March 30, 2012 - ז' ניסן תשע"ב
Spannende Frage: Heim an den Herd durch die Kraft unserer Hobbys?
Posted by Jinx under Geek Stuff , Texte / Texts[7] Comments
Distelfliege ist in ihrem Blogpost Gender matters und das Craftblogging der spannenden Frage nachgegangen, ob unsere traditionelleren und eher weiblich konnotierten Hobbys uns gleichzeitig in den häuslichen Bereich zurücktreiben, den wir nach jahrzehntelangem, zähen Ringen endlich unwidersprochen verlassen konnten, und damit – unausgesprochen – in die Trutschigkeit stoßen (Distel würde das nie so ausdrücken, das ist meine interpretierende Zusammenfassung).
Die Antwort auf diese Frage kann nur eine höchst individuelle sein, sie hängt von unseren Biographien, unserer Lebenswirklichkeit und unserem persönlichen Umfeld ab. Daher nehme ich nicht für mich in Anspruch, eine universelle Interpretation abzuliefern (viel zu anstrengend und langwierig), sondern beschränke mich auf meine eigene Sicht der Dinge.
Welche Hobbys überhaupt?
Zunächst geht es um Textiles, also Spinnen, Stricken, Weben, Färben, Häkeln, aber auch Nähen und Quilten. Also all das, was unsere Ur- und Großmütter begeistert von sich warfen, um endlich einen Job im Büro oder in der Fabrik annehmen zu können, in der Stadt und weitab vom bäuerlich-ländlichen Millieu. Die meisten von uns haben genau dies, ebenso wie unsere Mütter und teilweise auch Großmütter. Und was machen wir? S. o.
Allerdings darf man eines nicht verkennen: Wir leben in teilweise in unsere eigenen Welt, was das Handarbeiten angeht. Wir lesen Faserblogs, weil es uns interessiert, wir sind Mitglieder in entsprechenden Communities, wir stricken hordenweise in der Öffentlichkeit. Wenn wir jedoch allein unterwegs sind, sind wir meist die einzigen, die in der Bahn stricken (oder in der Kneipe, im Kino, bei Vorträgen, in der Kirche, wo auch immer). Mit unseren Hobbys belegen wir eine Nische, aber wir sind nicht der Mainstream. Da könnten die aktuellen Publikationen für das weibliche Publikum durchaus einen anderen Eindruck erwecken, aber die meisten Leserinnen nehmen den neuen Stricktrend nur zur Kenntnis, und von denen, die es mal ausprobieren, bleibt längst nicht jede dabei.
Männer?
Doch, es gibt strickende Männer, die gab es schon immer: als gewerbliches Stricken Männersache war, aber auch danach lebten immer Männer in traditionellen Gemeinschaften, die ihre Pullover selbst strickten (Fischer z. B.). Schäfer stricken oft auch, und es gibt namhafte männliche Stricker. Was denen jedoch heute abhandengekommen ist, ist die Selbstverständlichkeit. Die Gesellschaft findet strickende Männer schwul, was ich nicht nachvollziehen kann, denn die meisten homosexuellen Männer, die ich kenne, kämen nicht im Traum darauf, zu stricken, und außerdem will sich mir der Zusammenhang zwischen Sex und Handarbeiten hartnäckig nicht erschließen (es sei denn, man berücksichtigt den Fetischbereich, aber das führt hier wahrscheinlich zu weit). Das Ergebnis besteht fast immer aus unfreiwillig komischen Gesprächssituationen mit männlichen Strickern, wenn man denn mal einem begegnet, bei denen im zweiten Satz erwähnt wird, dass seine Freundin ja auch strickt/nicht strickt/stricken toll/doof findet/zu Hause sitzt und sonstwas tut oder was auch immer. Unverkrampft geht anders, und das ist nicht die Schuld der männlichen Stricker, sondern die der Gesamtsituation.
