April 1, 2011 - כ"ו אדר ב' תשע"א
Monthly Archive
April 18, 2011 - י"ד ניסן תשע"א
Es ist schon lustig, wenn man so als Strickbloggerin unter der Rubrik “Meinungsmacher” bei dctp interviewt wird, auch weil die Strickszene sich immer mal wieder darüber aufregt, als “bieder”, “spießig” oder “altmodisch” tituliert zu werden, nicht zuletzt von anderen (Nicht-Strick-) Bloggern selbst.
Es war eine gute Erfahrung in lockerer Atmosphäre. Wen’s interessiert, der kann es sich hier ansehen. Mein herzlicher Dank geht an Philip Banse.
April 17, 2011 - י"ג ניסן תשע"א

Zwei Tage nach dem Pflanzen stehen die Blumen immer noch (ich war zum Gießen da und natürlich zum Nachsehen, ob dort noch etwas lebt). Und siehe da: nix verwüstet, abgepflückt oder verdreckt, stattdessen entwickeln sich die Kleinen ganz prächtig. Kritisch wird der erste Mai; die Nacht der Straßenkämpfe und brennenden Barrikaden.
Hinter dem Beet die MGGTU (Mobile Guerilla Gardening Transport Unit).
April 15, 2011 - י"א ניסן תשע"א

Dies ist die brandneue Geschäftsstelle der Hamburger Piratenpartei, frisch angemietet, aber noch nicht bezogen. Ja, ich weiß, von außen sieht es ein wenig trashig aus, aber innen sind die Räume sehr schön und auch in gutem Zustand. Für die Stahljalousie sind wir dankbar, denn das Büro liegt im Schanzenviertel, direkt hinter der berüchtigten Roten Flora.
Der Erdfleck rechts erschien mir ideal, um ein bisschen zu pflanzen, und so schritt ich heute zur Tat. Natürlich in Orange.

Nachdem ich den Platz entmüllt hatte, pflanzte ich Ranunkeln und Lewisien (Porzellanblume, keine Ahnung, was das ist, aber sie hat ledrige Blätter, und diese Pflanzen sind meist recht zäh). Es mag phantasievollere Anpflanzungen geben, aber wenn das Gartencenter des Viertels nur acht orange Blumen hat, muss man eben mit dem arbeiten, was man bekommt.

Nach dem Graben, Lüften, Erdauffüllen und Setzen: Es muss noch zusammenwachsen.

Ranunkel

Das Nachher-Bild.
In dem Buch Guerilla Gardening wird mehrfach nachdrücklich empfohlen, spätabends tätig zu werden, wenn auf der Straße nichts mehr los ist. Das mag in Hamburg für Blankenese oder die Außenalster gelten, aber in der Schanze ist es wirklich völlig wurscht. Da ruft niemand die Polizei, weil da jemand Blumen pflanzt, und wenn doch, dann kommen die deswegen nicht, da es in der Gegend ganz andere Probleme gibt. Auch die Passanten lassen einen in Ruhe, denn in diesem Viertel passieren so bizarre Sachen auf der Straße, dass das Pflanzen von Blumen da überhaupt nicht ins Gewicht fällt.
Als ich gerade fertig war, kam der Hausmeister, um zu sehen, was ich da tue, und es entstand ein sehr freundliches Gespräch. Er bewunderte die Blumen und sprach die Befürchtung aus, dass die Pracht in diesem Viertel nicht von Dauer sein würde. Das fürchte ich zwar auch, aber wir werden sehen. Jedenfalls fiel meine Premierenpflanzung sehr entspannt aus.
April 14, 2011 - י' ניסן תשע"א

Es wird wärmer und heller, und das bedeutet: Es ist wieder Zeit, auf Tour zu gehen. Unser Ziel war diesmal Neumünster, eine Stadt, die etwa eine Stunde entfernt von Hamburg entfernt liegt (mit dem Zug). Natürlich haben wir die Reisezeit mit ein paar entspannenden Reihen an aktuellen Projekten überbrückt.

