November 18, 2008 - כ' חשון תשס"ט

Neustädter Rathaus, astronomische Uhr
New City Hall, astronomical clock
Prag ist ein Touristenmagnet, und das merkt man auch. Nun kommen wir zu den eher profanen Bedürfnissen.
Meine erste Pragreise fand 1987 statt. Das Land war sozialistisch, auch wenn man es in Prag verstand, rote Sterne aus dem Stadtbild herauszuhalten. Es gab alles, auch Mercedesse, man musste es nur bezahlen können. Und man wusste überhaupt nicht, wohin mit seinem Geld. Ich hatte so viele Kronen, dass ich mir einen Diorlippenstift kaufte (ja, auch Dior und Benetton gab es hier).
Bei meinen nächsten Reisen war es immer noch enorm günstig. Ein hervorragendes böhmisches Drei-Gänge-Menü kostete etwa 10 DM, ein Glas Bier zwischen 50 Pfennig und einer Mark usw. (Hotels in der Innenstadt waren allerdings schon immer recht teuer). So ist es nicht mehr. Auch Prag ist teurer geworden. Und das ist irgendwie auch gut so, denn ich bin der Meinung, dass man für etwas Gutes auch einen angemessenen Preis bezahlen sollte. Wer gut essen und trinken will, bezahlt nicht so viel wie in Deutschland, aber es ist eben auch nicht mehr so billig wie früher.

Café Slavia
Prag dividiert sich preislich auseinander. Schnellrestauants und Billigsouvenirläden zogen vermehrt ein, die ein Publikum bedienen, das nur wenig Geld hat (so ist Prag immer noch ein sehr beliebtes Ziel für Klassenreisen). Wer jedoch Prag kennenlernen will, soll, muss und wird auch in den Kaffeehäusern sitzen, die für diese Stadt so typisch sind und die hervorragende Kaffeespezialitäten servieren. Auch die Kuchen sind jede Sünde wert, ebenso die tschechischen Käse- und Wurstplatten. Hier sitzen immer auch viele Prager und nehmen noch einen Kaffee, bevor sie nach Hause, einkaufen oder sonst wohin gehen.

Café Slavia
Als eines meiner Stammcafés möchte ich das Slavia bezeichnen. Es war zur Zeit des Prager Frühlings einer der Treffpunkte von Schriftstellern und Intellektuellen. Der Innenraum ist eine Freude jedes Kunsthistorikers, den das Interieur ist reines Art Déco, und nachmittags sorgt ein Pianist für diskrete musikalische Untermalung. Wenn ich in Prag bin und man mich sucht, hat man gute Chancen, mich einmal täglich hier zu erwischen. Der Knaller ist übrigens die heiße Schokolade mit Absinth. Absinth wird hier fast überall angeboten, doch Vorsicht, wenn man die tschechische Variante nicht gewöhnt ist.

Art Nouveu, the Obecni Dum
Prag ist ja auch die Stadt des Jugendstils, u. a. wirkte Alfons Mucha hier. Nicht versäumen sollte man einen Besuch des Cafés im Repräsentationshaus. Auch hier bin ich bis jetzt noch bei jedem meiner Pragbesuche gewesen.

Art Nouveau, Entrance to the Obneci Dum
Das Repräsentationshaus liegt nur wenige Minuten vom Karlsplatz entfernt. Es beherbergt Festsäle, ein französisches Spitzenrestaurant und ein Café, das sehr nobel daherkommt und auch so ist. Es gibt nachmittags Kaffeehausmusik, der Kuchen wird auf einem Wagen gebracht, sodass man sich sein Stück am Tisch aussucht, und auch hier ist eine reiche Getränkeauswahl vorhanden.

Obneci Dum, the Coffeehouse
Das Ganze findet in künstlerisch wertvoller Atmosphäre statt, denn die Einrichtung ist reinster Jugendstil in Gold und Weiß. Da man innen nicht fotografieren darf und ich das im Gegensatz zu vielen anderen respektiere, hier nur ein flaues Foto durch die Scheibe.

