergründig völlig sinnfreien und nutzlosen Spielerei nicht hingeben möchte, ist das Buch ungeheuer inspirierend, vielleicht sogar so sehr, dass die Kunst des harmlosen Handarbeitsanarchismus auch ein paar Anhänger in Deutschland findet, die sich aufmachen, ihre Umwelt ein wenig bunter zu machen.
Zu guter Letzt noch ein Link: Der Blog zum Buch.
