In Hamburg weiß man recht wenig über Neumünster, aber Mutter Jinx wurde dort auf ein Museum bzw. eine Ausstellung aufmerksam, und so beschlossen wir, uns das Ganze mal aus der Nähe anzusehen: Das Textilmuseum Tuch und Technik. Es ist ein kleines Museum, das in der Stadthalle untergebracht ist, wo man übrigens sehr lecker essen kann (zubereitet mit frischen Zutaten – sehr empfehlenswert!). Auch die Stadt selbst ist sehr hübsch und wirkt lebendig.
Zu den vielen Dingen, die wir über Neumünster nicht wussten, ist, dass es sozusagen das “Manchester Schleswig-Holsteins” war, ein Zentrum der Textilherstellung mit mehreren Fabriken. Daher nimmt dieses Thema auch einen breiten Raum in der Dauereinstellung ein, die der Geschichte der Stadt gewidmet ist. Nach einer Präsentation archäologischer Funde geht es mit der heimischen Textilproduktion weiter – Spinnräder und Webstühle also. Man vergisst angesichts diverser Bekleidungsdiscounter und einem textilen Überangebot jeder Preisklasse leicht, dass in der vorindustriellen Zeit jeder Faden, den man benötigte, auch selbst in Hand- und Heimarbeit hergestellt werden musste.

Eine Kardiermaschine, die aus dem Vlies Vorgarn macht. Im Vordergrund, kaum im Bild, befindet sich eine Spinnmaschine.

Eine Vorrichtung zum Schären der Kette.
Mit dem Aufkommen der industriellen Textilherstellung eröffneten mehrere Fabriken in der Stadt, von denen nicht eine mehr existiert (die letzte Fabrik schloss 1992), auch das Ausbildungszentrum, dass in allen möglichen Berufen rund um die Textilherstellung schulte, gab diesen Bereich völlig auf. Im Museum sind jedoch noch einige historische Maschinen zu sehen, darunter einen frühen mechanischen Webstuhl, der mit Lochkarten arbeitete.
Die Webstühle arbeiten noch, allerdings nur noch für den Museumsshop und den Verkauf an Liebhaber.

Schlicht, aber besonders: Ein aus allem mögliches Kram zusammengelötetes Spinnrad, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg für den heimischen Bedarf gefertigt wurde.
Die Wechselausstellung beschäftigt sich mit textilen Themen in Kunst- und Volksmärchen.

Visuelle Umsetzung von Märcheninhalten, die mit Fasern und Faserverarbeitung zu tun haben.

Die Sieben Schwäne
Im Museum standen übrigens zwei Louet-S10-Räder mit Einfachtritt, an denen Besucher sich selbst am Spinnen versuchen konnten. Ich drangsalierte Mutter Jinx an eines der räder (sie wollte nicht), und nach 30 Sekunden erhob sie sich wieder (für sie fühlte es sich vermutlich wie 30 Minuten an) und verkündete, dass es ihr überhaupt keinen Spaß macht. Aber ich schwöre, sie hat einen zusammenhängenden Faden gesponnen (Marke Schwangerer Regenwurm, aber immerhin).

Und dann wurde es noch sehr lustig: Eine Spinngruppe, bestehend aus drei Damen, war anwesend und führte das Spinnen am Rad und an der Handspindel vor. Wir ließen uns in einiger Entfernung nieder, um ein wenig zu stricken (ich hatte nichts zum Spinnen dabei). Wir wurden eingeladen, uns zu der Gruppe zu setzen und unterhielten uns über Spinnräder, Marken, Modelle, über Spinnliteratur, übers Stricken und über Schafrassen und strickten natürlich auch. Es war ein sehr entspannter und anregender Tag.
Das Museum hat übrigens auch einen kleinen Shop, dessen Sortiment sich um das Schaf und Wolle dreht. Neben Webereien aus dem Museum gibt es dort u. a. folgendes:

Natürlich den Katalog für die Wechselausstellung …

Lustige Stofftaschen (Nieder mit dem Plastiktütenwahnsinn!!!)