Die Bedeutung der familiären Situation
Auch die würde ich nicht überbewerten. Als ich das Gymnasium nach dem Abitur verließ, konnte ich kaum stricken und häkeln, kaum nähen, an spinnen habe ich nie gedacht, und auch die anderen Handarbeitstechniken beherrschte ich nicht. Ich konnte übrigens auch nicht kochen oder Schreibmaschine schreiben. Das hing damit zusammen, dass meine Familie mich nicht allzusehr mit weiblichem Kram belasten wollte, an dem ich überhaupt kein Interesse gezeigt hatte. Vermeidung von Rollenklischees und so. Inzwischen kann ich sowohl stricken, spinnen und häkeln, und außerdem kochen und Schreibmaschine schreiben. Ich habe Kochen gelernt, weil der Fertigfraß auf lange Sicht unerträglich ist. Inzwischen ist es ein echtes Hobby, ich liebe es, Gerichte zu entwickeln oder anspruchsvolle nachzukochen. Ich schätze Kochen als kreativen Ausdruck sowie als Instrument innerer Körperpflege. Schreibmaschine schreiben lernte ich, da ich gern und viel schreibe und so meine Gedanken nicht so unendlich viel schneller sind als meine Fähigkeit, sie zu Papier zu bringen. Es ist für mich kein Selbstzweck, ich tippe nicht mal besonders gut, und Schreibmaschinenschnellschreibwettbewerbe finde ich eher albern.
Bleibt meine Leidenschaft für wollverarbeitende Hobbys. Keine Ahnung, wo das herkommt. Ich mag Wolle, es ist ein faszinierendes Material für mich. Außerdem ist es mir wichtig, etwas mit den Händen zu erschaffen. Es ist ein Ausgleich zu meinen sonstigen, eher geistig-intellektuellen Tätigkeiten. Dass mir das aus der Familie nie jemand beigebracht hat, war nicht schlimm, ich habe es aus Büchern oder diversen Videos im Internet gelernt.
Und die Trutschigkeit?
Der Frage, ob Stricken spießig ist, bin ich hier schon nachgegangen. Die Kurzfassung ist: Ja, es ist spießig, wenn man spießige Dinge produziert. Was spießig ist, liegt sowieso im Auge des Bestrachters. Ich empfinde weite Teile der Handarbeitsszene durchaus als spießig, so what? Es ist denen egal, wie ich sie finde, und das völlig zu recht. Es gibt hingegen auch viele, die ich gar nicht spießig finde. Und man selbst findet sich ohnehin nie spießig, egal, was der Rest denkt.
Zurück ins Haus?
Die Gesamtfragestellung impliziert, dass das etwas Negatives ist, und diese Assoziation kommt zweifellos aus der Zeit, als in Deutschland der in gesellschaftlicher Hinsicht natürliche Lebensraum der Frau die eigene Wohnung war – egal, wie es dort zuging und ob der Aufenthalt dort als unerstrebenswert bis unzumutbar einzustufen war. Heute haben die meisten von uns einen Schulabschlluss und eine Ausbildung, viele haben Arbeit und verbringen einen großen Teil des Tages außer Haus (das Problem der Arbeitslosigkeit lasse ich hier mal beiseite). Dass wir überhaupt in Betracht ziehen, mehr als nötig zu Hause zu machen, ist soziologisch gesehen durchaus positiv, denn es bedeutet, dass unsere häusliche Situation zumindest erträglich ist, denn sonst würden wir es vermeiden, mehr Zeit als nötig dort zu verbringen, und das Glück hat längst nicht jeder. Natürlich könnte ich, anstatt zu Hause zu stricken, auch hinausgehen und etwas anderes tun, aber warum sollte ich, wenn ich doch in dem Moment lieber stricken möchte? Wäre es nicht dumm, hinauszugehen und mir und der Welt zu beweisen, dass ich es kann und darf, selbst wenn ich gar keine Lust habe? Die Welt interessiert es sowieso nicht, denn die geht völlig zutreffend davon aus, dass ich ausgehen kann, wenn ich das möchte. Schließlich verbrennt man heute auch keine BHs mehr, obwohl das durchaus mal wieder angezeigt wäre, wenn ich mir die aktuellen Dessousagebote so ansehe.
Es ist bei mir auch eine Frage des Alters: mit Mitte 40 habe ich nicht mehr den Drang, die Nacht zum Tag zu machen, zumindest nicht aushäusig. Mein Leben ist recht anstrengend, und da muss ich mich nicht mehr anstrengen lassen als das ohnehin der Fall ist. Auch möchte ich, solange ich Hobbys nachgehe, die andere nicht in ihrer Freiheit einschränken oder illegal sind, das möglichst ideologiefrei tun. Die Freiheit zu erwerben, alles zu tun, was man möchte, also konkret: sein berufliches oder persönliches Heil in Tätigkeiten außerhalb der eigenen vier Wände zu finden, bedeutet nicht, die Freiheit aufzugeben, was zu Hause zu machen, und das auch oft und regelmäßig, wenn man denn möchte. Auf die Freiwilligkeit kommt es an. In einer traditionell geprägten Gesellschaft würde ich die Frage vermutlich anders beantworten. Aber für mich gilt: Ja, ich verbringe durch meine Hobbys mehr Zeit zu Hause, aber das ist mir egal.
