Wer sich im Internet mit seinem Gestricke präsentiert, weiß auch, dass die Medien das entdeckt haben … leider. In regelmäßigen Abständen melden sich Journalisten, die das Stricken als Thema auch entdeckt haben und unbedingt darüber schreiben oder sprechen wollen, im unidealsten Fall mit StrickerInnen aus der freien Wildbahn. So erfahren wir aus den Medien, dass Stricken “voll im Trend ist”, das neue Yoga sogar, und dass auch Prominente wie Julia Roberts stricken. Aha.

Wer einen gut besuchten Blog hat und vielleicht noch ein Stricktreffen dort erwähnt, bekommt recht häufig solche Anfragen. Erstaunlicherweise tun die lieben Leute immer so, als würden sie der Strickwelt im Allgemeinen und uns im Besonderen einen Riesengefallen tun, wenn sie uns aus der dunklen Nische des autistischen Herumprökelns ins strahlende Licht des Fünf-Minuten-Ruhms hervorzerren. Die Story ist da meist schon fertig, bevor die erste Frage gestellt wurde: Mir wurden Reportagen unter den folgenden Headlines angetragen: “Frauengruppen”, “Das neue Wir-Gefühl”, “Stricken – voll im Trend”, “Die neue Lust am Selbermachen”, “Handarbeiten in der Krise”. Identifizieren kann ich mich mit keiner dieser Schlagzeilen. Wir sind vom Selbstverständnis her keine Frauengruppe und heißen auch strickende Männer willkommen, das Wir-Gefühl bei unserem sehr informellen Stricktreff ist nicht so wahnsinnig groß, ich fühle mich mit 43 nicht bemüßigt, jedem Trend hinterherzulaufen, das Selbermachen macht mir nur sehr begrenzt Spaß (die meisten Techniken beherrsche ich gar nicht), und ja, ich habe vor der Krise auch schon gestrickt (wer die Garnpreise kennt, wird die letzte Headline sehr bizarr finden).

Wenn man dann kein Interesse hat, sich öffentlich zu produzieren, reichen die Reaktionen von gelindem Unverständnis bis hin zu “aber Ihr Stricktreff könnte so bekannt werden”. Danke, ich verzichte. Wer den Stricktreff finden will, wird ihn finden, und mehr Bekanntheit schadet nur, da wir am Rande der Kapazität sind mit über 20 TeilnehmerInnen. Außerdem verwechselt man mich anscheinend mit den Leuten, die im Fernsehen sehr eigenartige Dinge tun, um bekannt zu werden. Kurz gesagt, ich freue mich nicht ganz doll, wenn jemand mir Öffentlichkeit verschaffen will, denn mein Blog ist bereits öffentlich, und als Mitglied des Presseteams einer Kleinpartei bin ich exponiert genug, herzlichen Dank.

Der letzte, mit dem ich sprach, war ein Herr von der FAZ. Der stellte fest, dass ich zu dem, was er über das Thema Basteln & Werken schreiben wollte, nicht recht passte, aber er hörte aufmerksam zu und brachte mich trotzdem irgendwie unter, auf eine Art und Weise, in der ich mich sogar irgendwie wiederfand, wenn auch das Motto des Artikels nicht passte (nachzulesen hier). Damit konnte ich leben.

Nun fand ich diesen Artikel, den ich nur als recycled bezeichnen kann. Geredet habe ich mit denen nicht, hätte ich auch nicht, unter diesem Motto. Und herausfinden, dass ich mehrere tausend Besucher pro Tag habe, kann man auch so, allerdings möchte ich in diesem Kontext nicht erscheinen, nicht mal mit einer einfachen Nennung meines Blogs. Es scheint diesen Leuten unvorstellbar zu sein, dass man einfach etwas mit der Hand tut, weil es Spaß macht. Dass wir nicht alle in unserer Freizeit vor dem Fernseher veröden oder das Fitness- oder Sonnenstudio belagern, muss enorm befremdlich sein.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen ihre Freizeit damit verbringen, das zu tun, was die Industrie ihnen vorgibt, und das, ohne groß etwas lernen zu müssen (Malen nach Zahlen in unendlicher Variation). Man scheint davon auszugehen, dass die Menschen ein einfach zu erreichendes Endziel wünschen, das beliebig reproduzierbar ist, zumindest in dem, was sich so im Kreativbereich findet. Das heißt, wenn meine Nachbarin und ich dieselbe Bastelpackung kaufen, haben wir auch dasselbe Ergebnis, und niemand muss sich schlecht fühlen, weil seins nicht so gelungen ist. Das ist bei anspruchsvollen Handwerksarbeiten anders, und das scheint enormes Aufsehen zu verursachen in einer Welt, in der mehr konsumiert als kreativ geschaffen wird.

Nun ist es mir egal, was irgendwelche Medienonkel und -tanten von dem, was ich tue, halten. Ich finde es nur ermüdend, immer mit der geballten Klischeeladung konfrontiert zu werden. Faserverarbeitung ist ein unendlich weites und sehr interessantes Feld. Ein Leben reicht nicht, um es auszuloten, und die Herangehensweise ist sehr vielfältig und bei jedem anders. Das große Erstaunen (“warum machen Sie das denn?”) ist unangebracht und wäre eher bei Menschen angemessen, die eine 40-Stunden-Woche vor dem Fernseher verbringen, wöchentlich ihr Auto waschen, sich regelmäßig ins Koma saufen oder ihren Zweitwohnsitz im Fitnessstudio haben. Aber nicht bei denen, die ihr Leben dadurch bereichern, dass sie etwas tun, was tatsächlich ein eigenständiges Ergebnis bringt.

Falls also mal jemand kommt, der wirklich Interesse hat an dem, was ich mache und nicht an dem, was er glaubt, dass ich tue, werde ich es mir überlegen, ob ich mit dem rede. Ansonsten: eher nicht.