Vom Förderverein herausgegebene Schriften zum Thema Textil …

… und Schafsmilchseife.
Es ist ein kleines, aber feines Museum, das mehr Aufmerksamkeit verdient, als es erhält.
April 12, 2011 - ח' ניסן תשע"א
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Wollschaf1 Comment
Es geht um Strickschriften. Falls du lieber nach Strickschriften als nach ausgeschriebenen Angaben für Strickmuster strickst, wie sehen die aus, die du am Besten lesen kannst bzw. am liebsten magst? Es gibt ja solche, die für jede Masche ein Symbol haben und solche, bei denen die rechte Masche ein weißes Kästchen ist und kein eigenes Symbol hat. Wie also sieht deine Lieblingsstrickschrift aus und warum ist das so? Und wie verfährst du, wenn du einen Pullover, ein Tuch, eine Socke oder was auch immer stricken möchtest und die Strickschrift ist nun gerade so eine, die du nicht bevorzugst?
Also, um ehrlich zu sein: Mir ist das völlig wurst. Ich hatte noch nie eine Strickschrift, bei der ich von Abneigung erfasst wurde, wenn ich sie betrachtete, und ich stricke mit allen Arten der Notierung, ohne überhaupt darüber nachzudenken.
April 11, 2011 - ז' ניסן תשע"א

Dieses Buch hat keine praktische Funktion, es bringt einem nichts bei (es sei denn, man projektiert die Anschaffung einer Schafherde), es hilft dem modernen Strickenden von heute nicht die Spur weiter, es ist nur eines: einfach schön.
Porträtiert werden prämierte Vertreter und Vertreterinnnen 40 klassischer Schafrassen auf jeweils einer Doppelseite; einer kurzen Textinformation steht ein ganzseitiges Foto der formidablen Tiere gegenüber. Die Auswahl reicht von “ach ist das süß, das möchte ich knuddeln” bis hin zu “nee, da geh ich nicht zu nah ran”, wobei mir gerade das Manx Loaghtan besonders gut gefällt.
Das Buch gibt einen wunderbaren Einblick in die Vielfalt dieser wunderbaren Tiere, wie gesagt, einfach schön.
April 11, 2011 - ז' ניסן תשע"א

Nun ist es so weit, die Nomadenweste ist fertig gestrickt (bis auf die Blenden). Und natürlich die Steeks.
Now I almost finished the Nomad vest, just the edge has to be knitted. And, of course, the steeks.

Zunächst wird mit einer Häkelkante fixiert.
First the steek is fastened with a crochet border.
Und nun müsst Ihr ganz stark sein. Ich bitte alle Zartbesaiteten, dieses Blog nun zu verlassen. Kinder und Schwangere zuerst.
And now you’ll have to be very strong. I politely ask all my somewhat touchy readers to leave this blog immediately. Children and pregnant women first, please.

Denn nun wird geschnitten.
Because now the cutting follows.

Die Operation war ein großer Erfolg: Dem Patienten geht es gut, und die rote Kante ist nur ein Provisorium, das ich auftrenne, wenn ich die Maschen für die Blende aufnehme.
The operation was a huge success, the patient is well, and the red border is provisional, I’ll rib it when picking up the stitches for the border.
April 10, 2011 - ו' ניסן תשע"א

