November 18, 2008 - כ' חשון תשס"ט

Prag wird immer wahnsinnig gelobt wegen seiner alten Bausubstanz, wegen der Kunstschätze, der Geschichte, die jeder Stein atmet (wie Reiseführer dies schwülstig auszudrücken pflegen), und all dies ist zweifellos richtig. Aber Prag ist kein Museum, hat auch wenig Museales an sich, sondern es ist eine moderne Stadt in einem modernen Staat, die von modern denkenden Menschen bewohnt wird. Und das merkt man auch.
Wer sich nur auf die kunsthistorisch wertvollen Dinge konzentriert, die hier zu finden sind, tut der Stadt und seinen Bewohnern unrecht. Das zeitgenössische Prag ist mehr als einen Blick wert, und das nicht nur, weil auch die Wendung zur Gegenwart ihre Tradition hier hat.
Ich habe bereits Bilder von Jugendstilgebäuden gezeigt, von Bauwerken, die in dem Versuch errichtet wurden, einen nationalen Stil zu schaffen (Nationalmuseum, Nationaltheater), wobei letzteres hier ebenso misslang wie anderswo auch. Diese Gebäude waren zu ihrer Zeit Beispiele einer modernen Bau- und Denkweise. Prag dachte zeitgenössisch und tut das bis heute. Die Reminiszenzen an die Vergangenheit sind in erster Linie für die Touristen, auch wenn Prag selbst sehr geschichtsbewusst ist – aber dennoch macht man nicht den Fehler, in der Vergangenheit zu leben.

Neogotischer Brunnen vor neogotischen Fassaden
New-gothic well in fron of new-gothic facades
Dieser Brunnen, der in ein Ensemble passender Häuserfassaden eingebettet liegt, beweist, dass man auch im 19. Jahrhhundert bereits auf der Höhe der Zeit war. Neogotik in seiner besten Form eben.

Kampa, Museum für moderne Kunst
Kampa, Museum of modern and contemporary art
Auf der Insel Kampa, die eher für ihre bezaubernde parkähnliche Anlage bekannt ist, befindet sich ein einem natürlich historischen Gebäude ein Museum für zeitgenössische Kunst (warum etwas neu bauen, wenn im Zentrum ohnehin kein Platz ist und man so viele alte Gebäude herumstehen hat?). Der Bau wurde teilweise modernisiert und beherbergt mehrere interessante Ausstellungen.

Kampa Museum, Modern Art
Aufmerksam wurden wir auf das Museum durch zwei Außeninstallationen, zunächst die Reihe der Pinguine unterhalb der Ufermauern.

Nachts werden die Teile übrigens beleuchtet.

Kampa Museum, Sculptures
Ebenfalls vor dem Museum stehen diese Skulpturen. Wer mit dem entzückten Ausruf “ach, wie niedlich!” auf die Plastiken zueilt, wird die Nahansicht eher verstörend finden:

Der Innenhof wurde modern gestaltet, so erlaubt eine Glasarchitektur den Durchblick zum gegenüberliegenden Ufer.

Kampa Museum, water installation

Kampa Museum, Water installation, nightshot
Die Wasserinstallation zieht sich durch den gesamten Hof und wird bei Dunkelheit teilweise beleuchtet.

Kampa Museum – an exhibition of contemporary Eastern European art
Die Ausstellung zeitgenössischen osteuropäischer Kunst ist ebenfalls sehenswert. Hier der Durchblick durch den kurzen Glasgang auf eines der Exponate.

Kampa Museum, the roof
Obwohl das Museum auf der Insel Kampa in einem historischen Gebäude untergebracht ist, wurde die Dachkonstruktion erweitert. Man kann hinaufsteigen und steht dann auf einem Glasboden, der den Blick ins Treppenhaus bis ganz nach unten freigibt (der Lebensgefährte verzichtete dankend). Durch die Stahlträger sieht man den Hradschin – besonders beeindruckend bei Nacht.
In der Altstadt ist selbstredend kaum Platz für neue Gebäude – es reicht ja nicht mal für die Kirchen. Doch etwas weiter außerhalb findet man durchaus interessante Beispiele moderner Architektur, so wie das Dancing House, auch genannt Ginger and Fred.

The Dancing House (Ginger and Fred)
Wie gesagt, Prag ist eine moderne Stadt. Wer sich die Mühe macht, abseits ausgetretender Pfade die Stadt zu erkunden, wird auf zahlreiche Galerien und Ausstellungen stoßen, in der zeitgenössische Kunst sowie die neue Geschichte der Stadt gezeigt wird. Aber auch an ganz ungewöhnlicher Stelle findet sich Modernes.

Wall Painting
Mein Eindruck war immer, dass die Tschechen dem Militär eher distanziert gegenüberstehen, was in der Geschichte des Landes begründet ist (man könnte von ihnen sagen, dass sie das MIlitär nicht erfunden haben, ebensowenig wie die Italiener, was ich persönlich enorm sympathisch finde). So finden sich in der Stadt keine maritalischen Denkmäler und ähnliches Geraffel, wie es in London oder Paris überall herumsteht. Auf dem Weg zum Nationaltheater fiel uns diese Wandmalerei einer Moebiusschleife mit pazifistischer Botschaft auf.
Nun werde ich Euch nicht länger mit meinen Berichten aus Prag quälen. Ich hoffe, es hat Euch gefallen, und ich bedanke mich für die netten Kommentare!
Beschließen werde ich den Bericht mit dem Bild eines Vogels, das ich auf der Insel Kampa aufnahm. Wir halten in unserer ornithologischen Unwissenheit das Tier für eine Dohle, die von ein paar Möwen umflattert wird (bei den Möwen sind wir uns sicher). Das ist nun nicht sonderlich modern, aber das Tierchen war sehr zutraulich, und in die anderen Rubriken passt es auch nicht.

