Dies sind die Zehn Gebote der Göttin von Filz und Faser, Abteilung Stricken, wie sie mir offenbart wurden und wie ich sie befolge.

I. Ich bin die Göttin von Filz und Faser. Meine Zuständigkeit sollte klar sein. Ich bin keine eifersüchtige Göttin, Du darfst andere Göttinnen neben mir haben, aber bitte keine Niederen. Die Göttinnen aller kreativen Tätigkeiten sind vollkommen in Ordnung, seien sie nun für Musik, Malerei, Fotografie, Bildhauern, Schreiben oder sonst was zuständig sein. Meine anderen Erscheinungsformen, die Göttinnen des Häkelns, Webens oder Nähens sind mir natürlich ebenso willkommen. Böse Geister wie die, die Dir einflüstern, Servietten auf Holzteller zu kleben, dulde ich nicht, da sie die Kreativität nicht fördern, sondern vermindern.

II. Mein Altar darf modern sein. Strickmaschinen sind dem Handstricken gleichwertig. Wenn Dein Dienst an mir darin besteht, einen Schlitten hin- und herzubewegen, so ist das völlig in Ordnung. Niemand soll auf die herabsehen, die dergleichen tun.

III. Du sollst keine Angst vor neuen Herausforderungen haben. Mich langweilt das ewige Stricken ein und derselben Sache in Einfachsttechnik noch mehr als Dich, wenn Du eigentlich etwas anderes im Sinn hast. Und, mal ehrlich, der zehnte Schal in Patent oder das fünfzigste Paar Socken in glatt rechts und selbstmusternd werden Dich der ersehnten Strickjacke nicht näher bringen.

IV. Du sollst nichts stricken, was Dein Auge beleidigt. Denn das beleidigt auch meins. Wenn Dir eine Sache nicht mehr gefällt, lass es sein. Ribbele es auf und beginne etwas Neues. Solltest Du zu dem Schluß kommen, dass Hornhaut-Umbra nicht Deine Farbe ist oder dass Du in Knallrot aussiehst wie ein Käse in Weihnachtsverpackung, so habe ich noch andere Dienerinnen, die damit mehr anfangen können als Du.

V. Stricke nicht für Unwürdige. Selbstgestricktes ergibt ein kostbares Geschenk, aber nicht, wenn es unwillkommen ist. Sei Dir daher sicher, dass Dein Geschenk auch entsprechend gewürdigt wird. Für alle anderen gibt es Blumenläden, Buchhandlungen, Geschenkläden und Gutscheine.

VI. Sei geduldig und hilfsbereit AnfängerInnen gegenüber. Auch Du hast mal angefangen.

VII. Ehre die Werke meiner PriesterInnen. Sie leben davon, Muster zu verkaufen, ob einzeln oder über Abdruck in Büchern und Magazinen. Abgesehen davon, dass es gesetzlich verboten ist, diese Produkte wahllos und außerhalb sehr enger Grenzen zu verbreiten, ist es auch unanständig. Lass’ Dich nicht vom Unverständnis einiger meiner Anhängerinnen beirren, die haben einfach nicht so den Durchblick und sind fehlgeleitet. Sollten sie Dich beleidigen, weil Du ihnen die Herausgabe verweigerst, beleidige einfach zurück.

IIX. Meine männlichen Anhänger sind nicht per se schwul, nur weil sie stricken. An sexuellen Orientierungen bin ich nicht interessiert, und Du solltest es auch nicht sein.

IX. Investiere in das bestmögliche Material, das Du Dir leisten kannst. Es gibt günstige, aber hochwertige Garne, man muss sich nur ein wenig Mühe geben, sie zu finden. Es gibt religiöse Feste, auch Sonderangebote und Fabrikverkäufe genannt. Nutze sie. Minderwertiges Material entwertet jedes noch so sorgfältig gearbeitete Strickstück.

X. Sei unbeirrbar. Die Geschmäcker sind verschieden. Was Du furchtbar findest, begeistert andere (und umgekehrt). Nimm konstruktive Kritik und Hilfestellungen an. Sei nicht neidisch auf die Leistungen anderer DienerInnen, vervollkommne lieber Deine eigenen Fähigkeiten. Finde Deinen eigenen Weg, dann wirst Du erfolgreich sein.