Dies ist ein typischer Grünstreifen in einem gutbürgerlich, altlinks-alternativ angehauchten Viertel. Es ist gar nicht so schlecht, denn es ist noch Gras da.
This is a typical bit of green in a rather normal Hamburg neighbourhood (mostly liberal, left-wing people live here). It’s not too bad, there is still some grass growing.
Aus der Nähe liegt einiger Müll dort, nichts Großes, eher Kaffeebecher, Papiere und Kippen. Obwohl man ihn nur auf den zweiten Blick sieht, war es doch eine halbe mittelgroße Tüte voll.
Coming closer, you can see it’s a bit of garbage there, no big deal, it’s more like coffee mugs, some paper, and lots of butts. It filled a half of a middle-size plastic bag.
Das Grün, das so eine Art Rasen sein soll, ist ungepflegt und spärlich. Es wird vom Gartenamt einmal im Jahr gemäht, und es ist so langweilig wie fast alles, was das Gartenamt so produziert. Aber was soll man von einer Behörde erwarten, die Bäume “raumübergreifendes Großgrün” nennt?
The green is meant to be some sort of lawn, but it’s untended and scarce. Hamburg’s city gardeners do some lawn mowing once a year, and that’s it. And it’s as boring as almost everything this service does. But what can be expected from a civil service that calls trees “space-overlapping large green”? (Yeah, this is Germany!)

Zu reinen Versuchszwecken habe ich versucht, Samenbomben herzustellen. Es ist ganz einfach, und wer für fertige Geld ausgibt, ist verrückt. Sie bestehen aus vier Teilen Tonerde, einem Teil Blumenerde, einem Teil Samen und Wasser. Sie trocknen innerhalb von zwei Tagen. Ich habe eine Wildblumenwiesenmischung verwendet.
For mere testing purposes I tried to produce some seed bombs. It’s really simple, and the ones who pay for ready mades are somewhat mental. They’re made of four parts of aluminium oxide, one part of potting soil, one part of seeds, and water. They dry within two days, and I took a blend of wildflower seeds.
Um ehrlich zu sein, sehen sie aus, wie die Kugeln, die Mistkäfer aus ihrer Kacke produzieren, aber ich denke, sie würden funktionieren, wenn man es versuchen würde.
To be honest, they look a bit like the pellets dung beetles produce from their shit, but I’m sure they would work if one tried it.
April 7, 2011 - ג' ניסן תשע"א

Heute waren wir in dieser Gegend unterwegs, und Kenner werden wissen, wo das ist: Nämlich am Fischmarkt in Altona. Dort befindet sich das Stilwerk.

Das Stilwerk befindet sich in einem alten Speicherhaus, das ehemals als Mälzerei diente. Heute ist es eine Art Einkaufszentrum für Gegenstände der sehr gehobenen Art, vor allem wird hier Wohnkultur vermittelt und auch verkauft -auf sechs Stockwerken. Im siebten gibt es Raum für wechselnde Ausstellungen.

Die Architektur in dieser Gegend ist eine Symbiose aus Alt und Neu; historischer Baubestand (Speicherhäuser) wurden durch moderne Elemente ergänzt.

Der ursprüngliche Charakter der Bauten ist noch erkennbar.

Die Flutbrücke verbindet die am Wasser gelegenen Gebäude mit dem dahinter befindlichen Stilwerk (da schwappt es nicht ganz so schnell hinein), und da im Fall einer Überflutung er unteren Stockwerke ein paar Milliönchen an Waren dahin- oder besser hinfortschwämmen, wurde der Bau mit flutsicheren Toren ausgerüstet.

Der Eingang.

… und das modern-funktional und sehr geschmackvoll gestaltete Innere.

Das Stilwerk beherbergt zwei gastronomische Betriebe: ein Restaurant und eine Bar-Café-Bistro-Mischung, und letzteres war unser diesmaliger Ort der Tat.

Zunächst gab es Tee bzw. Milchkaffee und Kuchen.
Dann kamen wir zur Sache:

Die Nomadenweste in ihrer ziemlich vollendeten Pracht, und (leider sehr am Rand) eine Weste aus Shetlandwolle in Aranstärke.
Das Café im Stilwerk ist unter der Woche angenehm leer (am Wochenende sieht es anders aus), und man strickt bei einer schönen Helligkeit und chilliger Musik.

