November 1, 2010 - כ"ד חשון תשע"א


Und wieder eine Wollschaffrage:

Wo ist die Grenze zwischen “gerne stricken” und richtig “stricksüchtig sein”? Wo ordnest Du Dich ein? Gehst Du Käufe eher nüchtern an und kaufst genau für Dein Projekt ein oder kannst Du Dich in einem Wollgeschäft “nicht beherrschen” und kaufst eher wahllos ein. Hast Du ein kleines Strickkörbchen manierlich mit einem Projekt da stehen oder erstickst Du in Wollknäueln? Was ist eigentlich Stricksucht? (Ich gehöre übrigens zu den Stricksüchtigen!)
Ich würde mich als leidenschaftliche Strickerin bezeichnen, und wenn ich irgendwo unterwegs bin und mich langweile, dann bin ich immer froh, etwas zum Stricken dabei zu haben. Zum Stricken habe ich eigentlich fast immer Lust, und wenn es nur etwas ganz Einfaches ist (also ein Mindless-Projekt), das ich nebenbei stricke. Ob das jetzt nach neuesten psychologischen Erkenntnissen eine Sucht ist, weiß ich nicht, und es ist mir auch völlig wurscht, weil gerade diese Zunft dazu neigt, jedes Verhalten, das irgendwie von der Norm abweicht, zu kategorisieren und als Krankheit oder Sucht zu klassifizieren.

Mein Einkaufsverhalten ist eher selektiv, meist kaufe ich für konkrete Projekte, ganz selten mal “einfach so”. Ich achte sehr auf Zusammensetzung und Qualität, sodass die meisten angebotenen Garne für mich nicht interessant sind, und die kaufe ich dann auch nicht, egal ob sie einmalig günstig (z. B. saisonale Angebote bei Discountern) oder Sonderangebote sind. Wenn ich ein einmalig schönes Garn sehe, z. B. im Urlaub, kann es sein, dass ich auch mal ins Blaue hinein kaufe und mir später überlege, was ich daraus mache. Aber ich habe ja auch einen kleinen Stash, auf den ich zurückgreifen kann.

Meine Projekte ufern momentan leider etwas aus, ich habe viel angefangen und muss mich jetzt zusammenreißen, die Sachen auch mal zu beenden, da mich die Projektbeutel langsam nerven. So etwas passiert bei mir phasenweise.

Eine Wohltat für jeden “Purl-Hasser” und für die, die beim Entrelac das ewige Wenden nervt: das Rückwärtsstricken.

Da alle Anleitungen von Leuten aus dem amerikanischen Raum erstellt wurden, wird der Faden rechts gehalten. Es funktioniert jedoch genauso gut, wenn man als Kontinentalstricker den Faden links hält. Erfahrungen als Thrower (z. B. durch Fair-Isle-Stricken) sind von Vorteil (dann lernt es sich schneller), aber nicht Bedingung.

A treat to any hater of the purl or to all who are tired of the all-time “turn work” when knitting entrelac: knitting backwards.

Since all instructions I found come from the USA, they show the procedure with the thread on the right side. But it works as well when holding the yarn on the left (continental methods or “pickers”). It’s an advantage if you have throwing experience (Fair-Isle-Knitting), but it’s not mandatory (you’ll probably get used to it a bit quicker).

Die Technik ist auch auf der DVD “Knitting Glossary” mit Elizabeth Zimmerman zu sehen oder in dem Buch “Entrelac” von Rosemary Drysdale beschrieben.

You can find the technique on Elizabeth Zimmerman’s DVD “Knitting glossary” as well, or in the book “Entrelac” by Rosemary Drysdale.

Ich mag diese vornehme Schwester des modularen Strickens schon, aber was ich nicht so mag, ist das dauernde Wenden nach wenigen Maschen. Nun habe ich mich mal zusammengerissen und gelernt, wie man glatt rechts stricken kann, ohne das Projekt wenden zu müssen und ohne linke Maschen zu stricken. Es ist sehr praktisch, geradezu lächerlich einfach und geht bedeutend schneller. Warum nicht gleich so?

I like the modular knitting’s noble sister, but what I deeply dislike about it is the fact that one has to turn the project every few stitches. Now I decided to pull myself together for learning to knit stockinette stitch without turnings and purls. It’s highly practical, unbelievably simple and much quicker than the conventional method of flat knitting. Why didn’t I learn this much earlier?

