Prag wird immer wahnsinnig gelobt wegen seiner alten Bausubstanz, wegen der Kunstschätze, der Geschichte, die jeder Stein atmet (wie Reiseführer dies schwülstig auszudrücken pflegen), und all dies ist zweifellos richtig. Aber Prag ist kein Museum, hat auch wenig Museales an sich, sondern es ist eine moderne Stadt in einem modernen Staat, die von modern denkenden Menschen bewohnt wird. Und das merkt man auch.

Wer sich nur auf die kunsthistorisch wertvollen Dinge konzentriert, die hier zu finden sind, tut der Stadt und seinen Bewohnern unrecht. Das zeitgenössische Prag ist mehr als einen Blick wert, und das nicht nur, weil auch die Wendung zur Gegenwart ihre Tradition hier hat.

Ich habe bereits Bilder von Jugendstilgebäuden gezeigt, von Bauwerken, die in dem Versuch errichtet wurden, einen nationalen Stil zu schaffen (Nationalmuseum, Nationaltheater), wobei letzteres hier ebenso misslang wie anderswo auch. Diese Gebäude waren zu ihrer Zeit Beispiele einer modernen Bau- und Denkweise. Prag dachte zeitgenössisch und tut das bis heute. Die Reminiszenzen an die Vergangenheit sind in erster Linie für die Touristen, auch wenn Prag selbst sehr geschichtsbewusst ist – aber dennoch macht man nicht den Fehler, in der Vergangenheit zu leben.

Neogotischer Brunnen vor neogotischen Fassaden

New-gothic well in fron of new-gothic facades

Dieser Brunnen, der in ein Ensemble passender Häuserfassaden eingebettet liegt, beweist, dass man auch im 19. Jahrhhundert bereits auf der Höhe der Zeit war. Neogotik in seiner besten Form eben. ;)

Kampa, Museum für moderne Kunst

Kampa, Museum of modern and contemporary art

Auf der Insel Kampa, die eher für ihre bezaubernde parkähnliche Anlage bekannt ist, befindet sich ein einem natürlich historischen Gebäude ein Museum für zeitgenössische Kunst (warum etwas neu bauen, wenn im Zentrum ohnehin kein Platz ist und man so viele alte Gebäude herumstehen hat?). Der Bau wurde teilweise modernisiert und beherbergt mehrere interessante Ausstellungen.

Kampa Museum, Modern Art

Aufmerksam wurden wir auf das Museum durch zwei Außeninstallationen, zunächst die Reihe der Pinguine unterhalb der Ufermauern.

Nachts werden die Teile übrigens beleuchtet.

Kampa Museum, Sculptures

Ebenfalls vor dem Museum stehen diese Skulpturen. Wer mit dem entzückten Ausruf “ach, wie niedlich!” auf die Plastiken zueilt, wird die Nahansicht eher verstörend finden:

Der Innenhof wurde modern gestaltet, so erlaubt eine Glasarchitektur den Durchblick zum gegenüberliegenden Ufer.

Kampa Museum, water installation

Kampa Museum, Water installation, nightshot

Die Wasserinstallation zieht sich durch den gesamten Hof und wird bei Dunkelheit teilweise beleuchtet.

Kampa Museum – an exhibition of contemporary Eastern European art

Die Ausstellung zeitgenössischen osteuropäischer Kunst ist ebenfalls sehenswert. Hier der Durchblick durch den kurzen Glasgang auf eines der Exponate.

Kampa Museum, the roof

Obwohl das Museum auf der Insel Kampa in einem historischen Gebäude untergebracht ist, wurde die Dachkonstruktion erweitert. Man kann hinaufsteigen und steht dann auf einem Glasboden, der den Blick ins Treppenhaus bis ganz nach unten freigibt (der Lebensgefährte verzichtete dankend). Durch die Stahlträger sieht man den Hradschin – besonders beeindruckend bei Nacht.

In der Altstadt ist selbstredend kaum Platz für neue Gebäude – es reicht ja nicht mal für die Kirchen. Doch etwas weiter außerhalb findet man durchaus interessante Beispiele moderner Architektur, so wie das Dancing House, auch genannt Ginger and Fred.

The Dancing House (Ginger and Fred)

Wie gesagt, Prag ist eine moderne Stadt. Wer sich die Mühe macht, abseits ausgetretender Pfade die Stadt zu erkunden, wird auf zahlreiche Galerien und Ausstellungen stoßen, in der zeitgenössische Kunst sowie die neue Geschichte der Stadt gezeigt wird. Aber auch an ganz ungewöhnlicher Stelle findet sich Modernes.

Wall Painting

Mein Eindruck war immer, dass die Tschechen dem Militär eher distanziert gegenüberstehen, was in der Geschichte des Landes begründet ist (man könnte von ihnen sagen, dass sie das MIlitär nicht erfunden haben, ebensowenig wie die Italiener, was ich persönlich enorm sympathisch finde). So finden sich in der Stadt keine maritalischen Denkmäler und ähnliches Geraffel, wie es in London oder Paris überall herumsteht. Auf dem Weg zum Nationaltheater fiel uns diese Wandmalerei einer Moebiusschleife mit pazifistischer Botschaft auf.

Nun werde ich Euch nicht länger mit meinen Berichten aus Prag quälen. Ich hoffe, es hat Euch gefallen, und ich bedanke mich für die netten Kommentare!

Beschließen werde ich den Bericht mit dem Bild eines Vogels, das ich auf der Insel Kampa aufnahm. Wir halten in unserer ornithologischen Unwissenheit das Tier für eine Dohle, die von ein paar Möwen umflattert wird (bei den Möwen sind wir uns sicher). Das ist nun nicht sonderlich modern, aber das Tierchen war sehr zutraulich, und in die anderen Rubriken passt es auch nicht.

Jackdaw