Jackdaw
November 18, 2008 - כ' חשון תשס"ט at 3:27 pm
Hallo,
danke für die vielen tollen Bilder und Beschreibungen. Prag steht auf meiner Möchte-ich-gerne-mal-hin liste auch ganz oben bisher hat es aber noch nie terminlich geklappt
LG Monika
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November 18, 2008 - כ' חשון תשס"ט at 4:06 pm
Wow!! Ich bin wirklich beeindruckt. Und ich werde Deine Berichte jetzt gleich nochmal ganz in Ruhe und gewissenhaft lesen.
Ich bin eine Null in Sachen Geschichte und nie im Leben habe ich den Wunsch verspürt mal nach Prag zu reisen.
Aber jetzt: Ich könnte gleich losdüsen. Was eine tolle Stadt. Soviel zu sehen, zu bestaunen und zu entdecken.
Danke für´s neugierig machen!!
LG Heike
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November 18, 2008 - כ' חשון תשס"ט at 5:40 pm
Wunderschöne Bilder, aufschlussreiche Texte – das schafft gleich einen ganz anderen Zugang zu einer Stadt, die ich auch schon lange gerne besuchen möchte!
LG,
Katarina
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November 18, 2008 - כ' חשון תשס"ט at 5:54 pm
Vielen Dank für die wunderbaren Fotos. Da hast Du ja an einem Wochenende so gut wie nichts ausgelassen!! Ich kann nur allen, die es noch nicht geschafft haben, empfehlen, sich auf nach Prag zu machen.
Einige Tipps wüßte ich noch, z. B. die Gärten unterhalb der Burg, um die strapazierten Füße auszuruhen.
Ich war dreimal mit meinem damals noch Teenager-Sohn dort und wir haben immer viel Interessantes gefunden (moderne Kunst, ganz viele Café-Besuche, Buchläden und Jazzclubs). Shoppen war nicht so, nur in dem wunderbaren Papierladen unterhalb des Petrin. Die Sprache ist auch kein Problem, Englisch wird gern gehört, aber bissel Tschechisch ist auch nicht sooo schwer, eben so bitte, danke, guten Tag etc.
Und – Prag ist zwar teuer geworden, aber immer noch ist auch eine Reise für den kleineren Geldbeutel möglich (einheimische Kantinen gibts mitten im Zentrum, Hostels etc.).
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Jinx Reply:
November 18, 2008 - כ' חשון תשס"ט at 6:58 pm
O ja, die Gärten sind einfach toll! Leider schließen sie im Oktober, sind also nur in den wärmeren Reisezeiten zu besuchen. Aber nächstes Mal möchte ich da unbedingt wieder hin.
viele Grüße
Jinx
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November 18, 2008 - כ' חשון תשס"ט at 11:41 pm
Hi Jinx,
ja, Prag ist immer eine Reise wert. Ich war vor ein paar Jahren da und war total begeistert. Um alles wirklich wahrzunehmen, muß man da öfter hinfahren. Waren auch nur zwei Tage. Aber das Wichtigste habe ich gesehen und abends einen Besuch im Schwarzen Theater, einmal weil es einfach zu Prag gehört und zum anderen, weil man da auch nix verstehen mußte *g*. Ich erinnere mich noch, dass seinerzeit überall in der Stadt bunte Kühe rumstanden. Das waren mal ganz ausgefallene Kunstwerke.
Schöne Bilder, ich werde sie mir gewiss noch
öfter anschauen.
LG S.
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November 19, 2008 - כ"א חשון תשס"ט at 9:12 am
Vielen Dank für den persönlichen Bericht und die tollen Bilder! Ich habe über mehrere Tage an deinen Einträgen gelesen, und das war fast ein kleiner Kurzurlaub am PC.
LG
Andrea
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November 19, 2008 - כ"א חשון תשס"ט at 11:26 am
Noch einmal vielen Dank für deine tollen Fotos und Berichte!!!!
Ich muss da wohl mal wieder hin…
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November 21, 2008 - כ"ג חשון תשס"ט at 7:02 pm
Oh wooooooooooooow, ich habe es sehr genossen, all diese wunderbaren eindrücke zu sehen zu bekommen…ich war mal spontan 1 nacht (sa morgen auf sonntag abend) mit meinem jetzigen gatten in prag, wir sind bei meinem chef mitgeflogen und haben so prag 1997 im februar entdeckt. und waren verliebt. in uns und in diese stadt. dieser jugendstil überall, diese vornehmen und doch normalen cafes, diese nebelige stimmung, wie im märchen. goldene türme, spitzen, ecken, erker. wir haben es geliebt, herumzuspazieren und uns einfach von ecke zu ecke treiben zu lassen. es gab immer eine neue ecke zu entdecken.
wenn ich jetzt die entwicklung sehe, möcht ich sofort buchen
liebe grüße, eva
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