Wenn man mit der Überzeugung konfrontiert wird, dass Stricken spießig ist, kann man die Gender- bzw. Geschlechterfrage beim Nachdenken, wie jemand zu dieser Auffassung kommt, nicht außer acht lassen, oder man ist auf diesem Auge blind.

Dass die häusliche Handarbeit nicht dieselbe Wertschätzung genießt wie das, was man landläufig mit Handwerk assoziiert, habe ich in Teil I meiner Meditation bereits ausgeführt. Es ist eines der heute noch sichtbaren Ergebnisse einer langen historischen Entwicklung, die bis in die frühesten Gesetzgebungen hinein nachweisbar ist. Ein prominentes Beispiel ist, dass man (und gemeint sind Männer) in der Antike darüber diskutierte, ob Frauen überhaupt eine Seele haben (die Mehrheit tendierte dazu, die Frage mit Nein zu beantworten), und selbst wenn Historiker eine Kultur dafür belobigen, dass die Frau eine hohe Stellung in der Gesellschaft innehatte, so heißt das meist nicht, dass sie die gleichen Rechte wie männliche Stammesangehörigen oder Landsleute hatte. Selbst wenn eine Kultur der Frau Rechte zubilligte, die ein Mann nicht hatte, so fehlten die Rechte meist an anderer Stelle, und oft genug kann man eine diesbezügliche Schieflage zuungunsten der Frau feststellen (weswegen ich es allgemein vermeide, frühere Kulturen in Frauenfragen zu belobigen). Die völlige Entrechtung der Frau kennen wir aus der klassischen Antike, aber auch aus dem Mittelalter, und auch im Zeitalter der Aufklärung meinten die meisten, die Menschenrechte einforderten, Männerrechte. In der Kunst verlief die Entwicklung parallel; während man Frauen zwar Akribie, die Fähigkeit zur sauberen Ausführung und endlose (oft erzwungene) Geduld nachsagte, sprach man ihnen die Befähigung zum großen geistigen Wurf, zur eigenständigen künsterischen Schöpfung meist ab. Die wenigen Frauen, die es schafften, sich im Kunstbetrieb vergangener Jahrhunderte zu etablieren, blieben die absolute Ausnahme. Selbst das Kunsthandwerk, also Metall- oder Holzverarbeitung, Glasherstellung etc. blieb ihnen verwehrt, da diese Sparten in Zünften oder zunftähnlichen Strukturen organisiert waren, zu denen Frauen nur in Ausnahmefällen Zutritt hatten.

Dass die weibliche Handarbeit sich kontinuierlich und weitgehend unter Ausschluss einer breiteren Öffentlichkeit zu einem hohen Niveau entwickeln konnte, hat praktische Gründe: In einer Zeit, in der jeder Faden, den man brauchte, gesponnen und jedes Stück Stoff gewebt werden musste, fiel diese Produktion für den familiären Eigenbedarf in die Verantwortlichkeit der Frau. Dasselbe galt lange für die Herstellung von Kleidung mittels Stricken; Männer benötigten sozusagen Funktionskleidung (Fischerpullover etc.), deren Erwerb bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und teilweise darüber hinaus einfach zu teuer war. Hinzu kommt, dass das Werkzeug, also Spindeln, Spinnräder, Webstühle, Strick- und Häkelnadeln ohne großen technischen und finanziellen Aufwand im erweiterten Umfeld hergestellt und problemlos ihren Platz auch noch in der kleinsten Hütte fanden. Bei einem Schmelzofen o. ä. wäre das bedeutend schwieriger gewesen.

Die Diskriminierung im Bewusstsein setzte sich auch in der Kunst übrigens noch im 20. Jahrhundert fort, als man mit Aufkommen der abstrakten Kunst Frauen die Fähigkeit zur Abstraktion absprach – obwohl Künstlerinnen wie Sophie Täubner-Arp diese absurde These eindrucksvoll widerlegten und Frauen zu dieser Zeit in vielen Ländern Europas bereits das Wahlrecht hatten und Universitäten erfolgreich abschlossen.