Gran Café Orient
Egal, wie oft man in Prag ist, es gibt immer etwas Neues zu entdecken, das man vorher nicht kannte. So zum Beispiel das Gran Café Orient. Es befindet sich in einem im kubistischen Stil errichteten Haus (und die sind selten, da nirgendwo nach dem ersten Weltkrieg sonderlich viel gebaut wurde) und ist in reinem kubistischen Stil eingerichtet.

Gran Café Orient - Innenraum
Gran Café Orient – Inside
Auch dies ist ein Traum für Architekturfreaks, im Haus ist ein Museum für Kubismus eingerichtet, das wir beim nächsten Mal garantiert besuchen werden. Das Café serviert Kaffees und Kuchen zum Niederknien, und alles ist kubistisch, bis hin zu Kleiderhaken und Stühle (für letztere braucht man allerdings einen kubistischen Hintern, um wirklich bequem für längere Zeit zu sitzen).

Gran Café Orient
Wer in Prag auf den Besuch eines typischen Kaffeehauses verzichetet, nimmt sich einen ziemlichen Teil des Erlebnisses. Sie sind auch bei Einheimischen so beliebt, dass im Winter dort saunaähnliche Temperaturen herrschen und die Tschechen in kurzen Ärmeln dasitzen – es ist eben eine Art Wohnzimmer. Und enorm entspannend (die Altstadt will zu Fuß erwandert werden und verfügt über originales Kopfsteinpflaster).

Gran Café Orient – Treppenhaus
Gran Café Orient – Staircase
Noch ein Wort zum europaweiten Rauchverbot. Also, wir haben in Prag auch Tische gesehen, an denen nicht geraucht wurde. Zumindest stand da so ein Schild. Die hatten aber eher Alibicharakter. In jedem Café, in jeder Bar, die wir besuchten, wurde geraucht. Von “abgetrennten Raucherräumen ohne Arbeitsplatz” konnte gar keine Rede sein. War das Lokal groß genug, war ein Teil für Nichtraucher reserviert (meist der erheblich kleinere). Tschechen rauchen nunmal sehr viel, und da sie außerdem gerne weggehen, rauchen sie eben auch in Gaststätten.
Aber man will ja nicht nur Kaffee und Kuchen konsumieren – man will auch mal was Ordentliches essen. Neben den üblichen, internationalen Schnellrestaurants (billig und schlecht) und den Gaststätten, die den üblichen Tourifraß anbieten (“internationale Küche”) gibt es immer noch genügend Restaurants, die böhmische Küche offerieren, und die ist allein schon eine Reise wert. Wir haben eine echte Entdeckung gemacht – ein böhmisches Nobelrestaurant, das die regionalen Spezialitäten auf hohem Niveau zubereitet, von außen aber aussieht wie eine abgeranzte Weinstube (vermutlich, um die Tourischaren abzuhalten).

Restaurant Blaue Ente
Restaurant Blue Duck
Das Restaurant liegt auf der Kleinseite, im Botschaftsviertel, und so unscheinbar es von außen wirkt, so ungewöhnlich ist das Interieur und das Essen. Man sitzt umgeben von Antiquitäten und handbemalten Wänden (original aus dem frühen 20. Jahrhundert) und isst phantastisch zubereitete böhmische Spezialitäten. Nein, man zelebriert sie eher. So ein Essen hier dauert recht lang und ist auch nicht gerade günstig, aber wir schwärmen immer noch. Reservierung empfohlen.

