Distelfliege ist in ihrem Blogpost Gender matters und das Craftblogging der spannenden Frage nachgegangen, ob unsere traditionelleren und eher weiblich konnotierten Hobbys uns gleichzeitig in den häuslichen Bereich zurücktreiben, den wir nach jahrzehntelangem, zähen Ringen endlich unwidersprochen verlassen konnten, und damit – unausgesprochen – in die Trutschigkeit stoßen (Distel würde das nie so ausdrücken, das ist meine interpretierende Zusammenfassung).

Die Antwort auf diese Frage kann nur eine höchst individuelle sein, sie hängt von unseren Biographien, unserer Lebenswirklichkeit und unserem persönlichen Umfeld ab. Daher nehme ich nicht für mich in Anspruch, eine universelle Interpretation abzuliefern (viel zu anstrengend und langwierig), sondern beschränke mich auf meine eigene Sicht der Dinge.

Welche Hobbys überhaupt?

Zunächst geht es um Textiles, also Spinnen, Stricken, Weben, Färben, Häkeln, aber auch Nähen und Quilten. Also all das, was unsere Ur- und Großmütter begeistert von sich warfen, um endlich einen Job im Büro oder in der Fabrik annehmen zu können, in der Stadt und weitab vom bäuerlich-ländlichen Millieu. Die meisten von uns haben genau dies, ebenso wie unsere Mütter und teilweise auch Großmütter. Und was machen wir? S. o.

Allerdings darf man eines nicht verkennen: Wir leben in teilweise in unsere eigenen Welt, was das Handarbeiten angeht. Wir lesen Faserblogs, weil es uns interessiert, wir sind Mitglieder in entsprechenden Communities, wir stricken hordenweise in der Öffentlichkeit. Wenn wir jedoch allein unterwegs sind, sind wir meist die einzigen, die in der Bahn stricken (oder in der Kneipe, im Kino, bei Vorträgen, in der Kirche, wo auch immer). Mit unseren Hobbys belegen wir eine Nische, aber wir sind nicht der Mainstream. Da könnten die aktuellen Publikationen für das weibliche Publikum durchaus einen anderen Eindruck erwecken, aber die meisten Leserinnen nehmen den neuen Stricktrend nur zur Kenntnis, und von denen, die es mal ausprobieren, bleibt längst nicht jede dabei.

Männer?

Doch, es gibt strickende Männer, die gab es schon immer: als gewerbliches Stricken Männersache war, aber auch danach lebten immer Männer in traditionellen Gemeinschaften, die ihre Pullover selbst strickten (Fischer z. B.). Schäfer stricken oft auch, und es gibt namhafte männliche Stricker. Was denen jedoch heute abhandengekommen ist, ist die Selbstverständlichkeit. Die Gesellschaft findet strickende Männer schwul, was ich nicht nachvollziehen kann, denn die meisten homosexuellen Männer, die ich kenne, kämen nicht im Traum darauf, zu stricken, und außerdem will sich mir der Zusammenhang zwischen Sex und Handarbeiten  hartnäckig nicht erschließen (es sei denn, man berücksichtigt den Fetischbereich, aber das führt hier wahrscheinlich zu weit). Das Ergebnis besteht fast immer aus unfreiwillig komischen Gesprächssituationen mit männlichen Strickern, wenn man denn mal einem begegnet, bei denen im zweiten Satz erwähnt wird, dass seine Freundin ja auch strickt/nicht strickt/stricken toll/doof findet/zu Hause sitzt und sonstwas tut oder was auch immer. Unverkrampft geht anders, und das ist nicht die Schuld der männlichen Stricker, sondern die der Gesamtsituation.

Die Bedeutung der familiären Situation

Auch die würde ich nicht überbewerten. Als ich das Gymnasium nach dem Abitur verließ, konnte ich kaum stricken und häkeln, kaum nähen, an spinnen habe ich nie gedacht, und auch die anderen Handarbeitstechniken beherrschte ich nicht. Ich konnte übrigens auch nicht kochen oder Schreibmaschine schreiben. Das hing damit zusammen, dass meine Familie mich nicht allzusehr mit weiblichem Kram belasten wollte, an dem ich überhaupt kein Interesse gezeigt hatte. Vermeidung von Rollenklischees und so. Inzwischen kann ich sowohl stricken, spinnen und häkeln, und außerdem kochen und Schreibmaschine schreiben. Ich habe Kochen gelernt, weil der Fertigfraß auf lange Sicht unerträglich ist. Inzwischen ist es ein echtes Hobby, ich liebe es, Gerichte zu entwickeln oder anspruchsvolle nachzukochen. Ich schätze Kochen als kreativen Ausdruck sowie als Instrument innerer Körperpflege. Schreibmaschine  schreiben lernte ich, da ich gern und viel schreibe und so meine Gedanken nicht so unendlich viel schneller sind als meine Fähigkeit, sie zu Papier zu bringen. Es ist für mich kein Selbstzweck, ich tippe nicht mal besonders gut, und Schreibmaschinenschnellschreibwettbewerbe finde ich eher albern.