Dass dieser Bullshit sich – wenn auch reduziert – fortsetzt, merkt man daran, dass mit Ausnahme von Leuten, die geistig eher in der Bronzezeit angesiedelt sind, niemand mehr einer Frau die Fähigkeit zum künstlerischen Ausdruck absprechen will, nur weil sie eben eine Frau ist. Doch Handarbeiten werden immer noch eher in handwerklich-technischer als in künstlerischer Hinsicht geschätzt werden. Das wird den meisten Handarbeiten sicherlich zu; z. B. bei einer einfachen gestrickten Socke oder einem Pullover nach Anleitung oder nach Schema F (und das sind vom Tragekomfort her oft die besten…). Dies ist m. E. nicht diskriminierend, da auch nicht jedes gemalte Bild unbedingt Kunst ist (auch Malen und Zeichnen hat mehr mit Handwerk zu tun, als man so denkt).  Aber es trifft eben auch die DesignerInnen oder KünstlerInnen, die neue Wege gehen, Techniken neu anwenden, mischen und interpretieren, kühne Kreationen schaffen, die gewiss nicht dafür gedacht sind, beim Einkauf im Supermarkt getragen zu werden. Den meisten, die über das Stricken sprechen, sind solche Dingen nicht mal bekannt; sie sind somit der Betrachtung entzogen, werden nicht berücksichtigt und damit unsichtbar.

Das ist in Zeiten des Internets nicht viel anders; zwar gibt es dort die Möglichkeit des Austauschs weltweit, wovon StrickerInnen gewaltig profitieren können, da sich ihnen nun Dinge erschließen, die ihren Großmüttern ihr Leben lang nicht begegneten, aber dennoch ist es eine Welt für sich, die von Nicht-Strickern maximal in der Hinsicht wahrgenommen wird, dass es sie überhaupt gibt (Das gilt natürlich auch für alle anderen Bereiche; so weiß ich von der Welt der Aquaristik und unzähligen anderen auch nur, dass sie existiert).  Doch während Tarantelhalter, Aquaristen, Modellbauer etc. in ihren virtuellen Parallelgesellschaften ihrem Hobby weitgehend ohne Wertung von außen nachgehen, ist das bei den Strickern anders. So benutzten sogenannte A-List-Blogger den Begriff “Strick- und Katzenblog” in abwertender Weise, da dort ja nur ein paar nicht ausgelastete Dämchen ihre putzeligen Hobbies austauschen, ohne Inhalte von gesellschaftlicher oder sonstiger Relevanz zu produzieren. Natürlich ist ein Blog nur so gut wie der Inhalt, der dort aufbereitet wird, aber dies gilt mit Verlaub für jede Art von Blog, und dass es auch strickende und bloggende Männer gibt, ist im Bewusstsein der meisten noch überhaupt nicht aufgetaucht.

Überhaupt haben strickende Männer auch einiges Ungemach auszuhalten: Sie sehen sich nämlich nicht nur dem Vorwurf ausgesetzt, einer spießigen Tätigkeit nachzugehen, sondern auch meist noch der Unterstellung, schwul zu sein. Nun ist die Frage der sexuellen Orientierung in jedem Bereich außer dem sexuellen wirklich ganz und gar belanglos und nur bei konkreten Paarungsabsichten zu berücksichtigen; aber dennoch hält sich das offen diskriminierende Vorurteil hartnäckig, was manche Männer zu der etwas abstrus wirkenden Rechtfertigung “ich stricke/häkele/sticke, aber ich bin nicht schwul” treibt. Wie lächerlich eine Gesellschaft, die einem Mann dieses Geständnis abverlangt, ist, merkt man, wenn man stricken/häkeln/sticken durch Auto fahren, ins Fitnessstudio gehen, lesen, wandern oder ähnliches ersetzt. Von der Problematik, dass ein homosexueller Mann in jeder  Hinsicht genauso Mann ist wie ein heterosexueller mal ganz abgesehen. Auch der strickende oder einer ähnlichen Tätigkeit nachgehende Mann sitzt also in der Genderfalle. Und die wird ihm auch von Frauen gestellt.

Ich finde es toll, dass man immer wieder liest oder hört, dass Frauen sich nicht benachteiligt fühlen, es freut mich persönlich, dies zu hören, aber ich kann diesen Frauen wirklich nur empfehlen, mal auf die Zwischentöne zu hören oder einfach auf einer Party ihre Stricksachen zu präsentieren.