March 30, 2012 - ז' ניסן תשע"ב at 1:30 pm
Wunderschöner Artikel! Ich liebe es wenn ich es mir nach meinen beruflichen Tätigkeiten, Haushalt, Garten, Haustiere usw. in der “guten alten Stube” mit meinem Strickzeug und einem guten Hörbuch gemütlich machen kann. Das macht Spass und ist Entspannung pur. Ausserdem kann ich meine Werke meinem langen Körper anpassen, was bei Konfektion wirklich nicht immer gegeben ist. Sollte mich jemand für altbacken oder was auch immer halten will, bitte. Ist mir sowas von egal! LG aus S?o Paulo, Monika
[Reply]
March 30, 2012 - ז' ניסן תשע"ב at 8:26 pm
Danke, Jinx!
Sprichst mir Trutsche (strickend, häkelnd, filzend, kochend – oh weh – schreibemaschineschreibend, etc., blabla) aus der schulterzuckenden Seele. Ich mach, was mir gefällt. Punkt. Das ist Freiheit. Und die schmücke ich mir aus, wie ich das mag. Muss anderen nicht gefallen. Nur mir.
Herzlichst,
Ev
[Reply]
March 30, 2012 - ז' ניסן תשע"ב at 9:31 pm
Oh, das ist ein Thema, bei dem man zu jedem Satz, der jemals dazu gesagt wurde einen ganzen Aufsatz schreiben könnte , das lasse ich lieber, damit mir Zeit zum Stricken und Weben bleibt
Also, nur Folgendes, grundsätzlich stimme ich mit dem überein, was Du dazu gepostet hast, habe einfach noch ein paar, auch ganz individuelle Anmerkungen.
Wo bleibt eigentlich unser Selbstbewusstsein, warum thematisieren wir sowas überhaupt, würden Männer sich fragen, ob es ev. zu “macho” ist, wenn sie hobbymäßig Mopeds reparieren oder supergerne schreinern, oder vielleicht sogar schmieden (heiße, harte Arbeit) oder was auch immer ??
Warum werden textile Fertigkeiten (warme, weiche Wolle) so niedrig gewertet, zu verstehen ist das nicht, es handelt sich um durchaus komplexe Tätigkeiten. Ich kann Metall bearbeiten (Goldschmieden ist eines meiner Hobbies), kann töpfern, schreinern, mauern, all das kann mein Mann auch aber spinnen, stricken, häkeln und nähen kann er nicht und schon einfache Verknotungen sind nicht sein Ding.
Es ist leider typisch, dass alles was Frauen machen niedrig bewertet wird, viele ehemals hochangesehene Berufe, einst fest in Männerhand Ärzte, Lehrer Pfarrer seien hier ein Beispiel, verloren an Glanz sobald ein hoher Prozentsatz Frauen die gleichen Tätigkeiten ausführte.
Zum Begriff Hobby:
Historisch gesehen handelte es sich beim Handarbeiten in den meisten Fällen ja keineswegs um Hobbies für alle sozialen Schichten, meine Großmutter, Mutter und sogar ich, während Studentenzeit 1968-1976, haben genäht und gestrickt weil wir nicht genug Geld hatten, Fertiges zu kaufen. Die Tatsache, dass diese Tätigkeiten zum Hobby und heutzutage sogar zu einem vergleichsweise teuren Hobby wurden, sollte nicht unterschätzt werden, das ist ja fast “gesunkenes Kulturgut”, wie die Volkskundler sagen würden, früher machten die Damen der höhergestellten Kreise ein paar feine Handarbeiten, heute kann das jeder machen, der Lust dazu hat und glücklicherweise haben wir genug freie Zeit (viele stricken ja auch beim Fernsehen) und müssen nicht mehr bis zum Umfallen arbeiten.