Blick von oben auf das Bistro-Café/die Bar.
April 6, 2011 - ב' ניסן תשע"א

Diesmal ist es kein Strickbuch, das ich vorstelle, aber eines, das mich fasziniert und inspiriert, und das kommt in einer unüberschaubaren, aber auch recht einförmigen Bücherlandschaft leider immer seltener vor: Guerilla Gardening von Richard Reynolds.
Der Autor stammt aus dem Mutterland des Gärtnerns, aus England, und hat sich seit Jahren der Verschönerung des öffentlichen Raums mittels illegaler Pflanzungen verschrieben. Dabei geht es immer um Areale, die nicht in privater Hand sind und die vernachlässigt werden: Brachen, Abrissgrundstücke, Baumscheiben, Verkehrsinseln, was eben so da ist. Es ist ja ein internationales Phänomen, dass es eine Menge Grund gibt, von handtuchklein bis hektargroß, der im städtischen Raum vor sich hin verkommt, vermüllt wird und vernachlässigt ist. Der Aufwertung dieser Parzellen widmet sich dieses Buch.
Ausdrücklich nicht gemeint ist:
- Nachbars Garten, der aussieht wie ein Trümmergrundstück, eigenmächtig aufzuwerten
- öde städtische Bepflanzungen, in denen Eisblumen oder Stiefmütterchen stehen wie die Soldaten, durch eine zeitgemäßere, naturnähere oder interessantere Bepflanzung so umzubauen, dass es einem besser gefällt
- seinen eigenen oder einen gepachteten Schrebergarten zu gestalten. Das kann man natürlich tun, und es ist auch schön, aber das ist hier nicht das Thema.
- in einem Naturschutzgebiet, Wald oder ähnlichen naturnahen Anlagen nun auf einmal Rosenbeete anzulegen. Das wäre deplatziert und Aktionismus an der falschen Stelle (da ist es schon schön und braucht menschliche Eingriffe nicht). Guerilla Gardening ist ein Konzept, das für den ( meist groß-) städtischen Beton- und Asphaltdschungel erdacht wurde und auch nur dort wirklich Sinn macht.
Das Buch enthält einen theoretischen, einen praktischen und einen erzählenden Teil, in dem von aktiven Gärtnerguerilleros berichtet wird, vor allem in Großbritannien und den USA, aber auch in Berlin oder Amsterdam. Sprachlich lehnt es sich den Klassikern der Guerilla-Literatur an, ist also dem Sprachgebrauch des linken Spektrums verpflichtet, was insofern lustig ist, da der Gedanke “tu was für Deine Stadt und frage nicht, was Deine Stadt für Dich tun kann” einer ist, den man eher im konservativen Millieu vermuten würde. Das liest sich teilweise richtig lustig, aber nur, wenn man die Mao-Bibel und ähnliche Klassiker der politischen Literatur nicht für das Sechste Buch Mose hält, sondern da auch mal reingeguckt hat. Der gärtnernde Guerillero schießt und bombt nicht, sondern gräbt, gießt, jätet und pflanzt.
Der historische Teil widmet sich – wie der Name schon sagt – der Geschichte illegaler Pflanzungen im öffentlichen Raum, die (zumindest dokumentiert) bis ins England des siebzehnten Jahrhunderts zurückreicht und in der Hippie-Ära einen gigantischen Aufschwung erfuhr. Es werden auch die politischen Motive erörtert, die die meisten wilden Gärtner heutzutage motivieren, aber auch auf die illegalen Versorgungsbegrüner eingegangen, die nicht nur die Umwelt aufwerten, sondern sich von dem Gepflanzten auch ernähren wollen. Letzteres ist in Großstädten nicht immer empfehlenswert, da Grundstücke belastet sein können, was die Produkte dieser Minaturplantagen ungenießbar macht.