Glücklicherweise hat sich da schon einiges geändert; jüngere Männer, die oft ihre Mütter als eigenständige, oft arbeitende Wesen mit eigener Meinung und finanzieller Ausstattung kennengelernt haben, sind geistig wesentlich flexibler als die, die in traditioneller denkender und handelnder Umgebung aufwuchsen. Sie stehen auch einer der Handarbeit zuzuordnenden Tätigkeit meist offener gegenüber.

Zu diesem Post hat mich die liebe Distel inspiriert, der ich dafür ganz herzlich danken möchte.

Eine Leserin fragte nach Büchern, die sich mit dem historischen Aspekt des Handstrickens beschäftigen. Die meisten widmen sich in einem historischen Abschnitt einem sehr begrenzten Bereich (der nicht immer wirklich relevant ist), was die Sache entsprechend mühsam macht.

A reader asked for books which are dedicated to the historical aspect of hand knitting. Most of the publications are rather specialized, then there is one chapter included which is not in every case of any relevance. This makes the search rather difficult.

Hier kommt also eine Liste (ohne Anspruch auf Vollständigkeit).

Well, here is a list (which, of course, is not complete):

Stricken allgemein / Hand knitting in general

  • Richard Butt – A History of Hand Knitting (out of print).  Behandelt das Thema umfassend, enthält ein paar sachliche Fehler (aber irgendwas ist ja immer …)

Diverse Traditionen / Mixed Traditions

  • Donna Druchunas: Ethnic Knitting: Discovery: The Netherlands, Denmark, Norway, and The Andes. Anleitungen
  • dies.: Ethnic Knitting: Exploration: Lithuania, Iceland, and Ireland, Anleitungen
  • Priscilla Gibson-Roberts: Ethnic Socks and Stockings – Socken aus Osteuropa

Baltikum / The Baltic States

  • Lisbeth Upitis: Latvian Mittens
  • Nancy Bush: Folk Knitting in Estonia

Lace

  • Sharon Miller: Heirloom Knitting – Über Shetland Lace, mit Anleitungen
  • dies.: Heirloom Knitting’s Shetland Hap Shawls – Über hap shawls, mit Anleitungen
  • dies.: The Lerwick Lace Shawl. A study in knitted lace design – mit Anleitung
  • Jane Sowerby: Victorian Lace Today – mit Anleitungen

Nordisch Stricken (/ Nordic Knitting

  • Vibeke Lind – Knitting in the Nordic Tradition (out of print) – Mit Anleitungen
  • Susanne Pagoldh – Nordic Knitting – Thirty-one patterns in the scandinavian tradition (out of print)
  • Annemor Sundbo – Setesdal Sweaters – mit Anleitungen
  • dies.: Invisible Threads in Knitting, Anleitungen
  • Solveig Hisdal: Poetry in Stitches – über traditionelle norwegische Strickkunst, Anleitungen
  • Inger Fredholm: Knitting with a Smile – über schwedische Strickkunst, Anleitungen
  • Wendy Keele: Poem of Colors – Bohus-Rundpassenpullover, Anleitungen

Fischerpullover

  • Henriette Van Der Klift-Tellegen: Knitting from the Netherlands (out of print) – Mit Anleitungen
  • Gladys Thompson: Patterns for Guernseys, Jerseys, and Arans (recht viel Historisches und eine Fundgrube für Muster, letztere leider mit vielen Fehlern)
  • Mary Wright: Cornish Guernseys and Knit-Frocks (keine Anleitungen für Pullover, Mustersammlung)

Deutscher Kulturkreis / German culture area

  • Irmgard Gierl: Alte Strickkunst (out of print, eher alpenländisch orientiert und musterlastig)
  • Liesl Fanderl: Bäuerliches Stricken (out of print, eher alpenländisch)

Es gibt noch ein paar ältere Bücher (und natürlich noch viele andere, die sich mit historischen Techniken beschäftigen), aber nicht alle haben einen akzeptablen historischen Teil.

There are, of course, plenty of older books (out of print) and many more which are dedicated to historical knitting techniques, but not all of them have a chapter dedicated to history which can be called at least “acceptable”.

Nachdem das Wollschaf umgezogen ist und die Fragen wieder interessanter werden, mache ich mal wieder mit.