Wenn unsere weiblichen Vorfahren das heimische textile Handwerk begeistert gegen Jobs in Büros und Fabriken tauschten, hatte das sicher hauptsächlich damit zu tun, dass diese Arbeiten wesentlich besser bezahlt wurden, dass sie so dem häuslichen Milieu entrinnen konnten, war natürlich ein überaus positiver Nebeneffekt, interessant finde ich in diesem Zusammenhang , dass heutzutage wieder viel von Heimarbeit, möglich durch die Computerisierung, die Rede ist.
Aber die Situation ist eine andere, ich bin auch zu Hause, in meinem Dorf in Niedersachen und in meiner Kleinstadt in Schweden nicht mehr vom Rest der Welt abgeschlossen, dem Internet sei Dank. Wenn ich heutzutage hier sitze und stricke, Zugriff auf alle möglichen Informationen habe, mich so tief, wie ich mag in meine Interessensgebiete einarbeiten und durchs Bloggen aktiv mitspielen kann, empfinde ich keine Defizite und lasse mir auch keine einreden.
LG
maliz
[Reply]
Jinx Reply:
March 30, 2012 - ז' ניסן תשע"ב at 11:30 pm
Ich würde schon auch gern schreinern oder Metall verarbeiten, doch das ist in einer Etagenwohnung nicht möglich. Ich muss mich also auf emissionsarme Hobbys beschränken, die keine aufwändigen Aufbauten brauchen. Mit Männern oder Frauen hat das für mich gar nichts zu tun.
Viele Grüße
Jinx
[Reply]
April 2, 2012 - י' ניסן תשע"ב at 1:08 am
Ach, schick dass du das aufgegriffen hast. Ich kann dir da in allem nur zustimmen, bei mir und meiner Inspirationsgeberin Cat (Link raussuchen zu faul, hab ich in meinem Blog verlinkt..) gings aber um Repräsentation: Wie sind Frauen in der Blogosphäre repräsentiert, dadurch, dass es von Frauen massig Craft- und Fashionblogs, aber sonst kaum etwas Anderes gibt? (Ich habe darüber allerdings keine Statistik geführt, das ist eher ein Satz den ich aufgeschnappt habe bei einer anderen Bloggerin). Und auf diese Frage der Repräsentation droht die Antwort sich aufzudrängen: “Als häusliche Trutschen”. Nun kann die Antwort darauf auch sein: “Mir doch egal, ich mache einfach, was mir gefällt, und die Repräsentation in der Öffentlichkeit ist mir doch schnuppe”, wir leben ja in einem (diesbezüglich) freien Land.
Klar mache ich natürlich auch, was mir gefällt. Vielleicht sollt ich aber öfter was übers Saxophonspielen bloggen. Das ist ja nun weder ein weibliches noch ein männliches Hobby. Oder doch nicht? Neulich war ich auf einem Saxophonblog, da gabs dann irgendwie mitten im Saxophoncontent so bildzeitungsmässig das “Girl der Woche” (oder so ähnlich) und dann bloggte der Heini nackte Frauen. Na, ganz prächtig. Echt super. *kotz*
[Reply]
April 2, 2012 - י' ניסן תשע"ב at 1:22 am
Irgendwie fehlte das Fazit des letzten Absatzes… ich reclaime mir das Saxophon vom Sax-Macker.. genau *gg*
Aber nochmal zurück zu dem problem: Die Lösung kann ja nicht heissen, man solle nun machen, worauf man gar keine Lust hat. Tatsächlich gibts dafür keine Lösung. Es ist ein Dilemma, und irgendwie ist es die Haupteigenschaft des Dilemmas, dass es keine befriedigende Lösung bietet. Machen wir einfach gedankenlos was wir wollen, werden wir als Handarbeitstrutschen (und ich finde das Wort wirklich witzig) wahrgenommen, machen wir was anderes, als das was wir wollen, dann schränken wir unser Wohlbefinden ein damit andere anders von uns denken sollen – auch Quatsch.
[Reply]
May 15, 2012 - כ"ג אייר תשע"ב at 12:41 pm
[...] von knittinganarchist.de greift die Frage auf: Spannende Frage: Heim an den Herd durch die Kraft unserer Hobbys? Für sie geht es u.a. um die Bewertung von Häuslichkeit: Zurück ins Haus? Die Gesamtfragestellung [...]