July 10, 2008 - ז' תמוז תשס"ח
Mal wieder eine Mittwochsaktion bei Frau Blasebalg, und diesmal eine, die mich nachdenklich stimmt. Das Märchen vom allzeit mit allem gedeckten Tisch war zu der Zeit, als es entstand und auch noch, als die Gebrüder Grimm es aufschrieben, eine Utopie. Der gedeckte Tisch in früheren Jahrhunderten war oft genug eine karge Angelegenheit. Heute kommen wir der Utopie oft genug gefährlich nahe, mit exotischen Fleischsorten, die jederzeit verfügbar sind, exotischem Obst und Erdbeeren im Winter. Die Allzeit-Bereitstellung dieser Genüsse kostet uns nur Geld, andere Länder kostet es viel mehr. Nun werden Lebensmittel knapp und damit teurer, und das bedeutet für uns in Europa vielleicht, dass wir nicht mehr jeden Tag Fleisch essen können und dass es weniger von den Gütern auf unseren gedeckten Tischen gibt, die gerade knapp und teuer sind. Wer sich darüber beklagt, sollte vorher einen Blick auf den allzuoft vergessenen Rest des Globus richten, bevor er sich mit seinen Beschwerden blamiert.
Zunächst wurden als Schuldige der für uns praktisch unsichtbaren Lebensmittelverknappung (man sieht nämlich nichts davon, wenn man hierzulande in einem durchschnittlichen Supermarkt einkaufen geht) China und Indien ausgedeutet. Das ist bequem, denn sie sind schön weit weg, schön exotisch (auf eine uns manchmal unangenehme Art), sie können sich gegen die Anschuldigungen nicht wehren, und es ist ihnen wohl auch egal. Man hat das Problem also mal wieder an Schwellenländer delegiert und damit outgesourced. Das können wir, das sind wir gewohnt, von Giftmüll, schrottigen Schiffen, dem Grünen Punkt und anderen Errungenschaften unserer Zivilisation.
Nun besagen Gutachten, dass es Inder und Chinesen gar nicht sind, die uns die Lebensmittel vor der Nase wegkaufen und sie damit verteuern. Es ist – mal wieder – die sogenannte Erste Welt. Der geht es ans liebste Kind, nämlich ans Auto, dessen Betriebskosten durch den Benzinpreis explodieren. Und es geht auch an den Lebensstandard, auf den wir ein Recht zu haben glauben, der durch Biokraftstoffe um jeden Preis erhalten bleiben soll. Es sieht also so aus, dass wir der Dritten Welt (die vom Aufkaufen irgendwelcher Lebensmittel auf dem Weltmarkt unglaublich weit weg sind und daher auf einen ungedeckten Tisch und damit in die Röhre gucken) nicht mehr nur alles wegfressen (wie es immer noch bei unserer Fleischproduktion geschieht, denn irgendwo müssen die Futtermittel ja herkommen für das tägliche Stück angeblicher Lebenskraft), nun verfahren wir es auch noch. Wir blasen das in die Luft, was eigentlich in ausreichender Menge verfügbar wäre, um den Hunger endlich zu besiegen. Wie pervers ist das denn bitte?
July 10, 2008 - ז' תמוז תשס"ח at 12:57 pm
hallo jinx!
wie immer hast du das problem perfekt auf den punkt gebracht! und vielleicht hilft die aktuelle krise auch dabei, dass die menschen wieder lernen, mit kopf einzukaufen. weniger und mit besserer qualität und sich manchmal auch fragen, ob man um den dumpingpreis das lebensmittel überhaupt produzieren kann …
nachdenkliche grüße
ilona
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July 10, 2008 - ז' תמוז תשס"ח at 3:10 pm
Hallo Jinx,
ich lese hier schon einige Zeit still und heimlich mit, unter anderem weil du sehr gut schreibst und meist genau das perfekt ausdrückst, was ich auch in hundert Jahren nicht so gut formulieren könnte. Kurz und gut: sehr nachdenklich stimmende Umsetzung der Wochenaktion, aber genau diese Vielfalt ist sicher auch gewünscht
herzliche Grüsse Gabi
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July 10, 2008 - ז' תמוז תשס"ח at 5:07 pm
Liebe Jinx,
ich komme immer wieder an diesen Punkt. Immer wieder. Ja, UNSER System ist pervers!
Hochachtende Grüße Dir von Ev
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July 10, 2008 - ז' תמוז תשס"ח at 7:29 pm
man kann nicht anders als zustimmen.
Was mich aber noch interresiert – was kan man dagegen tun? Als ein kleines und unbedeutendes Mitglied der westlichen Gesselschaft? Gibt es da etwas mehr als zu Fuß zu gehen, wenig Fleisch essen, lokale Produkte kaufen (was ich z.B. meinem Mann – un manchmal meinem Geldbeutel – nicht wirklich beibringen kann) etc etc? Mir scheint es z wenig. Und mich ärgert meine Hilflosigkeit angesichts der Große des Problems …
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July 10, 2008 - ז' תמוז תשס"ח at 8:27 pm
Frau Jinx, dankeschön für diesen Beitrag. Ich freue mich, dass die Aktion so vielfältig umgesetzt wird, nicht nur lustig, das ist auch schön, aber gerade solche Beiträge sind wichtig und richtig. Ein wirklich von Herzen kommendes Dankeschön.
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July 11, 2008 - ח' תמוז תשס"ח at 2:49 pm
Von mir nur ein Wort dazu: BRAVO!
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