Welche Strickbücher stehen überwiegend in eurem Schrank?
Hier eine Entscheidungshilfe, evtl. für eine Rangfolge:


a) Musterbücher für die eigenen Designs

Da habe ich einige, besonders die mehrbändigen Ausgaben von Barbara Walker, Vogue etc. Weniger interessant sind für mich die etwas trashig daherkommenden, preislich allerdings sehr günstigen Kompendien, die es manchmal auf Wühltischen gibt.


b) Technik- und Grundlagenbücher wie von Katharina Buss, Hanna Jaacks, Nicky Epstein, etc..

Habe ich, allerdings nur zwei. Irgendwann ist es mal gut mit den Grundlagen …

c) Sockenanleitungen

Diverse. Besonders für ausgefallene Designs. Allerdings kaufe ich da nur noch ganz besondere Sachen, denn es wiederholt sich einfach zu viel.

d) Designerbücher wie Starmore, Fassett, Schulz, etc.

Ebenfalls diverse. Wenn ich den Designer mag. Sonst kaufe ich das nicht (das Gruselbuch von Nicky Epstein war ein Ausrutscher …)

e) Magazine und Hefte wie Rowan International, Knitters, Verena, Sabrina etc.

Ich habe die Interweave Knits abonniert und kaufe oft das Rowan-Heft. Verena & Co. üben keinen Reiz auf mich aus. Es ist nicht so, dass mir in der Interweave alle Modelle gefallen (seit Eunny Jang übernommen hat, wird es immer weniger), aber die sonstigen Beiträge sind nach wie vor interessant für mich. In deutschen Heften ist das nicht so.

f) Klassiker wie Elisabeth Zimmermann, Barbara Walker, Lisl Fanderl etc.

Habe ich, sind mit die wichtigsten Bücher, die ich besitze.

g) Romane, die das Stricken zum Thema haben

Nee. Das einzige Stück Literatur, das das Stricken thematisiert und dass ich literarisch ansprechend fand, war “A Needle for the Devil” von Ruth Rendell (eine Kurzgeschichte). Der Rest, den ich angelesen habe? *schnarch*.


h) Schön bebilderte großformatige Bücher wie Nordic Knitting, Poetry in Stitches etc.

Ja, wenn mich die Anleitungen ansprechen.


i) Neuerscheinungen, egal welcher Richtung

Das kommt auf die Neuerscheinung an. Es wiederholt sich sehr viel, sodass man bei vielen Büchern das Gefühl hat, das alles irgendwie schon mal irgendwo gesehen zu haben. Ich kaufe Neuerscheinungen nur, wenn sie mir etwas Neues bringen und Modelle beinhalten, die ich attraktiv finde.
Was mir noch fehlt: Bücher zu speziellen Stricktechniken wie Double Knitting, Entrelac, Brioche, Fair-Isle, Aran etc.

Was mir auch fehlt: Bücher, die sich dem historischen Aspekt des Stricken widmen. Da habe ich auch einige.

Man lernt nie aus, und eine Diskussion bei Ravelry hat mir durch die Eigenwilligkeit und die Argumentation neue Horizonte eröffnet, da manche der angeführten Argumente mir bei Diskussionen zu einem kulturhistorischen Thema völlig unbekannt waren und ich da auch niemals selbst darauf gekommen wäre. Jedenfalls hat mich diese sehr lehrreiche Diskussion dazu angeregt, wieso Stricken als spießig gilt und warum, und was spießig eigentlich bedeutet.

Spießig?

Über den Begriff “spießig” dürfte ungefähr dieselbe Einigkeit herrschen wie darüber, was schön, hübsch, niedlich, lecker, häßlich oder kitschig ist. Der Begriff “spießig” ist vielleicht noch mehr als der Schönheitsbegriff einem zeitlichen und gesellschaftlichen Wandel unterworfen. So dürfte heute unter Menschen unter fünfzig eine weitgehende Einigkeit darüber herrschen, dass der in Öl geronnene röhrende Hirsch aus dem Kaufhaus nun eindeutig spießig ist, auch auf die Schrankwand in Gelsenkirchener Barock  mit gelben Butzenscheiben (sorry an alle Gelsenkirchener an dieser Stelle, ich habe den Begriff nicht erfunden …) wird man sich größtenteils noch verständigen können, aber da hört es dann auch schon auf – und bei Menschen über 70 dürfte die Akzeptanz derartiger Produkte deutlich höher ausfallen.  Spießig bedeutet immer auch provinizell, rückständig, altmodisch und unbedarft, es impliziert den fehlenden Mut zu geistiger Weite, erweiterten Horizonten und eigenständiger gedanklicher Leistung. Somit ist klar: Spießig sind immer die anderen. Spießigkeit ist mehr als ein ästhetischer Begriff, es drückt immer auch eine Lebenseinstellung aus, und zwar eine von Leuten, denen man nach Möglichkeit aus dem Wege geht.