Der praktische Teil führt den angehenden gärtnernden Anarchisten in die Tücken des Guerilla Gardenings ein. Es droht nicht nur Ungemach durch professionelle oder Hobby-Gesetzeshüter, sondern auch durch Vandalen, Souvenirjäger oder Blumenfreunde. Auch Hunde und Kleinkinder können die Pflanzung bedrohen. Illegal ausgewilderte Pflanzen können nicht gehegt und gepflegt werden wie der eigene Garten, daher ist auf eine gewisse Robustheit zu achten; man wähle in jedem Fall pflegeleichte Gewächse. Auch auf die mangelnde Umweltverträglichkeit mancher Pflanzen wird mehrfach hingewiesen: Der Guerilla-Garten soll bereichern, aber die angestammte Flora nicht verdrängen (sonst ist es wie mit dem berüchtigten Sachalin-Knöterich, der öde hellgrüne Wände bildet, in denen nichts anderes mehr gedeiht und den man auch nicht loswird). Invasives Grün ist also zu vermeiden, der Hang zu allzu großer Exotik auch.
Außerdem gibt es praktische Tipps für empfehlenswerte Pflanzen, Hinweise für die Herstellung von Saatgutbomben, für eine guerillataugliche Ausrüstung, die aussieht, als wäre sie keine oder die leicht zum Verschwinden gebracht werden kann (man muss mit dem Kram ja nicht nur hin, sondern vielleicht auch ganz schnell wieder weg), für unauffällige aber praktische Bekleidung und vieles mehr. Dazu gehört auch, erst mal den Müll auf der Parzelle zu sammeln und zu entsorgen (einfach) oder die Urbarmachung von Schuttgrundstücken (aufwändig).
Lustig sind die Praxisberichte. Hier erfährt man, dass manchmal meterhohe Bäume durch die Stadt transportiert werden, um eine neue Heimat in einem vernachlässigten Grünstreifen zu finden, und ein Brüller ist der Niederländer, der sich eine Schutzweste überzieht und, getarnt als städtischer Gärtner, am hellichten Tag mit einem riesigen Spaten die Erde aufgräbt, um etwas zu pflanzen.
Das Buch betont, dass es sich bei dieser volksnahen Unterstützung der städtischen Gartenämter um eine illegale, wenn auch oft geduldete Tätigkeit handelt, solange man sich auf ungeteerte Randstücke beschränkt und nicht etwa die durch die Stadt verlaufende Hauptverkehrsader aufmeißelt und durch frisches Grün aufwertet, weil man das schöner findet und es sowieso zu viele Autos gibt. Es versteht sich also von selbst, dass die gärtnerische Tätigkeit nichts und niemanden behindern darf (Fensterbanknazis und Hobby-Blockwarte zählen da übrigens nicht, die sind eh unwichtig). Doch da man immer mit Störungen durch irritierte Personen (Trachtengruppen, Passanten, selbsternannte Nachbarschaftswachen, Obdachlose) rechnen muss, finden aufwändige Aktionen meist im Schutz der Dunkelheit statt, während man ein paar Samen verstreuen oder ein zartes Pflänzchen aus einer Flasche bewässern auch im Vorbeigehen machen kann.
Als ich das Buch abholte, gab es übrigens folgenden, recht lustigen Dialog mit der Buchhändlern (einer jungen, schicken Frau, nicht dem “Alles eh zu spät”-Typ):
ich: Guten Tag, ich habe ein Buch bestellt.
sie (besagtes Werk aus dem Regal ziehend): Na, fängt die Pflanzsaison an?
ich: Das ist nur zu Informationszwecken.
sie: sicher doch
wir beide: *grins*
Es ist auf jeden Fall ein lohnendes Buch, gibt es doch Einblicke in einen Aspekt der urbanen Kultur, deren Vertreter sich nicht mit Vernachlässigung, Vandalismus, städtischer Verödung und Gleichgültigkeit abfinden wollen. Wen der ausführlich dargelegte politische Aspekt des Guerilla Gardening nervt, der wird an den Farbfotografien Gefallen finden, die sehr unterschiedliche Beispiele des illegalen öffentlichen Gärtnerns zeigen, von riesig-parkähnlich bis hin zu winzig klein.
Natürlich habe ich es nur zu Informationszwecken gelesen, nicht etwa zur praktischen Umsetzung, denn wo kämen wir da hin, wenn jeder einfach irgendwo was pflanzt?
*grins*
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