Jazz and Blues Club Ungelt
Was für mich immer zu einem Pragbesuch dazugehört, ist der Besuch eines Jazz- und Bluesclubs. Dort wird eher leichte Kost zu Gehör gebracht (keine fuddeligen Ohrenquäler), und man sitzt – hier bei Ungelt hinter der Teynkirche – entspannt bei einem Bier unter einem mittelalterlichen Gewölbe und lauscht der Musik.
In Prag hat man es überhaupt nicht so mit Umtata und Tralala; wenn man das hört, ist es immer für ältere deutsche Touristen. In den zahlreichen Cafés, Bars und Restaurants hört man kompromisslos moderne Musik – oder auch mal Klassik. Prag ist eine moderne Stadt, die von modernen Menschen bewohnt wird.

Pinocchio – Czech toys and woodworks
Pinocchio – Tschechische Spielwaren und Holzarbeiten
Nun möchte der moderne Tourist auch mal einkaufen gehen. Die Auswahl ist riesig: Böhmische Glaswaren von einfach bis kunstvoll, Marionetten, Granatschmuck, aber auch sehr schöne Bücher (auch auf Deutsch oder Englisch), CDs, Modeschmuck, Holzarbeiten, Kleidung, Schuhe, Lederwaren – alles, was das Herz begehrt. Gerade für Kleidung, Schuhe und Lederwaren gilt allerdings, dass es die Sachen überall gibt – wie es halt so ist. Leider nehmen die ramschigen Souvenirläden zu, aber es gibt sie immer noch – die hochwertigen, liebevoll hergestellten Dinge, meist in Seitenstraßen und kleinen Gassen, die es zu entdecken gilt.

Markt in der Altstadt
Market in the Old City
Diesen Markt kenne ich, seit ich zum ersten Mal in Prag war, und auch er verändert sich ständig. Früher gab es hier mehr Lebensmittel, heute gibt es vor allem Souvenirs. Viel Holz, Karlsbader Oblaten und ein wenig Leder. Ich habe mir hier einen soliden Hornkamm gekauft. Da weiß man doch, was man hat, und praktisch ist er auch.

Sightseeing with a vintage car (a Skoda)
Stadtrundfahrt mit einem Oldtimer
Zum Schluss dieses Kapitels noch eine Prager Spezialität, nur für Touris, aber hübsch: Eine Stadtrundfahrt in einem echten Oldtimer. Hier stilecht und passend: ein Skoda.
November 18, 2008 - כ' חשון תשס"ט at 11:00 am
Okay, spaetestens jetzt will ich auch unbedingt mal nach Prag. Die Stadt ist ja ein Juwel….
[Reply]
November 18, 2008 - כ' חשון תשס"ט at 12:32 pm
Hallo Jinx,
ich muß einfach nochmal was schreiben.MAn merkt,daß du Prag magst und mit offenen Augen durch die Stadt gehst.Finde ich total klasse.ICh würde gerne mit Dir über “mein” Prag plaudern,über diesen wunderschönen Kronleuchter ind der St.Nikolaus Kirche
den die Geschichte um den Leuchter ist auch ein wenig meine Familiengeschichte!Deine Fotos sind total schön.Leider habe ich immer wenig Zeit,wenn ich nach Prag fahre…
LG
MIchaela
[Reply]
November 18, 2008 - כ' חשון תשס"ט at 3:20 pm
Aber wo sind denn die Wollgeschäfte?
Oder gibt’s da keine? (kann ich mir nicht vorstellen)
Viele Grüße
Tina
[Reply]
November 18, 2008 - כ' חשון תשס"ט at 3:24 pm
Doch, es gibt welche. Ich habe mich vorab ein wenig kundig gemacht und bin zu dem Schluss gekommen, diesmal Wolle einfach Wolle sein zu lassen. Tschechische Fabrikate haben zumeist einen hohen Polyanteil, und viel wird auch importiert (GGH und so), und ich brauche dort keine Wolle zu kaufen, die ich hier auch bekomme. Viele tschechische Strickerinnen bestellen auch im europäischen Ausland.
Ich möchte daher anregen, dass jemand vielleicht einen Laden eröffnet mit biologischer tschechischer Naturwolle. Den würde ich garantiert stürmen!
viele Grüße
Jinx
[Reply]