Spießigkeit hat jedoch auch eine visuelle Komponente, und zwar, wenn man Gegenstände durch ihre äußere Erscheinung einer spießigen Lebenseinstellung zuordnen kann – oder, genauer: einer Lebenseinstellung, die man selbst für spießig hält. Wobei man diese Gegenstände durchaus differenziert betrachten kann, dann wird man den Gegenstand quasi zerlegen in die ästhetische und die handwerkliche Komponente. So ist man auch durchaus imstande, die handwerkliche Perfektion eines gruseligen Pullovers in dem Stil zu würdigen, der hierzulande als “norwegisch” bezeichnet wird, auch wenn man persönlich mit diesem Teil nicht mal in der tiefsten Provinz tot über dem Zaun hängen möchte. Kurz gesagt: Viele von uns haben erkannt, dass nicht alles, was gestrickt wird, schön, zeitgemäß und tragbar ist, auch wenn es handwerklich perfekt ist. Eine Sonderrolle nehmen hier die Handarbeiten ein, die einen hohen ästhetischen Wert haben, aber von ihrer äußeren Erscheinung nicht mehr recht zu modernen Einrichtungen oder zum modernen Leben passen. Die wird man vielleicht nicht als spießig bezeichnen, aber man legt das Deckchen doch nur aus, wenn Tante Gertrud zu Besuch kommt, da es zur Einrichtung im funktionalen Stil doch nicht so ganz passend wirkt.

Das gilt auch für das weite Feld des Kitsches: Der kommt durchaus zu Ehren, als reizvoller Kontrast in einer fremdartigen Umwelt, wo er die perfekte Harmonie aus Farbe, Form und Funktion auf nicht minder perfekte Weise stört, sodass das Ergebnis den Touch der Unvollkommenheit aufweist, die das Vollkommene erst erträglich machen. Oft hört man “Ich hab’s auf dem Flohmarkt gekauft, es ist natürlich total kitschig, aber ich musste es einfach haben. Auf dem Regal im Wohnzimmer wird es perfekt sein”, und dann nickt man verständnisvoll und denkt versonnen an den eigenen, liebgewordenen Kitsch in der eigenen Wohnung. Tauscht man das Wort “kitschig” durch “spießig”, wird einem das nicht passieren (die, die das Wort ironisch-spielerisch verwenden, lasse ich mal außen vor). Kitsch hat seine Liebhaber, Spießigkeit nicht, und die, die das mögen, was andere als spießig empfinden, werden sich und diese Dinge kaum als spießig sehen (gern gebraucht wird hier das Wort “normal”, auch wenn eine gewisse Deckung mit dem Begriff “spießig” zwar vorhanden sein kann, aber in sehr unterschiedlichem Maße). Kitsch kann durchaus eine gewisse gesellschaftliche Anerkennung genießen, was Spießigkeit nicht tut – oder nur im Kreise anderer Spießer.

Die Außen- und die Innenwirkung

Viele von uns, die stricken oder andere Handarbeiten ausführen, lesen oder hören, dass diese erbaulichen Tätigkeiten, die wir gerne tun (denn sonst würden wir sie nicht tun), landläufig als “spießig” bezeichnet werden, logischerweise von Menschen, die nicht handarbeiten. Manche ärgert das, sodass umfangreiche Rechtfertigungen ins Feld geführt werden gegen die Ignoranten oder gar “Aufklärungsarbeit” gefordert wird. Die Ursache für diese Bewertung traditioneller Handarbeiten hat m. E. eine ästhetische Komponente und eine soziologisch-kulturhistorische, und die ästhetische erschließt sich vermutlich leichter.