Bleibt meine Leidenschaft für wollverarbeitende Hobbys. Keine Ahnung, wo das herkommt. Ich mag Wolle, es ist ein faszinierendes Material für mich. Außerdem ist es mir wichtig, etwas mit den Händen zu erschaffen. Es ist ein Ausgleich zu meinen sonstigen, eher geistig-intellektuellen Tätigkeiten. Dass mir das aus der Familie nie jemand beigebracht hat, war nicht schlimm, ich habe es aus Büchern oder diversen Videos im Internet gelernt.

Und die Trutschigkeit?

Der Frage, ob Stricken spießig ist, bin ich hier schon nachgegangen. Die Kurzfassung ist: Ja, es ist spießig, wenn man spießige Dinge produziert. Was spießig ist, liegt sowieso im Auge des Bestrachters. Ich empfinde weite Teile der Handarbeitsszene durchaus als spießig, so what? Es ist denen egal, wie ich sie finde, und das völlig zu recht. Es gibt hingegen auch viele, die ich gar nicht spießig finde. Und man selbst findet sich ohnehin nie spießig, egal, was der Rest denkt.

Zurück ins Haus?

Die Gesamtfragestellung impliziert, dass das etwas Negatives ist, und diese Assoziation kommt zweifellos aus der Zeit, als in Deutschland der in gesellschaftlicher Hinsicht natürliche Lebensraum der Frau die eigene Wohnung war – egal, wie es dort zuging und ob der Aufenthalt dort als unerstrebenswert bis unzumutbar einzustufen war. Heute haben die meisten von uns einen Schulabschlluss und eine Ausbildung, viele haben Arbeit und verbringen einen großen Teil des Tages außer Haus (das Problem der Arbeitslosigkeit lasse ich hier mal beiseite). Dass wir überhaupt in Betracht ziehen, mehr als nötig zu Hause zu machen, ist soziologisch gesehen durchaus positiv, denn es bedeutet, dass unsere häusliche Situation zumindest erträglich ist, denn sonst würden wir es vermeiden, mehr Zeit als nötig dort zu verbringen, und das Glück hat längst nicht jeder. Natürlich könnte ich, anstatt zu Hause zu stricken, auch hinausgehen und etwas anderes tun, aber warum sollte ich, wenn ich doch in dem Moment lieber stricken möchte? Wäre es nicht dumm, hinauszugehen und mir und der Welt zu beweisen, dass ich es kann und darf, selbst wenn ich gar keine Lust habe? Die Welt interessiert es sowieso nicht, denn die geht völlig zutreffend davon aus, dass ich ausgehen kann, wenn ich das möchte. Schließlich verbrennt man heute auch keine BHs mehr, obwohl das durchaus mal wieder angezeigt wäre, wenn ich mir die aktuellen Dessousagebote so ansehe.

Es ist bei mir auch eine Frage des Alters: mit Mitte 40 habe ich nicht mehr den Drang, die Nacht zum Tag zu machen, zumindest nicht aushäusig. Mein Leben ist recht anstrengend, und da muss ich mich nicht mehr anstrengen lassen als das ohnehin der Fall ist. Auch möchte ich, solange ich Hobbys nachgehe, die andere nicht in ihrer Freiheit einschränken oder illegal sind, das möglichst ideologiefrei tun. Die Freiheit zu erwerben, alles zu tun, was man möchte, also konkret: sein berufliches oder persönliches Heil in Tätigkeiten außerhalb der eigenen vier Wände zu finden, bedeutet nicht, die Freiheit aufzugeben, was zu Hause zu machen, und das auch oft und regelmäßig, wenn man denn möchte. Auf die Freiwilligkeit kommt es an. In einer traditionell geprägten Gesellschaft würde ich die Frage vermutlich anders beantworten. Aber für mich gilt: Ja, ich verbringe durch meine Hobbys mehr Zeit zu Hause, aber das ist mir egal.