Wer das Stricken oder andere Handarbeiten als spießig bezeichnet, wird meist auf seine eigenen Erfahrungen zurückgreifen, also das bewerten, was er gesehen hat (oder er tutet einfach nach, was andere mal gesagt haben, aber das ist nun wirklich völlig belanglos und kann getrost vernachlässigt werden). In dem Chor der Handarbeitsabwerter finden sich die, die durch Strickwaren aus der heimischen Produktion nachhaltig geschädigt wurden (oft liegt deren Jugend in den siebziger oder achtziger Jahren). Solche Strickwaren wurden oft von älteren Familienmitgliedern hergestellt, deren Geschmack einfach ein anderer ist als der nachfolgender Generationen und ohne Mitspracherecht bei Modell-, Muster- und Farbwahl. Diese Antwort erhält man oft bei Nachfragen, warum der Betreffende Handarbeiten denn spießig findet: Unfehlbar kommt die Sprache auf Mutter, Oma oder Tanten, die Dinge herstellten, die der Heranwachsende als hässlich und unzeitgemäß empfand – und zwar in einem Maße, dass die handwerkliche Meisterschaft völlig in den Hintergrund trat.

Oder es sind die, die mal eine beliebige Publikation zum Thema Handarbeiten in die Finger bekamen und das Gezeigte grauenhaft fanden, dass die das Heft oder Buch in die Ecke warfen, um sich mit dem Thema nie wieder zu beschäftigen. Viele Leute, die z. B. Gestricktes als spießig abtun, sind erstaunt, wenn man ihnen Gestricktes zeigt, dass nicht der erlernten Norm entspricht und oft überhaupt nicht als selbstgestrickt identifiziert wird – sondern als gekauft, was für hingebungsvolle Stricker ein eher zweifelhaftes Kompliment ist, so nett es auch gemeint sein dürfte. In beiden Fällen wird als spießig bezeichnet, was man als ästhetisch den eigenen Ansprüchen nicht genügend ablehnt, ohne dass man damit notwenigerweise den Lebensstil des Schenkenden in Frage stellt.

Zugleich spielt hier die Abwertung eine Rolle, die Handarbeiten allgemein seit etwa dem 18. Jahrhundert erfuhren. Als diese Handarbeiten überwiegend in zunftähnlichen Strukturen organisiert waren und – auf kommerzieller Ebene – von Männern ausgeführt wurden, waren sie natürlich nicht spießig, sondern kunstvoll und dem Handwerk zugerechnet. Durch die fortschreitende Industrialisierung, die ihren Anfang bereits im 18. Jahrhundert nahm, wurde die Herstellung von Textilien mit der Hand zunehmend in den häuslichen Bereich verdrängt, und es war natürlich auch kein Handwerk mehr, sondern Handarbeit. Das gilt sowohl für die Herstellung von Strick-, Häkel-, Näh-, Stick- und sonstigen Waren zum Zweck des Broterwerbs als auch für die Beschäftigung vornehmer Damen, die zwar weitgehend nutzlos war (da man den Kram auch kaufen konnte), aber wenigstens dazu diente, dass besagte Damen nicht aus dem Ruder liefen, sondern etwas zu tun hatten.

Handwerk = Handarbeit?

Beide Begriffe haben gemeinsam, dass sie etwas bezeichnen, was man mit der Hand hat; doch der Unterschied ist klein, fein und perfide, sodass er bis heute nachwirkt. Wir verstehen ihn heute eher intuitiv als intellektuell. Wenn man von “Handwerk” spricht, wird man kernige Zimmerleute vor dem inneren Auge haben, Schreiner, aber auch Klempner, Fliesenleger und Maler (nicht Kunst, die anderen). Das trifft den ursprünglichen Sinn nur zum Teil, denn das althochdeutsche werc hat eine schöpferische Komponente, die nachvollziehbar ist, wenn man an frühere Epochen von der Antike bis zur Neuzeit denkt, aber nicht so sehr, wenn man sich den Typen in Erinnerung ruft, der das Klo richtet (auch wenn diese Berufe durchaus eine schöpferische Komponente haben, wenn man auf einen kreativen Handwerker trifft und es bezahlen kann).

Der Begriff “Arbeit” ist schwammiger, auch wenn er eine schöpferische Komponente enthalten kann. Er ist vor allem allgemeiner und bezeichnet auch die allerstupideste Tätigkeit, die man kaum mit “Werk” bezeichnen würde. Und da kommen wir der Sache schon näher. Handarbeiten werden mit Geduld, Fleiß, Exaktheit, Mühe und enormen Zeitaufwand assoziiert, aber weniger mit Kreativität, Schöpfung und Eigenständigkeit. Wer sich in den Handarbeitsszenen umtut, wird feststellen, dass es dort alle Aspekte der “Arbeit” gibt: Leute, die einfache Dinge herstellen, damit sie sich entspannen können und keinen besonderen Anspruch an die eigenen Produkte haben, solche, die sich in technischer Hinsicht vervollkommnen wollen, die die einen historischen Ansatz verfolgen, bis hin zu denen, die eigene Kreationen entwerfen und Muster, Techniken und Materialien auf revolutionäre Weise mischen. Das alles läuft dann unter dem Begriff “Handarbeit”.

Es gibt keinen Grund, Handarbeitstechniken nicht als Handwerk zu betrachten. Beide haben einen praktischen Aspekt (im Gegensatz zur Kunst, die nur dazu da ist, um Kunst zu sein). Es ist egal, ob ich aus einem Holzklotz oder einem Wollknäul etwas mache, und nicht alles, was heute unter “Handwerk” zusammengefasst ist, hat auch einen schöpferischen Aspekt. Es wäre bizarr, ein Handwerk wie das Schreinern als spießig bezeichnen, nur weil irgendwann der Gelsenkirchener Barock in einer ganz, ganz dunklen Epoche das Licht der Welt erblickte, und ich warte immer noch auf den Moment, in dem ich einem Schreiner zu seinen wirklich sehr hübschen Handarbeiten gratulieren kann.

Betrachtet man die Geschichte der Handarbeit von der hochangesehenen Tätigkeit bis hin zur netten, völlig unintellektuellen Freizeitbeschäftigung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mit dem absolut widerstehlichen “Hat-sich-aber-richtig-Mühe-gegeben-Touch”, erscheint es nachvollziehbar, dass KünsterInnen, die sich den klassichen Handarbeitstechniken verschrieben haben, um daraus Kunst zu erschaffen, nach einem neuen Begriff suchen, der ihre Tätigkeit umschreiben möge und keine Assoziation mit gehäkelten Deckchen, gruseligen Hirschpullovern oder sonstigen heimischen Produkten hervorruft, die von vielen als spießig bezeichnet und damit pauschal abgelehnt werden. Dass es nachvollziehbar ist, heißt jedoch nicht, dass es auch unproblematisch wäre, doch dazu an anderer Stelle mehr.

Daher ist das Stricken, Häkeln, Sticken … nicht spießig, denn es ist ein Handwerk, das sich per se solchen Kategorisierungen entzieht. Es ist das Produkt, das vom Betrachter bewertet und in eine Kategorie sortiert wird, die dann im ungünstigen Fall auf die gesamte Technik und ihre Verwandten zurückfällt. Stricken kann also gar nicht spießig sein, aber viele Strickstücke sind es dem allgemeinen Geschmack nach schon. Eine Technik ist jedoch immer das, was man daraus macht. In Japan weiß man das, wo die Technik selbst weniger beurteilt wird, sondern vor allem der Grad an Perfektion, den das Produkt erreicht – wobei Perfektion dort nicht rein handwerklich gemeint ist, sondern ebenso ästhetisch.

Wer also das Stricken oder Häkeln von dem Image der Spießigkeit befreien will, sollte weniger sabbeln und mehr machen – und zwar Dinge, die eben nicht spießig sind. Das ist insofern schwierig, wenn man nun ausgerechnet das schön findet, was von anderen als spießig abgelehnt werden. Das mag ein Dilemma sein, aber es ist nicht meines, sodass ich mich mit dieser Problemstellung nicht beschäftige.

Es ist noch Suppe sind noch Plätze da: Bei mylys gibt es einen Sockenstrickkurs für Sockenneulinge, der am Mittwoch, den 10. November beginnt. Den Flyer zur Ansicht oder zum Download gibt es hier, nähere Informationen unter naima (at) mylys. de.

Alles, was es gibt, gibt es auch gestrickt

Everything that exsists is available in a knitted version as well …

Am 7. November um 17.30 kommt auf NDR Info eine Sendung zum Thema Stricken in der zeitgenössischen Kunst. Einen kleinen Beitrag durfte ich auch leisten (in Form eines Interviews, und das, obwohl ich keine Künstlerin bin). Die Aufzeichnung wird es auch als Stream im Internet geben.